Der Motor stottert – und das seit geraumer Zeit. Über zwei Jahrzehnte prägte kein Land die Formel 1 so sehr wie Deutschland. 2010 waren sechs der 20 Stammpiloten in der Königsklasse des Motorsports Deutsche. Darunter Legenden wie Michael Schumacher, Sebastian Vettel oder Nico Rosberg. Die deutsche Nationalhymne lief auf dem Podest praktisch in Dauerschleife.
Die guten alten Zeiten. Das wird sich so mancher deutsche Fan gedacht haben, wenn er zuletzt den Fernseher eingeschaltet hat. Zu sehen bekam er dort Grands Prix rund um den Globus – aber keinen in Hockenheim oder auf dem Nürburgring. 2020 gastierte die Formel 1 zuletzt in der einst so stolzen Automobilnation. Zudem gibt es kaum deutsche Erfolge und nur noch einen deutschen Fahrer: Nico Hülkenberg. Und dass ausgerechnet der Emmericher die letzte Garde darstellt, ist ein Sinnbild für die Karriere des 38-Jährigen. Der Routinier fährt mittlerweile seine 16. Saison, liegt mit 253 Starts auf Rang zwölf der erfahrensten Piloten in der 77-jährigen Geschichte der Formel 1. Und dennoch war sein Name lange Zeit nur eingefleischten Fans ein Begriff.
Denn erfolgreich war er nicht. Hülkenberg hält den Negativrekord für die längste Periode zwischen seinem ersten Rennen, dem Preis von Bahrain 2010, und seinem ersten Podestplatz. Bei seinem 239. Grand Prix, dem Preis von Silverstone im Juli 2025, stand er als Dritter erstmals auf dem Treppchen. Er sagte WELT AM SONNTAG: „Ich bin Realist, kein Träumer – und ich habe schnell gelernt, wie wichtig es ist in der Formel 1, sich Ziele zu setzen, die zu deinen Mitteln passen. Die Formel 1 ist nun mal eine Rennserie, in der oft nicht der beste Fahrer, sondern der mit dem besten Paket gewinnt. Das sieht man aktuell am Beispiel von Max Verstappen. Er ist ganz sicher einer der besten Fahrer aller Zeiten – und trotzdem hat er aktuell keine Chance auf einen Sieg, sondern muss schon um einen Podestplatz kämpfen.“
Stammgast auf dem Podest in anderen Rennserien
Das hat auch Hülkenberg mehrmals. Nachdem er dreimal Vierter geworden war, brach er in Silverstone den Fluch. Wie groß die Erleichterung war, wurde schnell sichtbar. Der Deutsche vergaß im Freudentaumel seinen Helm mit in den Cool-Down-Room zu nehmen, wo die Top-3-Piloten auf die Zeremonie warten. Der spätere Weltmeister Lando Norris trug ihn „Hülki“ hinterher.
Ein Missgeschick, das ihm vor seiner Formel-1-Karriere wohl nicht passiert wäre. Egal, ob in der GP2-Serie, der Formel 3 oder der Formel BMW – Hülkenberg war Stammgast auf dem Podest, gewann in allen Rennserien die Meisterschaft. Stimmen, er könne der nächste Schumacher sein, wurden laut. Doch bald verstummten sie wieder. Hülkenberg fuhr 2010 zwar eine gute Debütsaison für Williams in der Formel 1, doch er war zur falschen Zeit am falschen Ort. Weil der Rennstall Finanzprobleme hatte, wurde Pastor Maldonado für die Saison 2011 verpflichtet. Der Venezolaner brachte Millionen an Sponsorengeldern mit. Hülkenberg wurde Reservefahrer bei Force India.
Die Schlagzeilen dominierten nun andere. Allen voran Landsmann Sebastian Vettel. Der Red-Bull-Pilot wurde zwischen 2010 und 2013 viermal Weltmeister. Hülkenberg: „Natürlich stand ich im Schatten derer, die um die Siege und die WM gefahren sind und die Schlagzeilen geprägt haben. Aber gewurmt hat mich das weniger. In meiner Karriere war es mir nie wichtig, dass mein Gesicht groß in den Zeitungen zu sehen ist. Ich will einfach nur möglichst erfolgreich Rennen fahren.“
Hülkenberg in seinem Audi2014 sollte er dazu die Möglichkeit bekommen. Ferrari-Teamchef Stefano Domenicali wollte ihn in den legendären roten Renner setzen. Dem Deutschen lag ein fertig ausgearbeiteter 45 Seiten umfassender Vertrag vor. Zur Unterschrift kam es nie. Der damalige Konzernchef, Sergio Marchionne, legte sein Veto ein.
