Die heftigen Worte zu der Wette hat er auch nach all den Jahren nicht vergessen. Im Sommer 2018 wechselte Leon Goretzka vom FC Schalke 04 zum FC Bayern, hinter dem Mittelfeldprofi lag eine desaströse WM in Russland, er war 23 Jahre und mit Deutschland in der Vorrunde ausgeschieden. Im Fußball-Talk „Doppelpass“ auf Sport1 sagte Experte Mario Basler, Goretzka werde keine fünf Spiele für die Bayern absolvieren. Kulttrainer Peter Neururer wettete dagegen. Wetteinsatz: Ein Kasten Bier. „Ich weiß gar nicht, ob Peter Neururer seine Kiste Bier je bekommen hat“, sagte Goretzka kürzlich schmunzelnd im Interview mit dem Klubmagazin „51“.
Acht Jahre später ist Goretzka einer der erfolgreichsten deutschen Spieler in der jüngeren Geschichte des FC Bayern. Der 31-Jährige absolvierte über 300 Spiele für den Weltklub und gewann bislang 15 Titel mit ihm. Ein Auszug: siebenmal die Deutsche Meisterschaft, zweimal den DFB-Pokal und einmal die Champions League. In diesem Mai kann Goretzka seine Titel-Bilanz im Trikot des Vereins noch eindrucksvoller machen. Mit den Bayern träumt er vom Triple. Nach 2020 wäre es bereits sein zweites.
Goretzkas Vertrag beim deutschen Fußball-Rekordmeister endet am 30. Juni und wird nicht verlängert, er erlebt seine letzten Wochen beim FC Bayern. Und die haben es in sich. Am Mittwoch (21 Uhr, DAZN) empfängt Goretzka mit den Münchnern im Rückspiel des Halbfinals der Champions League Paris Saint-Germain. Nach dem Spektakel im Hinspiel in Paris (5:4 für PSG) blicken Experten und Fans aus vielen Ländern der Welt mit Spannung und Vorfreude auf die Partie. Es ist Goretzkas vorletztes Heimspiel. Vier, maximal fünf Partien hat er noch mit den Bayern.
„Am Mittwoch wird das Ding hier brennen“, sagte er am vergangenen Wochenende zur Atmosphäre im Münchner Stadion. „Ich habe richtig Bock auf das Spiel. Wir wollen ins Finale. Jetzt geht es darum, die Kräfte zu bündeln, sich zu sammeln und dann alles in die Waagschale zu werfen.“ Am liebsten würde er natürlich in der Startelf stehen.
Nimmt Goretzka diese letzten Wochen beim FC Bayern besonders bewusst wahr? „Ich habe es mir vorgenommen“, sagt er: „Geklappt hat es noch nicht – dafür bin ich zu sehr im Modus. Ich will gewinnen, ich will Erfolg. Da bleibt kein Platz, das groß aufzusaugen. Aber ich glaube, das ist auch der richtige Weg. Nur so kann ich es wirklich genießen.“
Sein Mitspieler und Freund Joshua Kimmich sagte: „Man merkt natürlich, dass es ihm auch bewusst wird, dass die Zeit zu Ende geht. Es ist für alle – auch für mich – sehr emotional. Wir haben lange zusammengespielt. Das ist schon eine lange Zeit, wenn du als Profi eine Karriere von zehn bis 15 Jahren hast und acht Jahre bei Bayern München bist. Das ist schon intensiv.“
Den irren Schlagabtausch bei der 4:5-Niederlage in Paris musste Bayern-Trainer Vincent Kompany von der Tribüne aus verfolgen. Im Rückspiel darf er selbst wieder an der Seitenlinie stehen. Schon jetzt hat er die eigenen Fans auf diesen Showdown in der Allianz Arena eingeschworen - mit einer kuriosen Bitte.Goretzka gehört längst nicht mehr immer zur Startelf. Aber er ist immer wieder wichtig. Obwohl er beim FC Bayern in den vergangenen Jahren phasenweise schon ausgebootet war. Beim 3:3 gegen den Bundesliga-Tabellenletzten 1. FC Heidenheim am vergangenen Samstag erzielte er zwei Tore und wurde zum Spieler der Partie gewählt.
In seinem Torjubel war etwas Wehmut zu erkennen – diesen Eindruck hatten zumindest Fans und einige Mitspieler. In den vergangenen sechs Ligaspielen war Goretzka Teil der Startelf, kam auf zwei Vorlagen und drei Tore. Er war beim FC Bayern mehrfach abgeschrieben – und ist jetzt wieder mal wichtig.
Max Eberl: „Er hat sich zurückgekämpft“
„Leon? Super“, sagte Sportvorstand Max Eberl nach dem Remis gegen Heidenheim. „Als wir ihm vor eindreiviertel Jahren gesagt haben, es wird schwer, hat er die Saison sehr gut gespielt. Im vergangenen Sommer, als wir gesagt haben, es kann schwer werden, hat er sich zurückgekämpft.“
Auch im vergangenen Winter, als der Verein ihm mitteilte, den im Sommer endenden Vertrag nicht zu verlängern, habe sich Goretzka entschieden, in München zu bleiben. „Er hat ein gutes Näschen gehabt“, sagte Eberl mit Blick auf die Triple-Chance. „Unser Kader ist nicht so groß. Man sieht es ja, momentan ist er da eben immer wieder mit dabei. Er kann eine sehr, sehr wichtige Rolle spielen.“
Goretzka ist ein Spieler, der polarisiert. Nicht wegen seiner Spielweise. Sondern wegen seiner Haltung und öffentlichen Äußerungen zu gesellschaftlichen Themen. Spätestens seit der WM 2022 in Katar. Goretzka hatte im Konflikt mit der Fifa um das Tragen der „One Love“-Kapitänsbinde den Weltverband kritisiert. Bereits vor dem Turnier hatte er betont, es sei richtig, in Katar „für unsere Werte einzutreten“.
