Die Kritik kam so erwartbar wie scharf. Nach dem Aus der englischen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM gegen Argentinien (1:2) diskutieren die englischen Fußballfans und Experten, ob Thomas Tuchel wirklich der richtige Trainer ist, um die „Three Lions“ endlich wieder zu einem großen Pokal zu führen. Genau dafür wurde der Deutsche nach seinen Titeln mit Borussia Dortmund, dem FC Chelsea oder dem FC Bayern geholt: Unter ihm soll die Mannschaft den letzten Schritt gehen.
In den USA ist sie am vorletzten gescheitert. Und das wurde überwiegend Tuchel angelastet, dass sich seine Mannschaft nach der 1:0-Führung einigelte und um die argentinischen Tore regelrecht bettelte. „Ich habe großen Respekt vor Thomas Tuchel, aber er hat sich verzockt“, sagte etwa Lothar Matthäus gegenüber „Bild“ und verglich ihn mit dem gescheiterten Bundestrainer Julian Nagelsmann: „Das sind dann die überschlauen Trainer, die unbedingt etwas Besonderes machen wollen.“
Nach der taktischen Kritik hat Tuchel nun aber auch eine andere Debatte am Hals. Er erkannte in seiner Analyse, dass seine Mannschaft kaum noch Ballbesitz hatte und die Kontrolle über das Spiel verloren habe. Dann sagte er: „Vielleicht liegt es nicht in unserer DNA wie in der spanischen, argentinischen oder brasilianischen DNA, den Ball zu nehmen und ein Spiel zu kontrollieren.“ Und genau das sorgt jetzt auf der Insel für Diskussionen.
Southgate wurde seine Vorsicht zum Verhängnis
Denn Tuchel war auch geholt worden, um genau Probleme wie diese zu lösen, die seinem Vorgänger Gareth Southgate am Ende zum Verhängnis geworden waren. Der hatte eine sehr erfolgreiche Ära und die englische Mannschaft nach dürren Jahrzehnten in zwei EM-Endspiele hintereinander geführt, diese aber beide verloren. Kritiker warfen ihm vor, in den entscheidenden Momenten zu vorsichtig gewesen zu sein. Bemängelt wurden Southgates Wechsel und seine Taktik, als England bei der WM 2018 gegen Kroatien und im EM-Finale 2021 gegen Italien Führungen verspielte.
Nun agierte auch Tuchel vorsichtig. Und Sky UK fragt: „Schiebt Tuchel die Verantwortung auf englische Fußball-Kultur und Mentalität – oder beschreibt er ehrlich das Kernproblem der ‚Three Lions‘?“ Es gibt für beide Sichtweisen Argumente.
Der langjährige Premier-League-Trainer Sean Dyche (Burnley, Everton, Nottingham) empfindet Tuchels Aussagen als Ausrede. „Ich stimme ihm nicht zu“, sagte er bei „Talksport“. Premier-League-Spieler würden Ballbesitz sehr wohl beherrschen, viele englische Nationalspieler seien in Mannschaften aktiv, die jede Woche dominant aufträten. Dyche: „Wenn das Problem dennoch besteht, muss der Trainer es lösen – dafür wird er bezahlt.“
Tuchel will weitermachen: „Zu hundert Prozent“
Der „Guardian“ hingegen stellt fest, dass Tuchel durchaus einen Punkt setze. Englands Fußball habe einen Mangel an zentralen Mittelfeldspielern, die unter Druck mutig den Ball fordern und das Spiel beruhigen. Dem liege auch ein Ausbildungsproblem zugrunde, an dem aber gearbeitet werde.
Tuchel dürfte die Chance bekommen, eine auch in kritischen Phasen mutigere Mannschaft zu formen. Und zwar im eigenen Land. 2028 steht die EM in England, Schottland, Wales und Irland an, bis zu diesem Turnier ist sein Vertrag gültig.
Der Deutsche will ihn gern erfüllen: „Ja, zu hundert Prozent.“ Und der Verband scheint es auch zu wollen. FA-Geschäftsführer Mark Bullingham sagte: „Die Spieler und Thomas haben alles gegeben, und die Mannschaft, die Trainer und der gesamte Stab hätten während des Turniers nicht härter arbeiten können.“
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