Vor einem Jahr sprachen sie im Berliner Stadtteil Westend noch vom Aufstieg. Präsident Fabian Drescher und Trainer Stefan Leitl formulierten die Rückkehr in die Fußball-Bundesliga als klares Ziel für Hertha BSC. Der Kader wurde mit erfahrenen Spielern verstärkt, Leistungsträger wie Fabian Reese und Michaël Cuisance erhielten langfristige Verträge. Alles war auf den schnellen Erfolg ausgerichtet. Ein Jahr später ist der Optimismus verflogen, die Ausgangslage eine vollkommen andere.
Denn die vergangene Saison hat vor allem eines gezeigt: Hertha war nie so gut, wie es die Ambitionen vermuten ließen. Zwar beendeten die Berliner die Spielzeit auf Rang sieben und damit besser als in den beiden Jahren nach dem Abstieg 2023 (2024: Platz neun, 2025: Rang elf). Tatsächlich spielte die Mannschaft statistisch aber kaum wie ein Aufstiegskandidat.
Das Team gehörte im Ballbesitzspiel oft nur zum Tabellenmittelfeld, kreierte zu wenige Chancen und fand gegen tief stehende Gegner kaum Lösungen. Auch die Defensive wirkte stabiler, als sie tatsächlich war – nicht zuletzt dank Torhüter Tjark Ernst, der zahlreiche Gegentore verhinderte. Der größte Befund der Saison war deshalb nicht das Verpassen des Aufstiegs, sondern das Fehlen einer klaren Spielidee. Aus guten Einzelspielern entstand nie eine wirklich funktionierende Mannschaft.
Hertha BSC: Der Preis für das Scheitern
Dabei ist das Scheitern an den eigenen Ansprüchen längst kein Einzelfall mehr. Hertha geht in die vierte Zweitligasaison nach dem Abstieg aus der Erstklassigkeit. In jeder der vergangenen drei Spielzeiten gerieten die Berliner früh ins Hintertreffen. Nach den ersten fünf Spielen der Saison 2023/2024 standen lediglich drei Punkte auf dem Konto, ein Jahr später waren es sieben. Auch in der vergangenen Saison gelang nur ein Sieg aus den ersten fünf Partien.
Da spielte er noch für Hertha: Fabian ReeseDas hat Konsequenzen. Unter finanziellem Druck musste der Verein seinen Kurs nun radikal verändern. Die Berliner verkauften mit ihrem Leitwolf und ihrer Identifikationsfigur Reese (Wolfsburg), Kreativmotor Cuisance (Lens) sowie Torhüter Ernst (Feyenoord Rotterdam) gleich mehrere Schlüsselspieler. Zudem wechselte Toptalent Kennet Eichhorn zu Bayer Leverkusen. Insgesamt verließen bereits zwölf Profis den Verein. Weitere Spieler wie Linus Gechter oder Marten Winkler gelten als Wechselkandidaten, würden gern gehen.
Der Kaderwert stürzte innerhalb weniger Wochen massiv ab – von 62 Millionen Euro am Ende der vergangenen Saison auf knapp 22 Millionen Euro vor dem Eintreffen des ersten Zugangs. Das entspricht nur noch dem Ligadurchschnitt. Kaum ein anderer Zweitligaklub hat im Sommer einen vergleichbaren Substanzverlust erlebt.
Wer schießt in der neuen Spielzeit die Tore für Hertha?
Dieser ist vor allem Ausdruck der wirtschaftlichen Realität. Hertha muss sparen, den Personaletat deutlich reduzieren und Transferüberschüsse erwirtschaften. Mehr als 25,5 Millionen Euro sollen die Verkäufe bereits eingebracht haben. Der finanzielle Handlungsspielraum bleibt dennoch begrenzt. Auch deshalb setzen die Berliner verstärkt auf Leihgeschäfte und günstige Lösungen.
Hertha startet damit nicht mehr als Jäger der Aufstiegsplätze in die neue Saison, sondern als eine der größten Baustellen der Liga. Zwar gelang es wenige Tage vor Saisonbeginn, in dem vom FC Burnley ausgeliehenen Oluwaseun Adewumi endlich den ersten externen Zugang vorzustellen. Dem stehen allerdings bereits zwölf Abgänge gegenüber. Die sportliche Achse der Vorsaison ist weitgehend auseinandergebrochen, auf mehreren Positionen besteht weiterhin akuter Handlungsbedarf.
