Vor ein paar Monaten hat Lionel Messi einen Fußballklub gekauft. Der spanische Fünftligaverein Unió Esportiva Cornellà hat seine Anhängerschaft auf Instagram seither mehr als verzwanzigfacht und liegt insofern nun vor der Hälfte der Erstligaklubs. Messi ging es allerdings weniger um den x-ten Nachweis seiner Popularität. Der 39-Jährige interessierte sich für den Klub wegen seiner renommierten Jugendarbeit. Nicht zuletzt wollte er ein Stück Heimat erwerben. Cornellà liegt vor den Toren von Barcelona.
In Katalonien hat Messi mehr Zeit gelebt als sonst irgendwo. Mit 13 Jahren kam er aus Argentinien zum FC Barcelona, weil der europäische Großklub dem kleinwüchsigen Talent die erforderliche Hormontherapie bezahlen konnte.
In Barcelona formte er den größten Teil seiner Legende, dort verabschiedete er sich 2021 unter Tränen und gegen seinen Willen, dorthin möchte er nach seiner aktiven Karriere als Fußballspieler zurückkehren. In der Zwischenzeit hat er sich das Barça-Wappen auf das linke Bein tätowiert, neben seine Rückennummer zehn, einen Fußball und das Logo Argentiniens.
Der Fußball-Spanier Messi trifft auf die Spanier
Wenn Messi nun an diesem Sonntag im WM-Finale (21.00 Uhr, im Sport-Ticker der WELT und bei MagentaTV sowie ZDF) mit seiner ersten Heimat Argentinien auf seine zweite Heimat Spanien trifft, dann schließt sich der Kreis seiner Karriere also auf eine Weise, wie sie kein Drehbuchschreiber besser erfinden könnte. Der Fußball-Spanier trifft auf die Spanier. „Danke an Gott, er hat mir zu viel geschenkt“, sagte Messi schon eingangs des Turniers, als er den WM-Torrekord von Miroslav Klose übernahm. Mit 39 Jahren avancierte er dann noch einmal zum MVP des Turniers, unter anderem dank acht Toren und vier Torvorlagen.
Messi wird nach der WM noch weiter für seinen Verein Miami United spielen. Aber dieses Endspiel in New Jersey wird sein letztes großes Match. Es geht also auf eine Weise zu Ende, wie sie diesem einzigartigen Angreifer gebührt, der immer für eine kindliche Liebe zum Fußball stand: romantisch.
Spieler mit den meisten Toren bei WM-Endrunden (21) und mit den meisten Torvorlagen (12). Ältester Feldspieler je in einem WM-Endspiel. Zweiter Spieler nach dem Brasilianer Cafú, der ein drittes WM-Finale bestreitet (Pelé ist zwar dreimaliger Weltmeister, verpasste 1962 aber einen Großteil des Turniers verletzt) und erster Spieler, der es jeweils als Kapitän getan hat. Ziemlich sicher auch der erste Spieler, nach dem schon vor dem Anpfiff eine Straße in der Nähe des Finalstadions benannt wurde. In der Kleinstadt Berkeley Heights, eine Stunde entfernt, gibt es seit Turnierbeginn den „Lionel Messi Way“.
Doch es sind nicht die Zahlen und Superlative, die seine Ära unvergesslich machen werden, es sind die Erinnerungen an die Schönheit seines Spiels. „Hoffentlich freuen sich die Spanier, dass Argentinien im Finale steht“, sagt Lionel Scaloni, der Trainer der Südamerikaner, „wo Leo Messi ihrem Land doch so lange so viele Freuden beschert hat.“
Scaloni weiß natürlich, dass Messi etwa die Fans von Real Madrid oft auch verzweifeln lassen hat. Doch, so der Coach, er hoffe, die Leute wüssten die Extraklasse dieses Fußballspielers gleichwohl zu würdigen. „Was müsste er noch tun, um als bester Spieler der Geschichte zu gelten? Für mich kann es da keine Zweifel mehr geben.“
Die letzte wie auch die größte Rechnung seiner Karriere hat Messi schon vor vier Jahren beglichen, als er sein Land mit 35 Jahren doch noch zum Weltmeistertitel führte. Danach wollte er es austrudeln lassen, Länderspiele endlich mal genießen, nachdem er jahrelang unter dem immensen Druck der Erwartungen seiner Landesleute und den ewigen Vergleichen mit Diego Maradona fast zerbrochen war.
