Zweiundzwanzig Jahre ist es her, dass Franziska van Almsick ihre Karriere beendete. Schwimmen aber spielt nach wie vor eine große Rolle im Leben der einstigen Weltklasseathletin – wenn auch anders als früher. Die Berlinerin, die einst als Teenager mit 14 zum Sportstar aufstieg, setzt sich mit ihrer Stiftung seit Langem dafür ein, dass mehr Kinder schwimmen lernen. Schwimmen als Überlebensfähigkeit. Und auch als Gesundheitssport.
WELT AM SONNTAG: Frau van Almsick, wann waren Sie selbst zuletzt schwimmen oder baden? Und: Können Sie das überhaupt – baden?
Franziska van Almsick (48): Schwierig, ganz schwierig. Planschen oder baden ist nicht so richtig definiert in meinem Leben. Im Meer war ich dieses Jahr tatsächlich schon und bin dort geschwommen. Das geht noch ganz gut, aber ich weiß gar nicht, was man sonst im Wasser macht (lacht).
WAMS: Den anderen Menschen um Sie herum am Meer oder an Seen geht es wahrscheinlich anders. Denken Sie dann oft mit Sorge: Herrje, hier sind ja viele, die nicht schwimmen können oder sich überschätzen?
Van Almsick: Ich bin oft erschrocken, wenn ich – auch Erwachsene – schwimmen sehe und feststelle, dass sie große Defizite haben und die Schwimmtechnik nicht gut genug beherrschen. Man erkennt meistens, ob eine Person wirklich schwimmen gelernt hat oder ob sie sich das irgendwie selbst zusammengereimt hat. Wenn ich dann Kinder im Wasser sehe, bin ich meistens noch erschrockener, weil viele von ihnen einen sehr unsicheren Eindruck machen. Die Schwimmen-lernen-Problematik ist einfach sichtbar.
WAMS: Die neusten Zahlen belegen mindestens 99 Badetote im Juni, davon 90 Prozent Männer, 40 der Ertrunkenen waren jünger als 30 Jahre. Was geht da in Ihnen vor?
Van Almsick: Jeder Badetote ist einer zu viel. Mich macht das traurig, aber ehrlich gesagt, überrascht es mich auch nicht. Wir müssen aufhören, erst nach Badeunfällen über das Schwimmen zu sprechen. Schwimmen lernen muss vorher stattfinden. Und wir dürfen uns auch nicht in falscher Sicherheit wiegen: Ein Seepferdchen allein macht noch keinen sicheren Schwimmer.
WAMS: Erst, wer Bronze hat, gilt als sicher.
Van Almsick: Genau, das Seepferdchen ist der Anfang und nicht das Ziel. Generell sind die Zahlen leider ein großes Indiz dafür, wie wichtig unsere Arbeit in der Stiftung ist. Unser Fokus liegt darauf, dass jedes Kind mindestens eine Schwimmart sicher beherrscht, wenn es die Grundschule verlässt. Am besten wäre es, wenn Kinder im Vorschulalter bereits in Kursen lernen, wie man richtig schwimmt. Vielleicht haben ja auch manche der in Not geratenen Personen irgendwann einmal das Schwimmen erlernt, aber vielleicht nicht in dem Umfang, wie es sein sollte. Man muss ja auch die Gefahren und sich selbst richtig einschätzen können. Klar ist, dass mehr getan werden muss.
Bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona avanciert van Almsick mit zwei Silber- und zwei Bronzemedaillen zum ersten gesamtdeutschen Sportstar nach dem MauerfallWAMS: Was war denn bei Ihnen der Ausgangspunkt, sich in dieser Art und Weise zu engagieren? Gab es einen konkreten Anlass?