Dabei bleiben die Baustellen offensichtlich. Auf Schlüsselpositionen sucht Hertha weiter händeringend nach neuem Personal. Wer schießt in der neuen Spielzeit die Tore? Wer steht zwischen den Pfosten? Zudem steht der Hauptstadtklub weiter ohne gelernten Linksverteidiger da. Die Zeit drängt knapp eine Woche vor der Saisoneröffnung auswärts gegen den VfL Bochum. Und die Möglichkeiten sind begrenzt.
Die Jugend wird zur Fundgrube
Damit rückt ein Thema in den Mittelpunkt, das in den vergangenen Jahren oft angekündigt, aber selten konsequent verfolgt wurde: der Nachwuchs. Im Trainingslager in Kitzbühel erhielten zahlreiche Talente Einsatzzeiten und Verantwortung. Spieler wie Soufian Gouram, Selim Telib, Jelani Ndi, Niklas Hildebrandt, Jerome Diallo oder Boris Mamuzah Lum könnten oder müssten bereits in dieser Saison eine wichtige Rolle spielen. Der oft beschworene Berliner Weg wird damit erstmals nicht nur aus Überzeugung, sondern auch aus der Notwendigkeit heraus beschritten.
Die Stimmung innerhalb der Mannschaft ist dennoch erstaunlich entspannt. Trainer Leitl hatte noch Mitte Juli gefordert: „Es muss jetzt definitiv was passieren.“ Sein Wunsch, bereits im Trainingslager mehrere Zugänge integrieren zu können, erfüllte sich allerdings nicht. Adewumi stieß erst kurz vor dem Ende des Aufenthalts in Tirol zur Mannschaft.
Ab jetzt für Hertha im Einsatz: Oluwaseun AdewumiNach dem Trainingslager in Kitzbühel übte sich Leitl indes in Gelassenheit. „Wir konnten unser Programm komplett durchziehen. Der komplette Kader stand zur Verfügung, wir hatten keinen Ausfall. Das war natürlich super, weil wir sehr gut arbeiten konnten. Wir sind auf einem ordentlichen Weg.“ Die Mannschaft bereite ihm große Freude, der Teamgeist stimme.
Geschäftsführer Peter Görlich hatte bereits im Frühjahr die „größte Transformation im Fußball“ angekündigt. Gemeint ist mehr als ein gewöhnlicher Kaderumbau. Scouting, Trainingsarbeit und die grundsätzliche sportliche Ausrichtung des Vereins müssen neu gedacht werden.
Für Hertha geht es darum, Stabilität zu finden
Anders als im vergangenen Sommer verlief die Vorbereitung immerhin weitgehend ohne größere Verletzungsprobleme. Linksaußen Gustav Christensen muss zwar wegen einer Schulterprellung noch pausieren, sollte zum Auftakt gegen Bochum aber wieder fit sein. Zudem entschieden sich in Josip Brekalo und Julian Eitschberger immerhin zwei umworbene Spieler dafür, in Berlin zu bleiben.
Die neue Saison beginnt damit unter völlig anderen Vorzeichen als die vergangene. Vor einem Jahr lautete die Frage, ob Hertha aufsteigen kann. Heute lautet sie, wie konkurrenzfähig diese Mannschaft nach dem radikalen Umbruch überhaupt ist. Alles neben dem Klassenverbleib scheint in der neuen Spielzeit Bonus zu sein.
Nach mehreren schwachen Saisonstarts würde ein erneuter Fehlbeginn die Nervosität im Umfeld schnell wieder wachsen lassen. Der erste Leidtragende wäre dann wohl – wie so häufig – der Trainer: Stefan Leitl. Für Hertha geht es deshalb nicht um die Bundesliga. Es geht darum, Stabilität zu finden. Nach dem größten Umbruch seit Jahren wäre schon viel gewonnen, wenn am Ende der Saison wieder erkennbar wäre, in welche Richtung sich der Klub sportlich und strukturell entwickelt.
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