Die Chance auf den Klassenerhalt ist noch da. Aber für den VfL Wolfsburg schwindet sie von Spieltag zu Spieltag. Um nach 29 Jahren nicht den Gang zurück in die zweite Liga antreten zu müssen, müssen Punkte her. Am Sonntag treffen die Niedersachsen auf den SC Freiburg (19.30 Uhr, im Sport-Ticker der WELT). Christian Eriksen, der dänische Superstar, weiß um die Bedeutung der Partie für den Tabellen-17. der Fußball-Bundesliga.
Frage: Herr Eriksen, kennen Sie Kevin Großkreutz?
Christian Eriksen: Ja, wieso?
Frage: Was denken Sie, wenn er sagt: „Ich wünsche mir, dass Wolfsburg absteigt.“
Eriksen: Dass wir uns das nicht wünschen. Es mag Leute da draußen geben, die keinen Bezug zu Wolfsburg haben. Und vielleicht haben andere Vereine auch mehr Fans. Aber wir und unsere Fans möchten in der Bundesliga bleiben und wären sehr traurig, wenn wir es nicht schaffen.
Frage: Warum bleibt Wolfsburg erstklassig?
Eriksen: Es war in dieser Saison eine Achterbahnfahrt. Zuletzt haben wir ein paar Punkte gesammelt, so dass unser Selbstvertrauen gewachsen ist. Jetzt müssen wir das Momentum in den kommenden drei Spielen packen.
Frage: Was sind die Gründe für die katastrophale Saison?
Eriksen: Die Ergebnisse sind ausgeblieben. Wir haben zu viele Gegentore kassiert. Dann gab es viele personelle Veränderungen im Klub. Wir hatten nicht das Glück und waren offen gesagt in einigen Situationen auch nicht gut genug.
Frage: Denken Sie schon an die Relegation?
Eriksen: Erst einmal sind es noch drei Spiele. Wir wissen, dass wir wahrscheinlich nur noch eine Mannschaft überholen können. Das ist unser erstes Ziel, um dann noch zwei zusätzliche Spiele zu bekommen.
Frage: Hand aufs Herz: Würden Sie mit in die 2. Liga gehen?
Eriksen: Lassen Sie uns doch erst die Saison zu Ende spielen. Ich will helfen, dass wir den Klassenerhalt erreichen. Über alles andere können wir danach sprechen.
Frage: Dieter Hecking ist der dritte Trainer in dieser Saison. Haben Sie das je erlebt?
Eriksen: Nein, drei in einer Saison noch nie. Wir hatten drei unterschiedliche Ansätze. Es waren viele neue Gesichter. Das war wie ein Déjà-vu.
Spezialist für Standards: Christian Eriksen schießt beim VfL Wolfsburg die Ecken, Strafstöße und FreistößeFrage: Wie meinen Sie das?
Eriksen: Als ich im Sommer kam, kannte ich keinen und musste die Leute im Klub erst kennenlernen. Dann kamen während der Saison noch einmal ein paar neue Gesichter dazu...
Frage: Wie sehr beeinflusst der Abstiegskampf Ihr Privatleben?
Eriksen: Als ich jünger war, habe ich alle Probleme mit nach Hause genommen. Jetzt habe ich Kinder. Da bist du abgelenkt und mit den Gedanken bei der Familie. Aber wenn zum Beispiel zu Hause Fußball im Fernsehen läuft, habe ich natürlich im Kopf, in welch schwieriger Situation wir sind.
Frage: Nach verlorenen Spielen hatten Sie zuletzt Tränen in den Augen…
Eriksen: Sah das so aus? Ich glaube, ich war nur müde. Aber natürlich machen Niederlagen etwas mit einem.
Frage: Als Sie nach Wolfsburg kamen, wollten Sie oben mitspielen. Jetzt stehen Sie mit einem Bein in der 2. Liga. War der Wechsel rückblickend ein Fehler?
Eriksen: Nein, es war kein Fehler, nach Wolfsburg zu gehen. Für mich war der Wechsel sehr gut. Ich spiele fast immer und war dadurch bei der Nationalmannschaft. Es ist das, was ich wollte: in einer guten Liga Fußball spielen. Ich kann die Minuten auf dem Platz auch genießen. Aber natürlich ist der Blick auf die Tabelle nicht schön.
Frage: Sie waren Meister oder Pokalsieger in Holland, Italien und England, haben also immer um Titel gespielt. Was ist im Abstiegskampf anders?
Eriksen: Eigentlich ist es dasselbe. Wenn man so lange auf einem Abstiegsplatz steht wie wir, wäre der Klassenerhalt für mich wie ein Titelgewinn. Es gibt dafür keine Schale, aber es fühlt sich sicher wie ein Titel an.
Frage: Sie empfinden aktuell also nicht mehr Druck?