2020 wiederholte sich die Geschichte. Red Bull wollte Hülkenberg von der Saison 2021 an zum Teamkollegen von Max Verstappen machen, entschied sich dann aber doch für den Mexikaner Sergio Perez. „So ist das Geschäft“, sagt Hülkenberg: „Man darf sich an Szenarien und ‚Was wäre, wenn‘ nicht aufhängen. Das bringt dich nicht weiter. Man kann es eh nicht ändern und muss das Beste aus dem machen, was man hat.“
„Er denkt weit über das Cockpit hinaus“
Aktuell erhält Hülkenberg viel Wertschätzung, Aufmerksamkeit – und er hat Erfolg. Nachdem er zwischen 2020 und 2022 die Formel 1 verlassen und als TV-Experte gearbeitet hatte, kehrte er 2023 zurück. Er verdrängte Mick Schumacher bei Haas und raste ins Scheinwerferlicht: „Die ersten zwei Jahre konnte ich sehr gut damit leben, nicht mehr aktiver Teil des F1-Zirkusses zu sein. Ich habe seit meinem achten Lebensjahr alles dem Racing untergeordnet und dann zum ersten Mal das normale Leben kennengelernt. Man hatte keine schlechten Tage mehr, weil es keine schlechten Wochenenden gab. In der Zeit konnte ich viel verarbeiten und meine bisherige Karriere reflektieren. 2022 war ich als Ersatzfahrer bei Aston Martin und viel vor Ort an der Rennstrecke. Ich war dann Stück weit gezwungen zuzuschauen, während die anderen Kollegen aus der Garage fahren. In diesen Momenten spürte ich dieses Kitzeln und wusste, dass ich noch nicht fertig bin.“
Bei Haas überzeugte Hülkenberg. Mithilfe seiner Erfahrung entwickelte sich das Team innerhalb einer Saison vom Schlusslicht zum Anwärter auf Punkte. Fähigkeiten, die auch bei Sauber, dem Rennstall, der seit dieser Saison als Werksteam von Audi startet, gesucht wurden. Hülkenberg heuerte an. Audi-Vorstandschef Gernot Döllner sagte WELT AM SONNTAG: „Ich habe selbst schon oft beobachten können, welch zentrale Rolle Nico für das Team spielt. In einer Phase, in der Strukturen entstehen und Prozesse zusammenwachsen, nimmt er die Menschen mit. Seine Expertise trägt maßgeblich dazu bei, dass wir mit Entschlossenheit vorangehen.“ Und weiter: „Er denkt weit über das Cockpit hinaus. Seine Fähigkeit, aufmerksam zuzuhören, präzises Feedback zu geben, um dann mit den Ingenieuren die beste Lösung zu entwickeln, prägt maßgeblich unsere Teamkultur, die Vorbild auch für das gesamte Unternehmen ist.“
Spaß an der Entwicklung
Audi will 2030 um den WM-Titel fahren, Hülkenberg wäre dann 42. Er will so lange fahren, bis die Zeiten nicht mehr stimmen oder er den Spaß verliert. Hülkenberg: „Das, was wir Piloten machen, ist ein Privileg. 22 Menschen haben diesen Job auf der Welt. Ich fahre gegen die Besten, und ich liebe die Herausforderung.“ Und weiter: „Ich will das Projekt maßgeblich mit vorantreiben und Anteil daran haben, dass es richtig erfolgreich wird. Und ja, mein persönliches Ziel ist natürlich ein Podest oder ein Sieg mit Audi.“
„Ich finde es gut, dass wir uns mal wieder anpassen müssen“, sagt HülkenbergNoch gibt es einen Abstand zu den Topteams, aber er ist geringer als viele Experten prognostizierten – weil Audi das neue Reglement schnell verstanden hat. Auch dank Hülkenberg. Während Verstappen & Co. meckern, hat der Deutsche Spaß: „Die Autoindustrie verändert sich ständig. Nur in der Formel 1 war das lange nicht der Fall. Ich bin knapp 15 Jahre die gleiche Art von Auto gefahren, und jetzt haben wir mal was Neues. Ich finde es gut, dass wir uns mal wieder anpassen müssen.“
Das muss Audi auch. Noch gibt es die erwarteten Kinderkrankheiten. Aber alle sind sich einig: Deutschland soll sich wieder als eine der führenden Nationen der Formel 1 etablieren.
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