Es war das größte Rennen seines Lebens. Wenn an diesem Sonntagabend in Paris die 113. Tour de France zu Ende geht, wird Bjarne Riis ganz genau hinschauen. Was Tadej Pogacar erleben wird, als Sieger auf den Champs-Élysées einzufahren, schaffte der Däne vor 30 Jahren. Im Schlepptau Jan Ullrich. Doppelsieg für Team Telekom. Für Riis sollte es der Höhepunkt seiner Karriere bleiben. Es folgten bewegte Zeiten mit weiteren Höhen, vor allem aber Tiefen.

Wenn er an 1996 denke, habe er „gemischte Gefühle“, erzählte Riis nun der französischen Sporttageszeitung „L’Equipe“. Es sei „eine Mischung aus Stolz und Bedauern. Da ist zum einen die Tour selbst, mein Sieg, das Gelbe Trikot, meine Leistung, der Triumph, die Champs-Élysées. So viele fantastische Momente“. Und dann sei da „natürlich das, was danach geschah. Es hat mich ganz klar sehr beeinflusst, auf verschiedene Weise, und mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin, im Guten wie im Schlechten. Es waren sehr schwierige Zeiten, aber so ist es nun mal, ich kann es nicht ändern. Es gehört zu mir“, berichtete der 62-Jährige.

Pleite, Depressionen, Doping – mit all dem hatte Riis in den vergangenen drei Jahrzehnten zu kämpfen. Nach seinem Karriereende 1999 war er Sportlicher Leiter bei Rennställen, und besaß auch selbst mit CSC ein Team. 2007 gestand er, von 1993 bis 1998 mit Epo gedopt zu haben, also auch bei seinem Toursieg. Heute sagt er: „Ich habe meinen Frieden gefunden. Ich habe all diese Prüfungen durchgemacht. Aber die Menschen haben immer noch großen Respekt vor mir, und ich weiß das zu schätzen. Es ist wichtig, standhaft zu bleiben, auch wenn es schwerfällt.“

„Es hat Jahre gedauert“, sagt Riis über seinen Kampf gegen die Depression

Dass er an Depressionen litt, machte Riis schon vor 15 Jahren öffentlich. „Ich stand viele Jahre unter Druck, das war nicht einfach. Die Anschuldigungen, all das. Irgendwann reicht es einfach, und der Körper kann nicht mehr“, sagt er. Dazu kamen finanzielle Probleme. Die Firma IT Factory, ein Sponsor des Teams Saxo Bank, das ihm gehörte, war 2009 über ihren Chef in einen Finanzskandal verwickelt. „Ich verlor viel Geld, 20 Millionen Euro in vier Jahren, auch mein eigenes“, enthüllt er. Einer der Auslöser für die Depression.

Einzige Lösung: Einen Käufer finden. „Ich kämpfte darum, das Team über Wasser zu halten. Das gelang mir, bis ich es im Dezember 2013 an Oleg Tinkov verkaufte, weil ich den Druck nicht mehr aushielt“, sagte Riis: „All das zusammen war hart. Ich fiel in diese Depression. Es hat Jahre gedauert, aber ich habe es geschafft, da rauszukommen, und ich würde sagen, ich stehe heute auf der richtigen Seite.“

Riis 2014 als Teamchef von Saxo Bank mit seinem spanischen Starfahrer Alberto Contador

Bei Telekom wurde in den 90er-Jahren systematisch gedopt. Nicht nur Riis, auch Erik Zabel und der heutige Eurosport-Experte Rolf Aldag gaben später Epo-Doping zu. Ullrich sträubte sich, machte erst sehr spät reinen Tisch. Dass er 1996 zu Recht gewann, davon ist Riis, wohl auch aufgrund der „Gleichheit der Waffen“ in der Doping-Ära, überzeugt: „Natürlich bin ich stolz darauf, die Tour gewonnen zu haben. Ich war in dem Jahr der Stärkste. Bereue ich die Umstände? Ja, das tue ich. Wir sollten sie alle bereuen, alle, die im Radsport aktiv sind. Aber ich kann sie nicht ändern, ich muss damit leben, und ich denke, der Rest der Welt auch. Leider war es eben so damals.“

Nach vielen Jahren in der Schweiz lebt Riis mit seiner Frau, der Handball-Olympiasiegerin und ehemaligen Weltmeisterin Anne Tanderup, heute wieder in seiner Heimat, in Vejle. Er sitzt in mehreren dänischen Unternehmen im Aufsichtsrat. „Ich verfolge den Radsport, ich kommentiere auch Rennen, aber ich habe andere Interessen und möchte jetzt andere Dinge tun“, sagt er. Zur Tour de France wird er vorerst nur noch als Tourist kommen.

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