Eriksen: Nein, es ist das gleiche Mindset. Du willst Spiele gewinnen. Der Unterschied ist: Einen Titel möchtest du auf deiner Visitenkarte haben, einen Klassenerhalt schreibst du da nicht mit drauf.
Frage: Bei der EM 2021 haben Sie einen Herzstillstand auf dem Platz erlitten, sagten danach selbst, dass Sie fünf Minuten tot waren. Gehen Sie wegen dieser Erfahrung anders mit dem Abstiegskampf um?
Eriksen: Ja, diese Erfahrung hilft, Druck anders wahrzunehmen. Natürlich geht es im Fußball um viel, und er beeinflusst das Leben vieler Menschen. Das spüre ich. Aber der Druck erdrückt mich nicht.
Christian Eriksen (l.) absolvierte bislang 147 Länderspiele für Dänemark und erzielte 46 ToreFrage: Woran denken Sie als Erstes, wenn Sie sich an den 12. Juni 2021 erinnern?
Eriksen: Es war eine neue Situation für mich, eine neue Welt. Für die Menschen gibt es einen Christian Eriksen vor und einen Christian Eriksen nach dem Vorfall. Das sehe ich aber nicht so.
Frage: In 40 Tagen jährt sich der Tag zum fünften Mal. Werden Sie ihn mit Ihrer Familie wie einen zweiten Geburtstag feiern?
Eriksen: Nein. Es ist für mich ein normaler Tag wie jeder andere.
Frage: Ihre Frau Sabrina war damals live dabei. Kann sie noch Spiele von Ihnen im Stadion ansehen?
Eriksen: Ja.
Frage: Sie haben Ihre Familie mit nach Wolfsburg gebracht. Wie wichtig ist Ihnen das Privatleben?
Eriksen: Sehr. Ich bin ein Familienmensch und liebe es, wenn ich sie bei mir habe. Sie unterstützen mich, egal, wo ich bin und was ich mache. Und ihnen gefällt Wolfsburg: Es ist schön, hier zu leben.
Frage: Sie haben bei Tottenham lange mit Harry Kane zusammengespielt. Nächste Woche spielen Sie gegen ihn und Bayern. Können Sie ihn stoppen?
Eriksen: Die Bayern und auch Harry spielen eine grandiose Saison. Aber die Punkte gegen uns brauchen sie nicht mehr. Vielleicht legen sie nach dem Champions-League-Spiel unter der Woche mal eine kleine Pause ein.
Frage: Was macht Kane so gut?
Eriksen: Harry verpflichtet sich immer komplett der Mannschaft, in der er spielt. Er ist immer total konzentriert und ein sehr starker Abschlussspieler. Neun von zehn Torchancen macht er rein.
Frage: Sie sind seit rund acht Monaten in Wolfsburg. Wie gut ist Ihr Deutsch?
Eriksen: Es ist okay, aber ein paar Formulierungen sind echt schwierig. Ich kann mich unterhalten, aber mein Englisch ist besser. Ich finde, deutsche Speisen haben lustige Namen.
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Frage: Was ist für Sie typisch Deutsch?
Eriksen: Currywurst. Ich mag sie. Nach den Spielen gönne ich mir auch mal eine.
Frage: Sie haben die WM mit Dänemark in den Play-offs verpasst. Wie groß ist die Enttäuschung?
Eriksen: Das tut sehr weh. Ich gehe davon aus, dass ich keine WM mehr spielen werde. Ich verdränge das noch ein bisschen, aber der Schmerz wird stark sein, wenn die WM im Fernsehen läuft. Ich würde am liebsten gar nicht so viele Spiele schauen, aber ich fürchte, mein Sohn will sie sehen.
Frage: Sie spielen mit ihm gern Lego. Auch die WM-Edition?
Eriksen: Auf keinen Fall! Es gibt eine dänische Firma und ich kaufe wirklich viel Lego. Aber ich werde das nicht unterstützen, wenn keine dänische Flagge dabei ist.
Frage: Sie haben 149 Länderspiele bestritten. Kommen noch welche dazu?
Eriksen: Das habe ich noch nicht entschieden. Aber mein Ziel ist es, weiterzuspielen. In zwei Jahren findet die EM in England statt. Das ist in meinem Kopf. Da dabei zu sein, wäre schön.
Frage: Manuel Neuer spielt noch mit 40. Können Sie sich das auch vorstellen?
Eriksen: Mit 40 stehe ich sicher nicht mehr auf dem Platz. Ich werde vorher aufhören. Aber ich kann nicht sagen, wann es sein wird. Momentan fühle ich mich frisch, kann es immer noch genießen. Solange es so ist, mache ich weiter. Mein Vertrag in Wolfsburg läuft auch noch ein Jahr. Mal sehen, was danach ist.
Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Bild am Sonntag“ veröffentlicht.
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