Ab Jahresbeginn brachte sich Messi mit Sondereinheiten in WM-Verfassung
Ja, 2016 war er sogar schon mal kurz zurückgetreten. Damals schrieb ihm ein 15-jähriger Knirps namens Enzo Fernández einen Facebook-Post, in dem er Messi quasi anbettelte, zu bleiben: „Dich in der ‚Albiceleste‘ spielen zu sehen, ist der größte Stolz auf der Welt.“ Bei der WM 2022 standen sie dann zusammen für Argentinien auf dem Platz: Messi und Fernández. Es war schon da ziemlich romantisch.
Messi also machte weiter. Er war immer noch so gut, und die anderen wollten ihn immer noch dabei haben. 2024 verteidigte Argentinien den Titel bei der Südamerikameisterschaft. Der Wechsel in die US-Liga nach Miami 2023 erwies sich als der richtige Schritt, um sich im Verein nicht überzubelasten. Wer in den größten Fußballstadien der Welt so reüssiert hat, tut es in Amerika quasi auf einem Bein.
Meister und Torschützenkönig ist er. Ab Jahresbeginn brachte er sich mit Sondereinheiten dann in WM-Verfassung. Was bei ihm freilich nicht heißt, dass er wie ein Duracell-Häschen über den Rasen hüpfen würde. Der beste Feldspieler der WM ist auch derjenige, der am wenigsten läuft, gut sieben Kilometer pro 90 Minuten. Die Bewegungsfreudigsten kommen auf zwölf.
Eine herrliche Ironie im optimierten, verwissenschaftlichten Fußball der Zeit, der gewissen Spielertypen keine Chance mehr lässt. Es sei denn, sie sind Messi und verstehen den Fußball mit den paranormalen Kräften des Genies. Scannen und prozessieren das Geschehen in einer eigenen Geschwindigkeit. Nehmen manchmal mit einem bloßen Blick, einem Wackler und ja, auch einem Stehenbleiben mehr Einfluss auf das Spiel als andere durch eine Kanonade von Sprints.
Vor dem WM-Halbfinale zwischen England und Argentinien spricht Mats Hummels über Argentiniens Superstar Lionel Messi. „Er ist einfach der beste Fußballer, den ich je habe Fußball spielen sehen“, sagt Hummels.Die Mammut-WM 2026 war bis zum Viertelfinale eine Party für Torjäger. Kylian Mbappé, Erling Haaland, Harry Kane und Messi schienen nach Belieben zu treffen, weil sie von ihren Teams bewusst dafür eingesetzt wurden und weil die gegnerischen Verteidigungsreihen kein Gegenmittel fanden. Doch in den späteren Runden des Turniers stieg das defensive Niveau. Seit dem Viertelfinale schossen Mbappé, Haaland, Kane und Messi zusammen nur noch ein Tor. Die ersten drei schieden aus. Messi spielt das Finale, weil er trotzdem Wege fand, den Sieg herbeizuführen.
Als es im Halbfinale gegen England hart auf hart kam, schienen seine Augen plötzlich Funken zu sprühen. Da riss er das Spiel an sich und zog die Gegenspieler auf sich, trieb seine Mannschaft an, orchestrierte ein selten gesehenes Fußballfeuerwerk. 88 Prozent Ballbesitz für die Argentinier während der letzten 35 Spielminuten resultierte in zwei Pfostentreffern, mehreren Glanzparaden von Englands Torwart Jordan Pickford, aber am Ende auch den zwei Toren, die es brauchte. Beide Treffer bereitete Messi vor.
