Am 4. August beginnen die Freiwasser-Wettbewerbe der Schwimm-EM in Paris. Florian Wellbrock, Deutschlands langjähriger Vorzeigeschwimmer und Erfolgsgarant, Olympiasieger und Bronzemedaillengewinner von Tokio, hatte die Spiele 2024 als Geschlagener verlassen: Vorlauf-Aus über 800 und 1500 Meter, danach Rang acht im Freiwasser. 2025 kehrte er dann eindrucksvoll zurück und gewann in Singapur alle vier WM-Titel im Freiwasser – drei alleine, einen mit der Staffel–, dazu Rang fünf im Becken über 1500 Meter. Jetzt also wieder Paris.
WELT: Es geht zurück in die Seine. Bei der EM wird allerdings an anderer Stelle geschwommen als bei den Olympischen Spielen 2024. Schade?
Florian Wellbrock: Ja, das ist schade. Ich hätte gerne die olympische Strecke gehabt. Einfach um zu schauen: Wie fühlt es sich an, wie könnte es ausgehen, wenn ich dem Ganzen eine zweite Chance gebe?
WELT: Wie ist für Sie, an den Ort Ihrer Olympia-Enttäuschung zurückzukehren?
Wellbrock: Irgendwie freue ich mich. Ich war 2024 im Spätsommer nochmal für einen Sponsoren-Termin in Paris, bin an der Seine entlang spaziert und habe die ganzen Eindrücke auf mich einprasseln lassen. Damals waren die olympischen Ringe noch am Eiffelturm angebracht, und in der Stadt hingen noch viele Plakate. Das war für mich definitiv mit einer leichten Traurigkeit verbunden. Ich dachte: „Es ist so schade, warum hat es nicht geklappt? Du hast so lange auf so ein großes Ziel hingearbeitet – und dann das.“ Jetzt fahre ich hin und sehe es als eine neue Chance. Ich freue mich darauf.
WELT: 2025 sind Sie bei der WM triumphal zurückgekehrt. War Paris irgendwo, so bitter es vielleicht sein mag, notwendig für Ihre Zukunft in diesem Sport?
Wellbrock: Ohne spirituell zu werden – ich sage immer, dass nichts aus Zufall passiert. Wer weiß, wofür es gut war, diesen sportlichen Misserfolg zu erfahren. Die WM 2025 in Singapur hat natürlich eine Menge Spaß gemacht, aber wenn jetzt eine Fee vorbeikäme und mir anbieten würde, meine vier Goldmedaillen aus Singapur gegen eine olympische Medaille aus Paris einzutauschen, würde ich das machen. Es geht einfach nichts über eine olympische Medaille. Aber es ist, wie es ist. Ich bin danach wie Phönix aus der Asche zurückgekommen und habe gezeigt, dass ich noch schwimmen kann. Je mehr Abstand ich gewinne, desto klarer wird es auch, warum das alles so gekommen ist.
WELT: Wir sprachen zuletzt vor einem Jahr ausführlich. Haben Sie seitdem also noch neue Erkenntnis mit Blick auf Paris dazugewonnen?
Wellbrock: Tatsächlich ja. Mir ist noch viel bewusster geworden, wie wichtig die eigene Stimme des Körpers ist. Ich habe oftmals nicht auf meinen Körper gehört, wenn ich mich mal nicht gut gefühlt habe – ob mental oder körperlich. Ich bin immer ins Training gegangen, habe immer Vollgas gegeben, habe meinen Körper geschliffen, wo es nur ging. Das mache ich mittlerweile etwas anders. Ich bin deutlich vorsichtiger geworden und gebe meinem Körper die nötige Zeit, wenn er sie braucht. Ich glaube, damit fährt man insgesamt besser.
Florian Wellbrock hat auch mit der Freiwasser-Staffel die Goldmedaille gewonnen und damit seinen vierten Triumph bei den Schwimm-Weltmeisterschaften in Singapur gefeiert.WELT: Nach dem WM-Triumph im vergangenen Jahr lief dieses Jahr bisher nicht wie erhofft. Sie haben den Freiwasser-Weltcup nur auf Rang zehn beendet. Was war los?
Wellbrock: Die Saison läuft holprig und komplett anders, als ich mir das vorgestellt habe. Ich wollte in der Weltcup-Gesamtserie eigentlich unter die Top 3 schwimmen. Es begann auch gut – mit einem Sieg in Ägypten, aber danach habe ich Probleme gehabt, so richtig gut ins Training zu finden. Ich war in der Saison auch insgesamt dreimal krank, was für mich ungewöhnlich ist. Vor dem zweiten Weltcup habe ich außerdem zehn Tage pausiert, weil ich die Diagnose eines leichten Übertrainings bekommen hatte. Gestartet bin ich auf Ibiza danach zwar dennoch, einfach als Test, habe danach aber einen Weltcup ausgelassen und mich darauf konzentriert, zu Hause wieder kontinuierliches Training aufzunehmen.
WELT: Zweifelt man in solchen Momenten, wenn es nicht nach Plan läuft?