Van Almsick: Das nicht, aber zu meiner aktiven Zeit waren in der Halle auch oft Kinder, die schwimmen lernten. Und auch, als ich aufgehört habe und noch abtrainieren musste, war ich oft in der Halle und habe einfach gesehen, dass die Qualität der jungen Leute beim Schulschwimmen eine Katastrophe ist. Wenn man mal live erlebt, dass ein Schwimmlehrer mit 30 Kindern im Bad steht, realisiert man schnell, dass nicht viel dabei herauskommen kann. Zumal, wenn die Kinder dann nur 40 Minuten Zeit haben und davon auch noch duschen müssen. Und dann hat die eine Hälfte bereits Seepferdchen, die andere nicht. Dazu gibt es welche, die weinend am Rand stehen – das alles muss der Lehrer irgendwie händeln und den Kindern auch noch etwas beibringen. Das ist eine mittelschwere Katastrophe. Zudem war für mich klar, dass ich mich für eine wichtige Sache engagieren möchte – und dann doch am besten für etwas, womit ich mich zu 100 Prozent auskenne.
WAMS: Und was Sie auch als Mutter zweier Kinder umtreibt?
Van Almsick: Für mich war immer die schlimmste Vorstellung, dass meinen Kindern im Wasser etwas passiert. Davor hatte ich wirklich Angst. Ansonsten hatte ich eigentlich nie Sorgen um sie, aber dass im Zusammenhang mit Wasser ein Unglück passiert, hat mich belastet. Deshalb habe ich natürlich dafür gesorgt, dass sie früh schwimmen lernen, und das Thema sehr ernst genommen.
WAMS: Es gibt viele Ursachen für die Nichtschwimmer-Problematik. Gibt es aus Ihrer Erfahrung heraus einen Hauptgrund?
Van Almsick: Es gibt eigentlich nur Probleme, um es mal so zu formulieren. Was man sagen kann, ist, dass die meisten Kinder wirklich Lust haben, schwimmen zu lernen. Die Freude über das Seepferdchen, wenn sie es geschafft haben, ist groß – und dann wollen sie mehr. Es ist also nichts, was man Kindern aufzwingen muss. Absolute Mangelware ist allerdings der Platz in den Schwimmhallen, also die Wasserfläche, die man bekommen muss.
WAMS: Was zu langen Wartelisten bei Kursen führt und sich auf das Schulschwimmen auswirkt.
Van Almsick: Nicht jede Grundschule kann den vorgeschriebenen Schwimmunterricht anbieten – weil sie einfach keine Wasserfläche bekommt. Aber das sollte gewährleistet sein. Die Problematik besteht also vor allem darin, dass es schwer geworden ist, überhaupt die Möglichkeit zum Schwimmenlernen zu haben. Ich bin der Meinung: Wenn jedes Kind lesen lernen muss, dann muss auch jedes Kind schwimmen lernen. Wer nicht schwimmen kann, läuft immer wieder Gefahr zu ertrinken. Schwimmen ist kein Hobby. Schwimmen ist eine Überlebensfähigkeit.
WAMS: Haben Sie das Gefühl, dass genau das sowie die Problematik von der Politik ernst genug genommen wird?
Van Almsick: Ich weiß, dass es viele große Themen gibt. Aber Schwimmen ist keine Nebensache, es rettet Leben. Deshalb dürfen wir es nicht immer hinten anstellen. Die Politik sollte die Voraussetzungen schaffen, damit jedes Kind schwimmen lernen kann. Das größte Problem ist dabei oft gar nicht die Motivation der Kinder, sondern dass vielerorts schlicht die Wasserflächen fehlen. Wir brauchen ausreichend Wasserflächen und funktionierende Schwimmbäder. Denn ohne Wasser kann niemand schwimmen lernen.
WAMS: Sie sprechen jetzt nicht nur von Kindern, die schwimmen lernen sollten, richtig?
