Sie haben 1:0 geführt. Spät den Ausgleich kassiert. Verlängerung? Nein, 1:2-K.o. noch in der Nachspielzeit. Da war doch schon mal was …
Englands Drama-Aus im WM-Halbfinale gegen Titelverteidiger Argentinien (1:2) weckt Erinnerungen bei Lothar Matthäus. An das Champions-League-Finale 1999 des FC Bayern gegen Manchester United. Der deutsche Rekordnationalspieler und BILD-WM-Experte: „Man wechselt in so einer Situation seinen Quarterback nicht aus. Thomas Tuchel hat das Spiel vercoacht!“
Was Matthäus meint: 1999 war er es selbst, der bei Bayerns 1:0-Führung (Mario Basler, 6. Minute) ausgewechselt wurde (80.). Thorsten Fink kam. Die Partie kippte, Sheringham (90.+1) und Solskjaer (90.+3) entschieden das legendäre Finale in Barcelona für Manchester United.
Argentinien gelingt es erneut, eine Partie in den letzten Minuten zu entscheiden. Nach dem Abpfiff jubelt der Weltmeister von 2022 und träumt weiter von der Titelverteidigung. Die Szenen im Video.Am Mittwoch in Atlanta führte die englische Nationalmannschaft nach einem Treffer von Anthony Gordon ebenfalls 1:0 gegen Argentinien (55. Minute), hatte Gegner und Spielverlauf im Griff. Doch dann gab der deutsche England-Trainer Thomas Tuchel (52) das viel zu frühe Zeichen zum Rückzug. Brachte Innenverteidiger Ezri Konsa für den Torschützen (72.) sowie die Abwehrspieler Dan Burn für Reece James und vor allem Nico O‘Reilly für Declan Rice (82.). Drei Minuten danach schoss Enzo Fernández aus 20 Metern und zentraler Position den Ausgleich. Der eingewechselte Lautaro Martínez köpfte Argentinien ins Finale und England raus (90.+2).
Auswechslung von Rice war ein Fehler
Declan Rice, der zentrale Mittelfeld-Star vom englischen Meister und Champions-League-Finalisten FC Arsenal. Ausgerechnet seine „Holding Six“, die er schon zum FC Bayern holen wollte, nahm Tuchel in diesem wichtigen Spiel raus. Seinen Quarterback, wie Matthäus ihn nennt. Rice hatte vor dem Viertelfinale gegen Norwegen (2:1) ein paar Tage krank im Bett verbracht und war gegen die Skandinavier schon zur zweiten Halbzeit ausgewechselt worden. Sein Einsatz gegen Argentinien war allerdings nicht fraglich.
Matthäus: „Das war wie bei uns! Ich war damals im Finale kaputt, erschöpft. Aber ich hätte mich durchbeißen können, durchbeißen müssen. Der Trainer (1999 Ottmar Hitzfeld, d. Red.) trifft die Entscheidung über die Auswechslung, und wenn er gesagt hätte: ‚Bleib drin‘, dann wäre ich dringeblieben. Damals wie heute war es das fatale Signal, das den Gegner wieder stark machte. Vorher hatte Argentinien fast keinen Raum, um zu kombinieren. Sie waren weit weg vom englischen Tor, hatten keine Torchancen. Dann stellte Tuchel auf Fünferkette um, eigentlich sogar auf 7er-Kette. Plötzlich hatte Argentinien Platz und Torchance um Torchance. Hätte Pickford nicht so gut gehalten, hätte es auch 1:4 oder 1:5 ausgehen können. Trotz 7er-Kette haben die Engländer die Flügel nicht zubekommen, sie haben sich nur noch aufs Zentrum konzentriert. Messi, der vorher viel in der Mitte war, verzog sich komplett auf den rechten Flügel und bereitete von dort beide Tore vor. England war zu passiv und nicht mehr in der Lage zu Entlastungsangriffen.“
Argentinien steht nach einem dramatischen 2:1 gegen England erneut im WM-Finale. Späte Tore und Lionel Messis Vorlagen drehen das Spiel: „Argentinier haben es darauf angelegt, sehr körperbetont zu spielen und die Engländer einzuschüchtern“, sagt WM-Experte Thomas Helmer.Deutschlands WM-Kapitän von 1990 weiter: „England hat ein starkes Turnier gespielt, hat vor allem bei den Siegen gegen Kroatien, Mexiko und Norwegen überzeugt. Sie waren auch gegen Argentinien leicht besser. Bis Taktiker Tuchel diesen taktischen Fehler machte. Rice ist wichtig für die Statik. Mit seinen Wechseln hat Tuchel die gesamte Struktur des Spiels verändert und den Argentiniern gezeigt, dass er nur noch defensiv spielen will. Warum ändert er etwas, das funktioniert? Ich habe großen Respekt vor Thomas Tuchel, aber er hat sich verzockt! Und nicht zum ersten Mal, das hat er früher auch schon getan.“
Matthäus sieht eine Parallele zu Ex-Bundestrainer Julian Nagelsmann (39), der vor allem auch als Taktiker gilt. Er kritisiert: „Mit Kimmich als Rechtsverteidiger verzichtete er im zentralen Mittelfeld auf einen strategisch wichtigen Führungsspieler. Auch deshalb ist Deutschland so früh ausgeschieden. Tuchel nahm seinen Strategen Rice raus. Das macht man nicht, es sei denn, er ist verletzt. Das sind dann die überschlauen Trainer, die unbedingt etwas Besonderes machen wollen.“
Tuchel selbst, der bei der WM bislang meist offensiv gewechselt hatte, erklärte nach dem Scheitern: „Ich hatte nicht das Gefühl, dass offensive Wechsel helfen würden.“
Rooney und Lineker kritisieren Tuchel
Auch von England-Legenden erntete Tuchel deutliche Kritik für seinen Taktik-Fehler. Wayne Rooney: „Wenn man Messi und Argentinien erlaubt, dass sie auf einen zustürmen, dann sucht man förmlich nach Ärger.“ Gary Lineker (65/80 Länderspiele): „Es ist unbegreiflich, gegen den besten Fußballer der Welt so tief zu verteidigen.“ Und scherzhaft: „Ich frage mich, ob Tuchel ein deutscher Spion ist.“
Nach der Niederlage gegen Argentinien im WM-Halbfinale wird die Kritik an Trainer Thomas Tuchel immer lauter. Auch die Experten in England sehen taktische Fehler nach der englischen Führung. „Aber die Spieler hinten hätten auch besser verteidigen können“, sagt Thomas Helmer.DFB- und Bayern-Legende Thomas Müller kommentierte das England-Drama in einem Instagram-Video so: „Ich kann es nicht fassen und nicht verstehen, wie England dieses Spiel nach der Führung angegangen ist. Ich kann nicht begreifen, wie sie die Argentinier eingeladen haben, aus idealen Positionen eine Flanke nach der anderen zu schlagen.“
Der Artikel wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, SPORT BILD, BILD) verfasst und zuerst in BILD veröffentlicht.
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