Das konnte Alexander Blessin nicht auf sich beruhen lassen. Als sich das Stadion in Heidenheim schon teilweise geleert hatte, ging der Trainer des FC St. Pauli zu den eigenen Fans. Er hatte mitbekommen, wie seine Spieler von ihren Anhängern ausgepfiffen worden waren. Auch ein paar böse Worte sollen gefallen sein. Jedenfalls hatte sich die Mannschaft nach einem auffällig kurzen Dialog zwischen Abwehrchef Hauke Wahl, einem der eloquentesten Hamburger Profis, und dem Capo der Ultras schnell in die Kabine verzogen.
Also redete Blessin mit den Anhängern, die nach der seltsamen, passiven Vorstellung beim 0:2 in Heidenheim schwer enttäuscht waren. Was genau besprochen wurde, blieb ein Geheimnis. Am Ende der Unterredung klopften sich Blessin und der Fan gegenseitig auf die Schultern. Ein ungewöhnlicher Vorgang: Ausgerechnet beim FC St. Pauli, wo sie so stolz auf die Einheit zwischen Team und Anhang sind, waren Disharmonien nicht zu übersehen. Und das in der schwierigsten Lage seit der Rückkehr in die Bundesliga vor knapp zwei Jahren. Also reagierte der Verein.
„Wir verstehen die Enttäuschung unserer Fans direkt nach dem Spiel und sehen und spüren die überragende Unterstützung in der gesamten Saison. Das ist ein unglaublich wichtiger Rückhalt“, hieß es in einer Erklärung. Man könne weiter den Klassenerhalt schaffen. „Dass wir in dieser Ausgangslage sind, ist für den FC St. Pauli ein Erfolg – und diese Chance wollen wir nutzen – alle gemeinsam.“
Dieser Appell wurde als notwendig erachtet, offenbart jedoch auch Befürchtungen, die Risse könnten sich vertiefen – in einer Phase, in der die Mannschaft mit dem Rücken zur Wand steht. Nach sieben sieglosen Spielen in Folge ist der Druck auf den Drittletzten massiv. Drei Spiele stehen noch an: Sonntag gegen Mainz, in Leipzig und gegen Wolfsburg. Die Chance, die Relegation zu vermeiden, hat sich in Heidenheim verkleinert, der Abstand auf den Vorletzten Wolfsburg ist auf einen Zähler geschrumpft.
Diesem Team fehlt offenbar der Mut
Vor allem die Art, wie die Partie in Heidenheim aus der Hand gegeben worden ist, nagt am Selbstverständnis. „Das ist brutal. Das war eine große Gelegenheit für uns, und wir waren nicht annähernd bereit“, sagte Kapitän Jackson Irvine. Dann zerlegte er das eigene Spiel: „mal wieder“ ein Gegentor nach einem Standard, „viele einfache Ballverluste“ und „zu große Räume für den Gegner“. Kurzum: Man trat wie ein Team auf, das sich entweder des Ernstes der Lage nicht bewusst ist – oder, was wahrscheinlicher ist, dem der Mut fehlt.
Der FC St. Pauli verpasst den ersehnten Befreiungsschlag im Abstiegskampf. Gegen Eintracht Frankfurt haben die Kiezkicker gleich zweimal Pech mit dem Aluminium. Sehen Sie die Highlights der Partie hier im Video.Das verwundert, denn eigentlich glaubten die Hamburger, ihre Krise überwunden zu haben. Von September bis November hatte es neun Niederlagen am Stück gesetzt, zudem flog das Team in Mönchengladbach aus dem Pokal. Bei einem „normalen“ Bundesligisten wäre der Trainer infrage gestellt worden. Doch auf St. Pauli wurde an Blessin festgehalten – und der schaffte es, die Mannschaft so umzustrukturieren, dass sie wieder in die Spur fand. Er schärfte die Sinne für die Erfordernisse im Abstiegskampf: Kompaktheit, Risikoabwägung und vor allem Kampfbereitschaft.
Es folgte die Konsolidierung. Das Team punktete gegen Mitkonkurrenten: in Köln (1:1), gegen Heidenheim (2:1), in Mainz (0:0), gegen Bremen (2:1), bei Union Berlin (1:1) – verbuchte aber auch gegen spielerisch überlegene Gegner überraschend Erfolge: 1:1 gegen Leipzig, 2:1 gegen Stuttgart, 1:0 in Hoffenheim. St. Pauli stand über der Abstiegszone.
Dann folgte der GAU von Heidenheim
Doch in den vergangenen Wochen schlichen sich Konzentrationsschwächen ein – diesmal auch in Spielen, die wie gemacht schienen, um entscheidende Sprünge nach vorn zu machen. Beim 1:1 gegen Köln schaffte es das Team nicht, eine 1:0-Führung über die Zeit zu bringen, weil es sich in der Schlussphase sehr weit zurückfallen ließ und noch den Ausgleich kassierte. Dann folgte der GAU von Heidenheim, wo St. Pauli dem Gegner, der bei einer Niederlage abgestiegen wäre, die Initiative überließ. Blessin hatte eine extrem vorsichtige Herangehensweise gewählt. Davon wollte der Coach, der nicht mehr unumstritten ist, nichts wissen. Es sei das frühe Gegentor gewesen, das für Verunsicherung gesorgt habe. Dennoch forderte Blessin für das Saisonfinish „Spieler, die sich wehren und aufstehen – Spieler, die dann auch die anderen mitreißen“.
Die Frage ist nur: Wer könnten diese Führungsfiguren sein? Ausgerechnet im Saisonfinish fehlen wichtige Spieler wie Mathias Pereira Lage (Kreuzbandriss) und Ricky-Jade Jones oder haben mit Formschwankungen zu kämpfen. Flügelspieler Manolis Saliakas stand nach vierwöchiger Verletzungspause in Heidenheim erstmals wieder in der Startelf. Ihm fehlte der Rhythmus. Das gilt ebenso für Eric Smith, an sich ein Mentalitätsspieler, der zur Pause eingewechselt wurde. Auch der Schwede kommt aus einer Verletzung. Der Japaner Joel Chima Fujita, einer der hoffnungsvollsten Zugänge, schwächelt seit Wochen.
Was aber besonders nagt, sind die vergebenen Chancen. Der Lokalrivale Hamburger SV, bei dem es ebenfalls nicht gut läuft, wäre in den vergangenen beiden Wochen einzuholen gewesen – und die Wolfsburger hätten, wenn die beiden Spiele gegen Köln und in Heidenheim gewonnen worden wären, schon weit abgeschlagen sein können.
Es bringe nichts, verpassten Gelegenheiten nachzutrauern. „Es ist gar nicht genug Zeit, das übermäßig zu analysieren“, sagte Irvine. Das sei auch ganz gut, denn sonst könnte das Selbstbewusstsein weiter schrumpfen. Sein Appell richtet sich allerdings nicht an die Fans, sondern an die Kollegen. Jeder Spieler müsse endlich wieder ans Limit gehen. „Dann sind wir ein anderes Team“, so der Australier: „Das haben wir so oft in dieser Saison gesehen.“ Dreimal müssen sie es zeigen – wenn nicht sogar ein viertes und fünftes Mal: in der Relegation.
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