Das Ende war bizarr. Frank Baumann war der Aufforderung, sich von seinem Platz zu erheben, zunächst etwas zögerlich nachgekommen. Dann aber folgte der Sportvorstand den Anweisungen, die ihm gegeben wurden. Er solle ein Playback starten, sagte ihm der Mann, der bei der Mitgliederversammlung des FC Schalke 04 auf die Bühne gekommen war, weil er einen Redebeitrag unter dem Punkt „Verschiedenes“ angemeldet hatte. Doch der Herr im Rentenalter führte etwas ganz anderes im Schilde.

Denn nachdem Baumann tatsächlich wie geheißen auf das Smartphone des Vereinsmitgliedes gedrückt hatte, ertönte Musik – und der vermeintliche Redner, der zuvor bereits ein selbst gedichtetes Schalke-Lied gesungen hatte, schnappte sich die verdutzte Christina Rühl-Hamers, die Finanzvorständin des Bundesliga-Aufsteigers, und wollte mit ihr ernsthaft ein Tänzchen auf das Parkett legen. Die anwesenden Mitglieder in der Schalker Arena lachten und grölten. Baumann grinste. Er dürfte sich allerdings auch gefragt haben: Wo bin ich hier gelandet?

So ging am Samstag nach sechseinhalb Stunden die königsblaue Versammlung zu Ende – in gelöster, fast schon launiger Atmosphäre. Eine Selbstverständlichkeit war das nicht. Denn trotz der Rückkehr in die Erste Liga und einer gewissen wirtschaftlichen Konsolidierung hatte es im Vorfeld teils heftige öffentliche Auseinandersetzungen gegeben. Es gab eine Kontroverse, ob der frühere Vereinspatron Clemens Tönnies ins Ehrenpräsidium gewählt werden sollte. Nach langem Gezerre zog Tönnies seine Kandidatur schließlich am Vortag der Versammlung zurück.

Vor der Schalker Mitgliederversammlung plötzlich wieder im Fokus: Clemens Tönnies

Gleichzeitig tobte ein Streit unter den organisierten Fans um Einfluss und die Vergabe von Eintrittskarten. Der mitgliederstarke Schalker Fanclub-Verband (SFCV) hatte sogar eine Wahlempfehlung für die Gegenkandidaten des Aufsichtsratsvorsitzenden Axel Hefer ausgesprochen. Am Ende wurden Hefer, der einflussreichste Schalker Funktionär, und sein Mitstreiter Holger Brauner dennoch mit klarer Mehrheit wieder in das Kontrollgremium gewählt.

Hefer wirkte anschließend erleichtert. Ernsthafte Sorgen, dass seine Amtszeit nach fünf Jahren zu Ende gehen könnte, hatte er sich allerdings nicht gemacht. Er habe eine „Grundzufriedenheit“ unter den Mitgliedern festgestellt. „Es läuft in allen Bereichen sehr gut. Das hat dazu beigetragen, dass die Emotionen nicht zu hochgekocht sind“, erklärte er.

Baumann gibt Schalke neue Hoffnung

Wesentlich dazu beigetragen hat vor allem die Arbeit von Baumann. Der ehemalige Nationalspieler, der seit gut einem Jahr auf Schalke tätig ist, wurde immer wieder gelobt. Dank Baumann habe er sogar wieder die Hoffnung, mit Schalke noch einmal eine Meisterschaft zu erleben, sagte ein älteres Mitglied.

Baumann selbst nutzte die Gelegenheit und blickte auf die erfolgreiche Saison zurück, in der sich die personell stark veränderte Mannschaft, die in der Spielzeit zuvor teilweise gegen den Abstieg gekämpft hatte, mit 70 Punkten die Zweitliga-Meisterschaft sicherte. Dies sei möglich gewesen, weil die Spieler nach dem Motto „weniger quatschen, mehr machen“ agiert hätten. Ähnlich müsse auch die Herangehensweise in der Ersten Liga sein: „Aggressiv, mutig und intensiv.“ Unter großem Beifall begrüßte Baumann die Mannschaft in der Arena – mit den bereits feststehenden Zugängen Robin Gosens, Satashi Tanaka, Junior Adamu und Luca Vozar.

Baumann lotste ihn zu Schalke: der langjährige Nationalspieler Robin Gosens

Baumann warnte jedoch vor überzogenen Erwartungen. Es werde darum gehen, sich in der Bundesliga zu etablieren – und die Herausforderungen anzunehmen. Die Mannschaft müsse sich auf eine höhere Intensität einstellen. „Wir werden noch mehr dem Ball hinterherlaufen müssen“, sagte er. Gleichzeitig sei noch mit einer größeren Zahl von Spielerabgängen zu rechnen.

Dieser Umstand ergibt sich aus einer Hypothek, die Baumann vor einem Jahr vorgefunden hatte. Schalkes Handlungsfähigkeit ist aufgrund des negativen Eigenkapitals, das sich aktuell auf 96,6 Millionen beläuft, eingeschränkt. 2027 muss der Verein erstmals die Vorgabe der Deutschen Fußball Liga (DFL) im Hinblick auf die Bundesliga erfüllen: Das negative Eigenkapital muss dann um mindestens zehn Prozent reduziert werden. Andernfalls droht ein Punkteabzug. „2027 wird ein brutal schweres Jahr“, warnte Rühl-Hamers. Es sei, so die Finanzvorständin, zu riskant, nur darauf zu setzen, dass dies durch Transfererlöse gelingen könne. Schalke brauche zusätzliche Einnahmen.

Der Aufstieg löst Schalkes Geldprobleme nicht

Ein Werkzeug dazu soll die „Auf Schalke eG Fördergenossenschaft“ sein, über die Anteile an der Stadiongesellschaft erworben werden können. Allerdings: Bislang hält sich das Interesse stark in Grenzen.

Die wirtschaftlichen Herausforderungen, die der Verein zu bewältigen hat, sind nach wie vor groß. Hefer und der Vorstandsvorsitzende Matthias Tillmann hatten bis vor einem Jahr stark in der Kritik gestanden. Auch am Samstag gab es wieder Vorwürfe gegen das Duo – doch waren sie bei weitem nicht mehr so laut und vermehrt wie auf den letzten Mitgliederversammlungen.

Dies liegt vor allem am sportlichen Erfolg – aber auch daran, dass viele Mitglieder seit der Installierung von Frank Baumann als Sportvorstand wieder Hoffnung haben, dass es gelingen kann, Schalke wieder in der Bundesliga zu etablieren. Der ehemalige Bremer, von dem viele vor einem Jahr gemutmaßt hatten, dass er wegen seiner zurückhaltenden Art nicht so recht nach Schalke passen würde, war der stille Star der Mitgliederversammlung.

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