Wellbrock: Natürlich bringt das hin und wieder Zweifel mit sich. Andererseits kann ich das mittlerweile deutlich besser einordnen und bewerten. Und irgendwie ist das auch menschlich. 2025 war ich zum Beispiel gar nicht krank, habe keine einzige Trainingseinheit verpasst – jetzt hat sich der Körper vielleicht einfach seine Pausen geholt, die er gebraucht hat. Und ich gebe sie ihm.
WELT: Können Sie also wegen der Paris-Lehren jetzt einigermaßen entspannt mit der Situation umgehen und ohne schlechtes Gewissen auf Ihren Körper hören?
Wellbrock: Ja, mit Sicherheit. Es war aber ein langer Prozess. Sobald ich eine Einheit verpasst habe, hatte ich sonst immer das Gefühl: Überall auf der Welt wird gerade trainiert. Wann hole ich das wieder auf?
WELT: Damit haben Sie sich selbst natürlich enorm unter Druck gesetzt.
Wellbrock: Mittlerweile, vielleicht auch durch die Erfolge, die ich schon hatte, denke ich immer öfter: Bei all der Wichtigkeit, die das Training und der Erfolg haben, ist es nur Sport. Es gibt so viel Wichtigeres. Und die körperliche Gesundheit gehört einfach dazu. Ich brauche meinen Körper ja nicht nur für den Leistungssport, sondern danach noch viele weitere Jahre. Diese Herangehensweise nimmt auch ein bisschen Druck heraus. Und das tut mir gut.
Florian Wellbrock bei der Wahl zum „Sportler des Jahres 2025“: Platz zwei hinter Zehnkampf-Weltmeister Leo NeugebauerWELT: Was bedeutet denn der bisherige Saisonverlauf für die EM?
Wellbrock: Die Erwartungen sind ein bisschen zurückgeschraubt. Letztes Jahr war es natürlich eine gigantische Erfolgswelle – deshalb war von vornherein klar, dass es danach nur schlechter werden kann. Ich will mich in Paris auf jeden Fall auf die zehn Kilometer konzentrieren; das ist nach wie vor mein Hauptevent. Wenn ich da in die Top Ten komme, haben wir dieses Jahr schon viel erreicht. Ich hoffe vor allem auch, dass die Wasserwerte so weit passen, dass niemand krank wird. 2024 war das ja bei einigen Athleten der Fall. Deswegen hoffe ich, dass nachhaltig wirklich etwas an den Wasserwerten verändert werden konnte – so, wie die Politik es der Gesellschaft versprochen hatte – und wir halbwegs sauberes Wasser vorfinden.
WELT: Sauberes Wasser war zuletzt beim Weltcup in Portugal ein großes Thema. Dort sind mehrere Athletinnen erkrankt. Gibt es im Freiwasser generell Handlungsbedarf?
Wellbrock: Meiner Meinung nach auf jeden Fall. Freiwasserschwimmen ist ja noch mehr Nische als Schwimmschwimmen ohnehin schon. Und du hilfst als Verband oder als Veranstalter nicht, einen Sport oder ein Event groß zu machen, wenn du den wichtigsten Akteuren, also den Athleten, Steine in den Weg legst. Meiner Meinung nach müsste das Ziel des Weltverbandes sein, weiter gute Sportler aus dem Becken ins Freiwasser zu locken, damit noch mehr Qualität, mehr Geschwindigkeit reinkommt. Aber schlechte Bedingungen schrecken natürlich ab. Sicherheit und Gesundheit müssen Priorität Nummer eins sein, aber das ist offensichtlich nicht gegeben, wenn etwa zehn Athletinnen nach einem Wettkampf im Krankenhaus ärztlich versorgt werden.
WELT: Es hat sich im Vergleich zu früher viel getan, aber offensichtlich nicht genug?
Wellbrock: Ich habe nach wie vor das Gefühl, dass es zu wenig ist. Bei der WM in Singapur hatten wir die Situation, dass wir teilweise um sechs Uhr morgens die Nachricht bekamen, wann wir denn am Tag schwimmen oder ob wir überhaupt schwimmen, weil die Wasserwerte nicht passten oder/und die Wassertemperaturen zu hoch waren. In vielen anderen Sporteisen wäre es unvorstellbar, mit den Athleten so umzugehen. Und man kann von vornherein Gewässer auswählen, deren Qualität stabil ist.
WELT: Lassen Sie uns zurückkommen zur EM. Im Becken werden Sie nicht antreten. Am 16. August ist in Long Beach ein Freiwasser-Wettkampf – treten Sie stattdessen dort an und testen die olympische Strecke?
Wellbrock: Es wird in Los Angeles dieses Jahr zwar leider nicht der richtige Olympiakurs von 2028 sein, aber ich werde dort antreten. So kann ich in L.A. schon mal einen Wettkampf schwimmen und habe außerdem die Möglichkeit, auf dem richtigen Olympiakurs zu trainieren. Das wird eine Art Olympia-Test-Event. Ich habe ein ähnliches Test-Event damals vor den Spielen in Tokio nicht gemacht, was mich später ein bisschen geärgert hat. Deswegen möchte ich mir die Chance jetzt nicht nehmen lassen. Im Februar hatten wir deshalb beschlossen, uns dieses Jahr aufs Freiwasser zu konzentrieren.
