Im 19. Jahr steht Frank Schmidt mit dem 1. FC Heidenheim vor dem Abstieg in die 2. Liga. Der 52 Jahre alte Trainer aber ist ein durchweg positiver Mensch: Er lacht beim Interviewtermin in der Voith-Arena trotz der sportlich angespannten Situation viel. Schmidt ist mit Heidenheim von der Oberliga bis in die Bundesliga aufgestiegen. Sein Vertrag auf der Ostalb läuft noch bis 2027, an diesem Sonntag muss sein Team beim 1. FC Köln (17.30 Uhr, im Sport-Ticker der WELT) antreten.
Frage: Was raten Sie jungen Trainern, für die Sie ein Vorbild sind?
Frank Schmidt: Um Gottes Willen! Das ist absolut keine gute Idee. (lacht laut) Im Ernst: Vorbilder sind wichtig, aber die Geschichte des 1. FC Heidenheim kann man nicht kopieren. Was ich raten würde: kein Drumherum-Gerede, geradeaus und vor allem ehrlich. Und die Bereitschaft, sich jeden Tag weiterzuentwickeln. Stillstand bringt nichts. Nur weil mal etwas eine Zeit lang geklappt hat, muss das nicht so bleiben. Ein eingespieltes Team auf und neben dem Platz hilft auch. Wir sind ein kleines, aber eingespieltes Team. Wir haben beispielsweise keinen Videoanalysten, wir bearbeiten das alles selbst bei uns im Trainerteam.
Frage: In Köln sitzen Sie seit 6810 Tagen auf der Trainerbank, absolvieren Ihr 100. Bundesliga-Spiel. Was löst das bei Ihnen aus?
Schmidt: Gar nichts, wirklich. Wir müssen gewinnen. Aus. Ende. Fußball kann so einfach sein. Haben wir schon mal gegen Köln. Letzter Spieltag 2024. Ich lag im Krankenhaus, habe mich am Sprunggelenk operieren lassen und wir haben mit 4:1 gewonnen.
Frage: Klub-Boss Holger Sanwald sagte zuletzt: „Ein Freund meinte: Wenn Heidenheim noch die Klasse hält, wäre das die größte Wiederauferstehung seit Jesus“…
Schmidt: Lassen wir Jesus besser aus dem Spiel, aber ja: Der Klassenerhalt wäre ein Wunder. Aber was wäre der Mensch, würde er nicht daran glauben? Ich bin Christ, evangelisch. Aber kein Ultra, wenn ich in der Fußballsprache bleiben darf. Glaube spielt immer eine Rolle. Und ich sage das nicht nur, weil mein Leben schon mal am seidenen Faden hing.
Frage: Sie lagen 2017 nach einem Trainingsunfall mit Muskelabriss und Einblutung auf der Intensivstation, hatten u. a. eine Lungenembolie …
Schmidt: Das macht etwas mit einem, wenn man nicht weiß, ob man die Nacht überlebt. Es ordnet auch viele Dinge ein. Ich mache seither auch keine langfristigen Pläne mehr. Ich gehe abends ins Bett und mache mir Gedanken um den nächsten Tag oder maximal die nächste Woche. Sie brauchen also auch gar nicht auf meine Zukunft anspielen...
Frage: Mache ich aber. Was ist wahrscheinlicher: Deutschland wird im Sommer Weltmeister oder Frank Schmidt sitzt auch nach dem 1. Juli 2027 auf der Heidenheimer Trainerbank?
Schmidt: Mit Wahrscheinlichkeiten fangen wir gar nicht erst an. Ich wünsche mir, dass wir Weltmeister werden. Ich weiß aber wirklich noch nicht, wie es nach dem Ende meines aktuellen Vertrags weitergeht.
Frage: Weil Sie ohnehin nur Heidenheim können?
Schmidt: Provokant. (lacht) Ich habe diesen Stempel. Das ist ja irgendwie auch klar, nach fast 19 Jahren. Aber wenn ich ganz ehrlich bin: Es lodert schon noch in mir, zu zeigen, dass ich es auch woanders könnte. Vielleicht ja im Ausland. Oder ich mache eine Tapas-Bar auf Mallorca auf. Auch wenn mir ja Beständigkeit und gesicherte Strukturen gefallen. Nicht ohne Grund habe ich meine allererste Freundin (Nadine, er war 14, sie 13 Jahre alt, Anmerkung der Redaktion) immer noch an meiner Seite. Wobei wir bis heute nicht kirchlich verheiratet sind. Das könnten wir nachholen, wenn ich dann mal in Fußball-Rente sein sollte. Unsere Eheringe tragen wir auch nicht. Die hat meine Frau vor Jahren mal in die Brenz geworfen. Ich weiß bis heute nicht, warum. (lacht) Aber zurück zum Thema: Ich habe einen Blick für Menschen und weiß schnell, ob es passt oder nicht. Das ist auch bei Spielern so.
Frage: Bitte genauer ...
Schmidt: In Heidenheim gilt: Es muss auch menschlich passen. Nicht jeder muss die gleiche Einstellung haben wie ich, aber zumindest kompatibel sein. Hier auf der Ostalb ist gefühlt vier Monate lang im Jahr Nebel. Das verträgt nicht jeder. (lacht) Ernsthaft: Es wird immer schwieriger. Ich erzähle jetzt mal von der Transferphase im Sommer. Drei Spieler, die wir wollten. Bei uns hätten sie Bundesliga gespielt. Am Ende kam keiner. Mittlerweile sind sie bei Vereinen, wo es wohl mehr Gehalt gab. Aber das muss jeder selbst wissen. Wobei – wenn ich darf?
