Die Belastungen der Profis lassen sich dabei nur schwer auf Hobbysportler übertragen. Auf besonders schweren Bergetappen können Fahrer inklusive Grundumsatz mehr als 8000 Kilokalorien pro Tag verbrauchen. Dennoch lassen sich aus den Ernährungsstrategien der Tour-Stars einige Lehren für den Alltag ableiten.
Selbst Olympiasieger Remco Evenepoel hält sich nicht immer sklavisch an den Ernährungsplan. „An den großen Tagen ein bisschen Nutella, weil es Kraft in den Beinen gibt“, sagte der Red-Bull-Fahrer. Die eigentliche Botschaft des modernen Radsports lautet allerdings nicht Genuss statt Disziplin, sondern: Die Energiezufuhr muss zur Belastung passen.
Remco Evenepoel aus Belgien greift auch gern mal zum NutellaEine der größten Veränderungen im professionellen Radsport betrifft den Umgang mit Kohlenhydraten. Während viele Athleten früher eher zurückhaltend damit umgingen, stehen sie heute im Zentrum der Ernährungsstrategie.
Kohlenhydrate sind wieder König
Adam Plucinski, Ernährungsexperte im Schweizer Pinarello-Team, beschreibt diese Entwicklung als einen wesentlichen Teil des sportlichen Fortschritts. Fahrer nehmen heute während des Rennens deutlich mehr Kohlenhydrate auf als noch vor wenigen Jahren. Moderne Produkte ermöglichen laut Plucinski sogar bis zu 120 Gramm pro Stunde. Die Folge ist nicht automatisch mehr Leistung, wohl aber die Fähigkeit, hohe Belastungen länger aufrechtzuerhalten und sich über mehrere Tage besser zu erholen.
Für Freizeitsportler bedeutet das: Wer mehrere Stunden unterwegs ist, sollte Kohlenhydrate nicht grundsätzlich meiden. Der Körper benötigt sie als schnell verfügbare Energiequelle.
Nicht erst essen, wenn der Hunger kommt
Die Tour-Profis verlassen sich nicht auf ihr Bauchgefühl. Vor jeder Etappe wird genau geplant, wann und wie viele Kohlenhydrate aufgenommen werden sollen.
„Von den beiden Flaschen pro Stunde ist eine mit Elektrolyten und mit 40 Gramm Kohlenhydraten bei härteren Etappen und 30 Gramm Kohlenhydraten bei leichteren Etappen, die andere mit Wasser gefüllt“, sagte Plucinski der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Hinzu kämen zwei bis drei Gels oder Riegel pro Stunde.
Bis zu 8000 Kilokalorien verbraucht ein Radprofi auf einer Etappe der Tour de FranceDie Fahrer erhalten ihre Verpflegung kontinuierlich. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass ein einmal entstandenes Energiedefizit nur schwer wieder auszugleichen ist. Auch Freizeitsportler können daraus lernen. Wer bei längeren Ausfahrten erst dann isst, wenn der Hunger bereits deutlich spürbar wird, reagiert häufig zu spät.
Vor Belastungen zählt Verträglichkeit
Viele Hobbysportler greifen vor dem Sport automatisch zu besonders ballaststoffreichen Lebensmitteln. Im Profisport steht vor wichtigen Etappen dagegen oft die möglichst einfache Verdauung im Vordergrund.
Plucinski berichtet, dass an besonders harten Tagen beispielsweise nicht Vollkornpasta oder brauner Reis serviert werden. Entscheidend sei vielmehr, möglichst viele Kohlenhydrate in einer gut verträglichen Form aufzunehmen.
Einen ähnlichen Einblick gab zuletzt das Team Red Bull. Vor einer Bergetappe standen unter anderem Brotpudding mit Äpfeln und Rosinen, Gnocchi mit Tomatensoße und Hähnchenbrust sowie ein kleiner Nachtisch auf dem Speiseplan. Die Teamköchin beschrieb das Prinzip als Essen mit vielen Kohlenhydraten, wenig Fett und einer möglichst guten Verdaulichkeit.
Die Lehre daraus ist nicht, Vollkornprodukte grundsätzlich zu meiden. Vor langen oder besonders intensiven Belastungen kann eine leicht verdauliche Mahlzeit jedoch die bessere Wahl sein.
Die Regeneration beginnt im Ziel
Wer auf einer Tour-Etappe mehrere Tausend Kalorien verbrennt, kann den Energiebedarf nicht allein mit Frühstück und Abendessen decken. Deshalb folgt bei den Profis direkt nach dem Rennen die nächste Phase der Ernährung.
Plucinski schildert einen festen Ablauf: Nach der Ankunft gibt es einen Regenerations-Shake und Kirschsaft, anschließend ein Regenerationsessen, später einen Snack und schließlich das Abendessen. An besonders belastenden Tagen müssen die Teams zusätzlich mit Säften oder Shakes nachhelfen, um die erforderlichen Kohlenhydratmengen zu erreichen.
Auch für Freizeitsportler ist das eine wichtige Erkenntnis. Wer regelmäßig trainiert oder an mehreren Tagen hintereinander Sport treibt, sollte die Versorgung nach der Belastung nicht vernachlässigen.
Essen gewinnt keine Tour – schlechte Ernährung kann sie aber kosten
Die Bedeutung der Ernährung ist im Profiradsport heute größer denn je. Red-Bull-Teamchef Ralph Denk bezeichnete die Entwicklung auf diesem Gebiet einst als einen „absoluten Gamechanger“.
Gleichzeitig warnen Experten vor falschen Erwartungen. Es gibt kein Lebensmittel, das plötzlich deutlich mehr Leistung ermöglicht. Ernährung ersetzt kein Training und keine körperlichen Voraussetzungen. Sie entscheidet jedoch mit darüber, wie lange ein Athlet seine Leistung abrufen kann und wie gut er sich von Belastungen erholt. Oder wie Plucinski es sinngemäß beschreibt: Mit der Ernährung allein gewinnt man keine Tour de France. Man kann sie aber verlieren. Für Hobby-Athleten dürfte genau darin die wichtigste Lektion aus dem Profisport liegen.
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