WELT: Werden Sie dennoch wieder im Becken antreten?
Wellbrock: Ja, das ist der Plan. Nächstes Jahr möchte ich auf jeden Fall zurück auf die 1500 Meter, und auch auf die 800. Was da dieses Jahr bei den Jungs in Deutschland mit Sven Schwarz, Oliver Klemet, Lukas Märtens und Johannes Liebmann abgeht, ist Wahnsinn. Das wird kein Leichtes sein für mich. Aber gerade bei den 1500 Metern hängt so viel Herz dran – die möchte ich nächstes Jahr bei der WM auf jeden Fall schwimmen.
Zug um Zug: Florian Wellbrock 2025 auf dem Weg zu WM-Gold über zehn KilometerWELT: Bei der EM werden es jetzt in den Vorläufen über 400, 800 und 1500 Meter deutsche Ausscheidungsrennen, da nur zwei Athleten einer Nation ins Finale dürfen. Medaillenchancen haben pro Strecke allerdings jeweils drei, teils sogar vier Deutsche. Wie sehen Sie die Situation?
Wellbrock: Es ist mit Sicherheit keine einfache Situation. Keiner muss den Vorlauf so anstrengend gestalten wie die Deutschen auf den langen Kraulstrecken. Es wird interessant sein, welche zwei sich jeweils durchsetzen werden und wie schnell die Jungs dann fürs Finale regenerieren können. Das wird eine Mammutsaufgabe.
WELT: Während sich die Konkurrenz im Vorlauf nicht auspowern muss und den Deutschen am Ende eventuell Körner fehlen könnten. Ein Wort zu Johannes Liebmann. Er sagt, dass er sehr von Ihrer Erfahrung profitiere, Sie ihm helfen und ein Ansprechpartner sind. Wie sehen Sie ihn als Schwimmer, als Typen?
Wellbrock: Gefährlich! Es ist wahnsinnig interessant und spannend, mit Johannes als Trainingskollege zusammenzuarbeiten. Er bringt enorm viel mit, um ein extrem gutes Niveau zu erreichen. Sein Europarekord wird mit Sicherheit noch nicht das Ende gewesen sein. Das Tolle bei ihm ist dieses Wissbegierige. Er ist keiner, der denkt: „Ich bin jetzt Europarekordhalter, weiß alles und bin der Coolste.“ Stattdessen schaut er sich um und beobachtet: Wie machen das die Jungs, die ein bisschen mehr Erfahrung haben? Wenn er unsicher ist, fragt er nach. Diese Herangehensweise und Art gepaart mit gutem Training, seinem großen Talent und allem, was dazugehört kann ihn für die nächsten Jahre richtig gefährlich machen.
WELT: Wagen Sie einen Tipp für die 400, 800 und 1500 Meter? Wer setzt sich durch?
Wellbrock: Bei den 400 würde ich behaupten, dass sich Lukas und Olli Klemet fürs Finale durchsetzen. Dann hoffe ich, dass Lukas und Olli dort auch Platz eins und zwei belegen. Über die 800 denke ich, dass sich Sven und Johannes durchsetzen und dass Johannes als Europarekordhalter gute Chancen hat, im Finale zu gewinnen. Ich gehe aber auch davon aus, dass Sven eine Medaille holen wird. Die 1500 finde ich am schwersten abzuschätzen, glaube aber, dass sich auch dort Sven und Johannes durchsetzen. Olli wird vielleicht ein bisschen angeknackst sein aufgrund der Freiwasser-Wettkämpfe vorab.
WELT: Oliver Klemet schwimmt im Freiwasser voraussichtlich alles, hat ein immenses Pensum. Erst danach kommen ja die Becken-Wettbewerbe.
Wellbrock: Er hat ein beachtliches Programm. Das könnte über die 1500 Meter durchaus eine entscheidende Rolle spielen. Aber auch hier gehört Johannes für mich zu den ganz heißen Kandidaten. Ich glaube, Johannes bringt alles mit, um über kurz oder lang auch meinen deutschen Rekord anzugreifen. Und ich muss sagen: Sven war kürzlich bei uns Magdeburgern mit im Trainingslager, und es war schon echt stark, was Johannes, Olli und er da abgeliefert haben. Da kann ich nur meinen Hut ziehen.
WELT: Umso interessanter, dass Sie nächstes Jahr da wieder eingreifen wollen. Es schreckt Sie also nicht ab?
Wellbrock: Ich bin letztes Jahr eine 14:36 geschwommen und halte nach wie vor den deutschen Rekord. Ich muss mich nicht verstecken. Wenn es nicht klappt, dann ist es so, aber ich möchte es auf jeden Fall versuchen. Und solange ich daran glaube, dass ich es schaffen kann, steht dem nichts im Wege.
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