Der renommierte US-Rechtsprofessor Joseph Weiler, früheres Mitglied der Governance-Kommission des Fußball-Weltverbandes Fifa, hat im Gespräch mit der „Zeit“ scharfe Kritik am Führungsstil von Fifa-Präsident Gianni Infantino geübt. Anlass ist der Fall des US-Nationalspielers Folarin Balogun, dessen Rote Karte nach einem Anruf von US-Präsident Donald Trump bei Infantino aufgehoben worden war.
„Das gibt einen guten Einblick in Gianni Infantinos Führungsstil. Es passieren noch viele andere schlimme Dinge in der Fifa. Balogun ist nur die schimmelige Kirsche auf einem vergammelten Kuchen“, sagte Weiler im Gespräch mit der Zeitung.
Der Erklärung Infantinos, wonach die Fifa-Kommissionen unabhängig entschieden hätten, widersprach Weiler deutlich: „Was in Infantinos Statement bezeichnenderweise fehlte: eine klare Verurteilung dieses Vorfalls.“ Zu Infantinos Aussage, „Respekt vor unabhängigen Institutionen und der Rechtsstaatlichkeit“ schütze jederzeit die Integrität der Fifa-Wettbewerbe, sagte Weiler: „Das ringt mir ein gequältes Lächeln ab. Das klingt für mich, als ob sich Colonel Sanders, der Gründer von Kentucky Fried Chicken, für vegetarische Ernährung ausgesprochen hätte.“
Rechtsprofessor nimmt die EU in die Pflicht
Weiler war 2016 von Infantino in die neu geschaffene Governance-Kommission der Fifa berufen worden, trat aber nach weniger als einem Jahr wieder zurück. „Die Zusicherungen der Rechtsstaatlichkeit waren leere Versprechen“, sagte er heute. Die Fifa sei entgegen landläufiger Annahme keine internationale Organisation mit Checks and Balances, sondern „eine private Organisation, die für ein öffentliches Gut verantwortlich ist“ und rechtlich im Wesentlichen dem als zu lax geltenden Schweizer Recht unterstehe.
Nach der Rücknahme einer roten Karte gegen Balogun bei der Fußball-WM steht Fifa-Präsident Infantino wegen mutmaßlicher Einflussnahme durch Trump in der Kritik. „Zwischen denen geht nichts mit rechten Dingen zu“, sagt Sportredakteur Walter M. Straten.Weiler forderte unabhängige Kontrollen der Fifa, sowohl durch einen öffentlichen Aufsichtsrat als auch durch ein externes Justizorgan: „Jeder objektive Beobachter müsste zustimmen, dass der Versuch, die Fifa von innen heraus zu reformieren, gescheitert ist.“ Er sieht vor allem die Europäische Union in der Pflicht, mit ihrem Wettbewerbsrecht und dem sogenannten Brüssel-Effekt auf Reformen zu drängen, so wie sie auch bei Google vorgeht: „Es wäre nicht verkehrt, wenn die EU im Fußball einen ähnlichen Ansatz wählen würde.“
Scharf kritisierte Weiler auch Infantinos Friedenspreis für US-Präsident Donald Trump. „Die Fifa pocht ja immer auf ihre politische Neutralität. Man kann sich kaum eine ungeheuerlichere Verhöhnung dieses Prinzips vorstellen als diesen Preis.“
Infantino hatte Trump den erstmals vergebenen Preis am 6. Dezember bei der Auslosung für die WM in Washington überreicht. Bei der Preisvergabe erklärte er, die Fifa erkenne damit Trumps „außergewöhnliche und herausragende Handlungen zur Förderung von Frieden und Einheit auf der ganzen Welt“ an. Trump dankte der Fifa und sprach von „einer der größten Ehrenbezeugungen meines Lebens“. Kurz vor der Vergabe hatte Trump gesagt, er habe den Preis „verdient“, denn er habe „acht Kriege beendet“.
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Einen Rücktritt Infantinos infolge der Balogun-Affäre hält US-Rechtsprofessor Weiler für unwahrscheinlich, würde ihn aber begrüßen: „Ich bezweifle, dass es passieren wird, aber wenn Infantino zurücktritt, hätte das eine heilsame Wirkung. Es würde eine Botschaft an seinen Nachfolger senden.“
Was den Fifa-Chef betrifft, so hatte die britische Menschenrechtsorganisation FairSquare am Mittwoch bekannt gegeben, dass sie gegen Gianni Infantino eine Beschwerde beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) eingereicht habe. Sie wirft dem mächtigsten Funktionär des Fußball-Weltverbandes vor, wiederholt gegen die IOC-Regeln zur politischen Neutralität verstoßen zu haben. Der Hauptvorwurf: Infantino soll US-Präsident Trump seine politische Unterstützung angeboten haben.
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