Frage: Selbstverständlich...
Schmidt: Wir haben mittlerweile in Deutschland eine ganz schwierige Phase. Ich habe immer mehr das Gefühl, dass Ehrlichkeit nicht mehr zählt. Auch in der Politik. Viele sprechen die Probleme nicht mehr direkt an, einige winden sich durch. Dabei haben die Menschen Ehrlichkeit verdient. Auch wenn es mal scheiße läuft. Solche Typen braucht es. Geradeaus und ehrlich – das ist auch unser Motto beim 1. FC Heidenheim. Mein Lehrer auf der Realschule hat damals schon gesagt: „Kicken kannst Du nicht, aber Du wirst mal ein guter Trainer.“
Frage: Bis zur 2. Liga haben Sie es als Spieler aber geschafft...
Schmidt: Da wäre noch viel mehr drin gewesen. (lacht) Mein Vorbild war und ist immer noch Lothar Matthäus. Unvergessen der 1:0‑Pokalsieg mit Vestenbergsgreuth gegen die Bayern am 14. August 1994. Wobei ich mich furchtbar schlecht an Daten erinnern kann.
Eine frisch erschienene Dokumentation über den WM-Titel von 1990 erinnert nochmals an diesen großartigen Triumph. „Es war ein großer Zusammenhalt, keiner hat sich selbst in den Vordergrund gestellt“, sagt Deutschlands Rekordnationalspieler Lothar Matthäus im Gespräch bei WELT TV.Frage: Probieren wir es dennoch: Was war am 17. September 2007?
Schmidt: (lächelt breit) Mein erstes Spiel als Interimstrainer für den 1. FC Heidenheim. Damals Oberliga. Ich hatte ja eine Banklehre gemacht, ganz normal gearbeitet und sollte für zwei Spiele aushelfen. Ich wusste aber beim Anpfiff: Da möchte ich bleiben!
Frage: Ihre Anlagetipps? Risikoreich oder defensiv?
Schmidt: Immer volles Risiko! Das ist mein Motto. Wenn ich etwas mache, leuchtet es am Ende immer rot. Wenn ich etwas für mich machen lasse: grün. Sprich: Ich tauge überhaupt nicht für Tipps.
Frage: Wird in Heidenheim irgendwann eine Straße nach Ihnen benannt?
Schmidt: Bloß nicht. Ich möchte das alles nicht. Beim Bundesliga-Aufstieg damals meinten manche Menschen, man sollte mir eine Statue bauen. Auf keinen Fall! Wissen Sie, warum? Da pinkeln dann die Leute ein paar Jahre später dagegen. Ich kann auch mit Komplimenten schwer umgehen.
Frage: Bayern-Coach Vincent Kompany zollte Ihnen zuletzt „höchsten Respekt“ nach dem 3:3 in München ...
Schmidt: Das schmeichelt mir auch. Aber nur kurz. Besser ist es, Kritik zu verstehen. So mache ich es auch mit den Spielern. Ich sage immer: „Solange ich kritisiere, seid ihr mir wichtig.“ Wenn ich damit mal aufhöre, weiß jeder, welche Stunde geschlagen hat. Mich treibt der Wettkampf an. Immer. Und ich bilde gerne aus. Das wissen die Jungs. Bestes Beispiel: Patrick Meinka. Er kam damals von Dortmund II, ist mittlerweile mein Kapitän und hat in der Bundesliga seit unserem Aufstieg 2023 alle Spiele über 90 Minuten gemacht. So was macht mich stolz.
Frage: Woher holen Sie sich Inspiration?
Schmidt: Was ich feiere, sind ungewöhnliche Sachen. Es gibt einen Herzchirurgen aus der Schweiz. Er war eine Koryphäe auf seinem Gebiet, hat mit Mitte 50 selbstbestimmt entschieden: „Ich höre auf!“ Danach hat er sich einen Lkw gekauft und hat Schokolade durch Europa gefahren.
Frage: Können Sie überhaupt abschalten?
Schmidt: Natürlich. Auf meinem E-Bike im Wald. Ich habe es aber nur auf 10 Prozent Unterstützung eingestellt. (lacht) Und, wenn man auch die anderen Dinge sieht. Meine Frau und meine zwei Töchter Julia und Lara arbeiten alle in der Pflege beziehungsweise als Schwestern im Krankenhaus. Da spielen sich teilweise Dramen ab – nicht auf dem Fußballplatz!
Frage: Wie erleben Sie aktuell Eren Dinkçi, dessen Freundin an Leukämie erkrankt ist?
Schmidt: Nachdenklich und besorgt, aber auch voller Kampfgeist. Natürlich auch mit den Fragen, warum das Schicksal so zuschlägt. Alle helfen ihm. Das zeichnet den Sport und den Teamzusammenhalt aus. Jeder hat sein Päckchen zu tragen, aber man steht zusammen. Und gelegentlich kann man dann auch 90 Minuten lang auf dem Platz das alles vergessen – auch wenn es den Moment, wenn es einem dann wieder durch den Kopf schießt, nicht besser macht. Aber an der Stelle muss man auch mal der Fußballwelt danke sagen. Das bewegt mich sehr. Wir fetzen uns auf dem Platz, aber wenn es um die Sache geht, stehen alle zusammen. Erst hat der SC Freiburg bei der Knochenmarkstypisierung mitgemacht, dann Bayern und Werder Bremen. Der Zusammenhalt in der Gesellschaft wird immer rarer, daher taugt Fußball nach wie vor als Vorbild und als eine große Stimme, die die Gesellschaft benötigt.
Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Bild am Sonntag“ veröffentlicht.
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