Einige fanden das sehr gut. Andere tragen ihm das immer noch nach, verbinden vor allem mit Goretzka die Diskussionen während des Turniers und das peinliche Vorrunden-Aus unter dem damaligen Bundestrainer Hansi Flick.
Leon Goretzka (2.v.r.) und seine Kollegen der Nationalelf tragen 2021 T-Shirts mit der Aufschrift „Human Rights“Andere Fans denken bei dem Namen Leon Goretzka positiver, loben seinen Einsatz gegen Rassismus und seine Initiative „We Kick Corona“, die er während der Pandemie mit Kimmich ins Leben rief. 2022 durfte er an der Bundespräsidentenwahl teilnehmen, die SPD hatte ihn nominiert. Vizekanzler Lars Klingbeil zählt Goretzka zu seinen liebsten Spielern.
Treffen mit Margot Friedländer
Vor einigen Jahren traf Goretzka die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer. Wenn er heute an diese Begegnung denke, so der Fußballprofi, bekomme er sofort wieder Gänsehaut. „Leider musste sie in den letzten Jahren ihres Lebens miterleben, dass es in die falsche Richtung geht.“
Ist es schwieriger geworden, als Sportler Haltung zu zeigen? „Ich finde nicht, dass es schwieriger geworden ist. Es war einfach schon immer schwierig. Weil man dann eben auch Anfeindungen erlebt und damit umgehen muss“, sagte Goretzka in „51“. Er wolle sich dennoch weiterhin zu Themen äußern, die ihm wichtig sind, das sei für ihn klar. „Egal, wie sehr ich dafür auf Social Media angegriffen werde. Ich finde, gerade in diesen Zeiten ist es wichtig, nicht wegzuschauen, sondern aufzustehen und sich zu Wort zu melden.“
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Anfang Juni geht es für Goretzka in die USA – mit der Nationalmannschaft reist er zum letzten Vorbereitungsspiel vor der WM nach Chicago. Mit politischen Äußerungen, das hat der DFB zuletzt durchblicken lassen, wolle man sich in den USA zurückhalten. Bundestrainer Julian Nagelsmann betonte zuletzt öffentlich, Goretzka habe gute Chancen, sportlich „eine ähnliche Rolle zu spielen wie in der WM-Qualifikation“. Also viele Spiele in der Startelf zu absolvieren. Ein Vertrauensvorschuss, der manche überraschte.
Wohin führt Goretzkas Weg nach der WM im Sommer? Italienische Klubs sind offenbar sehr an ihm interessiert, unter anderem wohl der AC Mailand und Juventus Turin. Zudem wollen dem Vernehmen nach Klubs aus der Premier League und Atlético Madrid den Mittelfeldspieler verpflichten. Es heißt, Goretzka wolle bis zum Beginn der WM (11. Juni bis 19. Juli) geklärt haben, für welchen Klub er künftig spielen wird.
„Schade, dass du weggehst vom FC Bayern“
Goretzka ist ablösefrei. „Dass sein Weg für ihn weitergehen wird in einer europäischen Topliga, das glaube ich auch“, sagte Eberl. „In welche Liga er am besten passt, das wird er selbst mit seinen Leuten entscheiden. Es überrascht mich nicht, dass er viele Anfragen hat, weil er ablösefrei, deutscher Nationalspieler und ein sehr guter Spieler ist. Einen Rat von mir braucht er nicht, der Leon hat da schon selbst ein sehr gutes Gefühl dafür.“
Bundestrainer Julian Nagelsmann setzt bei der WM in den USA auf Leon GoretzkaMario Basler wettet nicht dagegen. Im Gegenteil. Es sei ein „Unding beim FC Bayern“, dass Goretzka keinen neuen Vertrag erhalte. „Mir tut es leid, dass er beim FC Bayern nicht bleibt. Es tut mir weh, dass er weg muss.“
Der ehemalige Nationalspieler fordert zudem, dass nicht Aleksandar Pavlović neben Kimmich im Mittelfeldzentrum spielen müsse, sondern Goretzka. „Für mich gehört dort Goretzka hin. Er ist für mich der Stabilere“, sagte Basler, acht Jahre nach seiner Goretzka-Wette, wieder im „Doppelpass“ am vergangenen Sonntag. „Ich würde Goretzka am Mittwoch gegen Paris auf jeden Fall von Anfang an spielen lassen.“
In der aktuellen Ausgabe der Sendung konfrontierte ihn der Moderator mit dem Ausschnitt von 2018. Und Basler bat bei Goretzka um Entschuldigung. Direkt in die Kamera gerichtet, sagte der 57-Jährige: „Leon, natürlich entschuldige ich mich bei dir. Ich war damals nicht so überzeugt, heute bin ich total von dir überzeugt. Schade, dass du weggehst vom FC Bayern.“
Julien Wolff ist Redakteur im Sportkompetenzcenter. Er berichtet für WELT seit vielen Jahren über den FC Bayern und die Nationalmannschaft sowie über Fitness-Themen. Im Rückspiel gegen Paris wird er auf der Pressetribüne des Münchner Stadions sitzen.
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