Vor seinem letzten Sprung vom 1-Meter-Brett lag Moritz Wesemann auf Rang zwei, EM-Gold war noch drin. Ein möglichst perfekter, schwieriger Sprung musste nun her, um dem Briten Jack Laugher den Titel in Paris noch zu entreißen. Und genau das zeigte der Deutsche dann: einen sauberen eineinhalbfachen Auerbachsalto mit dreieinhalb Schrauben, der mit 3,6 den höchsten Schwierigkeitsgrad des Abends hatte.
Am Ende bedeutete das den Sieg und damit die erfolgreiche Titelverteidigung. „Was für eine Nervenschlacht, der Junge hat Mumm bewiesen“, sagte Chef-Bundestrainer Christoph Bohm, bei dem Wesemann neuerdings trainiert.
Am zweiten Tag der Europameisterschaften im Wasserspringen sorgte der 24-Jährige damit für das erste Gold des deutschen Teams. Mit 431,45 Zählern siegte er am Ende sogar noch mit großem Vorsprung (13,20 Punkte) vor Laugher und dessen Landsmann Jordan Haulden. Zuvor hatte das deutsche Synchron-Paar Pauline Pfeif und Elena Wasser vom Turm Silber hinter den Britinnen Maisie Bond und Lois Toulson gewonnen.
„Ich bin extrem happy“, sagte Wesemann. „Vor allem, dass ich einfach den Mut, den ich Freitag scheinbar nicht auf dem Brett hatte, umwandeln konnte.“ Am Freitag war die deutsche Mannschaft mit einem enttäuschenden siebten Platz im Mixed-Team in die Meisterschaften gestartet.
Gold aus dem Becken gefischt: Moritz WesemannAm Samstagabend aber konnte Wesemann sowohl die Enttäuschung vom verpatzten Teamwettbewerb, als auch eine schmerzhafte Verletzung im rechten Schulterblatt beiseiteschieben. Vom ersten Sprung an war er immer auf einem Medaillenplatz. „Moritz hat stabil den Wettkampf durchgezogen, den Druck dabei auch immer oben gehalten“, lobte der Bundestrainer. „Er hat so auch die Kampfrichter ein bisschen auf seine Seite gezogen, weil er einfach mit seiner Höhe, aber auch mit seiner Eleganz beeindruckt hat. Das war einfach eine tolle Leistung.“
Duo Pfeil/Wassen fehlen nur zwei Punkte zum Sieg
Gelungen war ihm diese, weil er aus dem Wettbewerb am Freitag die richtigen Schlüsse gezogen und sich neu eingestellt hatte. „Ich hatte während des Team-Events 169er Puls, also fast 170, was ein bisschen zu hoch war“, berichtet er. „Jetzt habe ich im Vorkampf geguckt, das waren 160. Ich denke, im Finale waren es wahrscheinlich nur 140 oder 150. Und ich glaube, gewusst zu haben, wie man das dann reguliert, hat mir geholfen. Dann konnte ich genießen und Spaß haben.“ Und am Ende gewinnen. Um kurz vor Mitternacht erhielt er dann bei der Siegerehrung den goldenen Lohn.
Geholfen bei der Regulierung des Pulses haben ihm Atemübungen und das Zwiegespräch mit sich selbst. „Ich habe Freitag ein bisschen mit ChatGPT diskutiert, was ich machen kann, mir ein paar Tipps geholt“, sagte Wesemann, der kürzlich seinen Master-Studiengang in Computer-Wissenschaften abgeschlossen hat.
Vor Wesemanns Sprüngen zum Sieg hatte sich am Samstag auch das deutsche Duo Pfeil/Wassen topfit gezeigt. Nervenstark brachten sie vor allem ihren schwierigsten, dritten Sprung sicher ins Wasser. Auch davor und danach blieben sie weitgehend fehlerfrei, was außer den Berlinerinnen nur den neuen Europameisterinnen aus Großbritannien gelang.
Pauline Pfeif und Elena Wassen„Wir sind superhappy über Silber. Natürlich ärgert man sich aber ein wenig, wenn man nur knapp zwei Punkte Rückstand hat“, sagte Pfeif. Für Wassen, die im Vorjahr verletzt pausieren musste, ging mit dem Podium ein Traum in Erfüllung. „Ich wollte unbedingt eine EM-Medaille.“
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