Im Boxen würde man sagen: Er ist der Meister aller Klassen. In seinem Sport sehen ihn viele schon als den Größten der Geschichte an, größer als den legendären Eddy Merckx (81).
Tadej Pogacar führt schon wieder klar die Gesamtwertung der Tour de France an, baute seinen Vorsprung mit dem Etappensieg am Samstag sogar noch aus. Er müsste stürzen oder es müsste ein Wunder geschehen, damit er am kommenden Sonntag auf dem Champs-Élysées in Paris nicht seinen fünften Toursieg feiern kann. Er ist der Tourminator.
Vor einem Jahr war der 27-jährige Slowene so jung wie kein anderer Fahrer bei seinem vierten Erfolg. Mit seinem fünften Triumph würde Pogacar zu den Ikonen Merckx, Jacques Anquetil (†53), Bernard Hinault (71) und Miguel Indurain (62) aufschließen. Dabei soll es nicht bleiben.
„Er weiß, was die wirkliche Bestmarke ist“, sagt Lance Armstrong. Der Amerikaner gewann die Tour siebenmal, doch wegen Dopings wurden ihm alle Erfolge aberkannt. Ex-Topsprinter Marcel Kittel sagte der „Bild“: „Pogacar wird schon seine Augen auf die sieben Titel von Lance haben.“ Bei der aktuellen Dominanz kann das 2028 so weit sein.
Pogacar ist enorm titelhungrig – nicht nur bei der Tour de France
Was treibt Pogacar an? Da ist zum einen die Titelsucht. Er ist besessen von Bestmarken: meiste Toursiege, alle drei Grand Tours gewinnen (außer der Tour de France noch Giro d‘Italia und Vuelta), alle fünf Monumente (Klassiker wie Paris-Roubaix oder Mailand-Sanremo). Dazu möglichst alle Rundfahrten ab einer Woche Länge, WM-Titel und Olympia-Gold. Das meiste hat er geschafft, es fehlen der Olympiasieg, die Vuelta und Paris-Roubaix.
Zum anderen vergisst er nichts und will die eine oder andere Niederlage, die er als Schmach sieht, tilgen. So wie bei dieser Tour, als er in Le Lioran genau da als Erster über die Ziellinie fuhr, wo er vor zwei Jahren von seinem Erzrivalen Jonas Vingegaard geschlagen wurde.
16 Siege an 29 Renntagen standen in diesem Jahr bis Samstag zu Buche. Eine Dominanz, die nicht jedem gefällt. Bei der Tour gab es unterwegs Buh-Rufe, weil Pogacar selbst am französischen Nationalfeiertag (14. Juli) keine Anstalten machte, einem Einheimischen den Ruhm zu überlassen. Er konterte die Missfallensbekundungen souverän: „Das motiviert uns nur noch mehr.“
Der Brite Chris Froome, Vierfachsieger wie Pogacar, sagte über seinen Nachfolger: „Er macht sie alle fertig. Ich habe früher auch sehr zeitig sehr hart gearbeitet. Aber Tadej treibt es auf die Spitze.“
Aber um jeden Preis will Pogacar die Titel nicht holen. Als seine Verlobte Urska Zigart, Radprofi wie er, nicht für Olympia 2024 nominiert wurde, fuhr auch er nicht. Kittel: „Das haben wir in der Vergangenheit nicht oft gehabt, dass jemand trotz seines riesigen Erfolges so sympathisch und bodenständig ist.“
Zum Abschluss seiner Karriere, das könnte bereits 2029 oder 2030 sein, will die Tour Pogacar den Grand Depart, den Start der Rundfahrt, in seiner Heimat Slowenien offerieren. Dass er nicht bis weit über 30 fahren will, gilt als sicher. „Ich zähle schon die Jahre bis zu meinem Rücktritt“, sagt Pogacar. Bei geschätzten acht Millionehn Euro Jahresgehalt, die ihm sein Rennstall UAE Emirates zahlt, kann er sich die Frührente locker leisten.
Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Bild am Sonntag“ veröffentlicht.
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