Van Almsick: Genau. Es geht nicht nur um das Schwimmlernen und darum, dass man Kinder davor rettet zu ertrinken. Schwimmen ist außerdem der Gesundheitssport Nummer eins, nicht nur in Deutschland. Wenn man vieles nicht mehr kann, dann kann man meistens noch schwimmen. Demnach sollten wir auch die Bäder erhalten für unsere Rentner, für unsere Kranken, die für die Reha ins Wasser müssen. Für die Allgemeinheit. Auch für die geistige Fitness ist Bewegung allgemein ja enorm wichtig. Wir sollten langsam mal wach werden, denn wir haben die Mentalität, dass immer erst etwas geschieht, dass wir immer erst dann wachgerüttelt werden, wenn es fast schon zu spät ist.
WAMS: Das ist ja ein generelles Problem. Ob im Kleinen oder Großen.
Van Almsick: Leider ja. An der Stelle gilt meine volle Unterstützung, aber auch mein Dank all den Menschen, die sich im Ehrenamt in den Vereinen oder auch als Unternehmer mit einer Idee engagieren. Die Desjoyaux Pool-School ist ein tolles Beispiel. Dort werden Ausstellungspools kostenlos für Kurse zur Wassergewöhnung und für das Seepferdchen zur Verfügung gestellt. Ohne die vielen privaten Unterstützer würden wir noch viel mehr zurückhängen. Aber am Ende wäre es wichtig, dass wir langsam an einen Punkt kommen, dass von der Politik ein bisschen mehr Unterstützung kommt.
2024 wird van Almsick von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet – für ihr herausragendes soziales EngagementWAMS: Immerhin: Gerade hat der Haushaltshausschuss des Bundestages grünes Licht für das Modellvorhaben „Deutschland lernt Schwimmen“ in Zusammenarbeit mit dem DSV und der DLRG gegeben. Bis 2029 sind bis zu 20 Millionen Euro zur Unterstützung für lokale Kooperationen vorgesehen.
Van Almsick: Das habe ich auch gelesen – das ist ein wichtiges Signal und ein guter erster Schritt. Jetzt kommt es darauf an, dass daraus dauerhaft bessere Bedingungen entstehen. Denn Schwimmen lernt man nicht durch Förderprogramme allein, sondern im Wasser. Dafür brauchen wir wie gesagt ausreichend Wasserflächen, funktionierende Schwimmbäder und verlässlichen Schwimmunterricht. Ein Schwimmbad ist doch weit mehr als ein Ort zum Schwimmenlernen. Es ist Gesundheitsvorsorge, Reha, Vereinssport und ein Ort für Bewegung – für Kinder genauso wie für Senioren. Darf ich noch etwas ergänzen?
WAMS: Gern.
Van Almsick: Ich halte es für extrem wichtig, dass man es sich finanziell leisten kann. Wir müssen alle auffangen können. Deswegen bin ich ein großer Verfechter der Strategie, konsequent in die Grundschulen zu gehen, weil wir da einfach alle Kinder einsammeln können und es kostenlos als Schulfach haben sollten. Es ist das richtige Alter.
WAMS: Inwieweit kann da der Spitzensport mit Sichtbarkeit im TV und deutschen Erfolgen helfen?
Van Almsick: Wahrscheinlich nicht beim Lösen der Problematik, dass Kommunen und Städte sich keine Schwimmbäder mehr leisten können. Was der Spitzensport aber kann – egal, ob es um Schwimmen oder einen anderen Sport geht – ist, den Weg zur Bewegung zu ebnen. Junge Leute anzuspornen, so sein zu wollen wie jemand, den sie gerade im Fernsehen sehen. Oder einfach Spaß an Bewegung zu haben. Auch Spaß daran mitzufiebern. Wenn man Sport toll findet und verfolgt, muss man bereit sein für Niederlagen und Tränen, aber auch für große Feiern, weil man Siege zelebriert. Und das ist ja nur ein kleiner Teil dessen, was Sport kann. Sport kann der Gesellschaft so unheimlich viel bringen.
Melanie Haack ist Sportredakteurin bei WELT. Sie berichtet seit vielen Jahren über olympische Sportarten und Extremsport sowie über Fitness-Themen. Hier finden Sie Ihre Texte.
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