Oft spielten die anderen für ihn, jetzt spielte er für sie. Jeden um sich herum macht er besser, durch seinen Fußball, aber auch durch seinen Mythos. Alle glauben an ihn, alle folgen ihm, alle lassen sich von ihm einsetzen, wenn es das braucht, und wer weiß besser, was es wann braucht, als er? Messi hat viel zu tun mit dieser Aura der Unbesiegbarkeit, die Argentinien ins Finale getragen hat, mit diesem Eindruck, dass es fast egal ist, wer sich, außer ihm, das Trikot überstreift – jeder ist ein „Mentalitätsmonster“, jeder kann über sich hinauswachsen.
Natürlich ist es in Wirklichkeit nicht egal, Enzo Fernández und Alexis Mac Allister gehören zu den besten Mittelfeldspielern der Welt, Julián Álvarez und Lautaro Martínez zu den besten Stürmern. Wie in der letzten halben Stunde des Halbfinals zu sehen war, kann Argentinien auch fußballerisch dominant auftreten und dürfte mit seiner Bandbreite, seiner Leidenschaft und seiner Unvorhersehbarkeit eine große Herausforderung auch für die favorisierten Spanier werden, die lieber gegen England gespielt hätten. Ein faszinierendes Duell kündigt sich an zwischen ihrem rationalen, methodischen Fußball und dem irrationalen, emotionalen der Messi-Elf.
Nach dem Sieg gegen England und seinem entscheidenden Treffer im WM-Halbfinale zeigt sich Lautaro Martínez plötzlich emotional. Das Interview im Video.Argentinien auf Genie und Passion zu reduzieren, wäre trotzdem falsch. Denn überhaupt nicht egal ist auch der Trainer. Scaloni übernahm nach einer vermasselten WM 2018 einen Trümmerhaufen ohne scheinbare Perspektive und galt seinerseits zunächst nur als Interimslösung. Seither hat er die klaren Strukturen, Abläufe und Überzeugungen in der Mannschaft aufgebaut, auf deren Basis die Aufholjagden wie im Achtelfinale gegen Ägypten (3:2 nach 0:2 bis zur 79. Minute) oder zuletzt gegen England (2:1 nach 0:1 bis zur 85. Minute) überhaupt nur möglich sind.
Zwei Südamerikameisterschaften und eine WM hat Argentinien unter Scaloni schon gewonnen. Messi wurde von einem Spieler, der allen Ruhm seinen katalanischen Heldentaten verdankte, zu einem argentinischen Mythos auf der Höhe von Maradona. Vom gelegentlichen Fremdkörper zum Herz der Nation. Scaloni hatte immer ein besonderes Gespür für die Nöte des Superstars, vielleicht weil er aus derselben Provinz kommt, Santa Fe, aber sicher auch, weil er mit ihm selbst noch in der Nationalelf zusammenspielte.
Auch für Scaloni, 48, wird das Finale eine sehr persönliche Note haben. Er spielte lange in Spanien, lebt auf Mallorca – und machte seine Trainerausbildung in Madrid unter dem Fußballlehrer Luis de la Fuente. Als dieser nach der WM 2022 zum neuen Nationaltrainer berufen wurde, gab es ein langes, freundschaftliches Gespräch. Nun konnte der Argentinier etwas vermitteln: seine Praxiserfahrungen. De la Fuente wurde dann auf Anhieb Europameister, und bei dieser WM haben beide erneut mit exzellentem Turniercoaching überzeugt. Wer in New Jersey wen ausgucken und vielleicht sogar auscoachen kann, gehört zu den vielen spannenden Subplots des Finals.
Ein weiterer ist die Begegnung von Messi mit Lamine Yamal. Vor 18 Jahren badete er als junger Barça-Star für einen Benefizkalender ein Baby aus dem nahen Mataró – das inzwischen als legitimer Nachfolger für die Rolle des weltbesten Fußballspielers gilt. Was für ein Zufall. Oder etwa nicht?
Der 20 Jahre alte Messi bei einem Fotoshooting des FC Barcelona mit Baby Lamine Yamal in der Umkleidekabine des Camp NouAngesichts von Lionel Messis oft übersinnlich anmutendem Spiel war es schon immer reizvoll, in ihm eine Art Prophet zu sehen. Gott hat ihm viel geschenkt. Und er hat es weitergegeben an die Fußballwelt.
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