Erfolg weckt Begehrlichkeiten. Dass die deutsche Redewendung auch in der Formel 1 gilt, wird derzeit am Beispiel von Red Bull deutlich. Nachdem der Brause-Rennstall seit 2021 vier Fahrer- und zwei Konstrukteurs-Titel einfahren konnte, befindet sich das Team von Max Verstappen im Umbruch – ob es will oder nicht.

Zerfällt Red Bull? Den Wandel haben die Verantwortlichen des Energydrink-Konzerns um Sport-Boss Oliver Mintzlaff vergangenes Jahr selbst eingeleitet. Nachdem erst CEO und Teamchef Christian Horner im Juli nach 20 Jahren im Amt entlassen wurde, bewegte man Motorsport-Berater Helmut Marko nach der Saison zum Rücktritt. So weit, so gut.

Aber: Das Schassen der langjährigen Leitbullen hat intern für Unruhe gesorgt – und die Konkurrenz auf den Plan gerufen. Über ein Dutzend Mitarbeiter wurden von anderen Rennställen abgeworben. Das aktuellste Beispiel: Gianpiero Lambiase.

Der Brite mit italienischen Wurzeln wechselt nach der Saison 2027 zu McLaren. Ein herber Rückschlag für Red Bull. Lambiase gilt durch seine Rolle als Renningenieur von Verstappen nicht nur als dessen engster Vertrauter im Team, sondern auch als eine der Schlüsselfiguren des RB-Erfolgs der vergangenen Jahre. Denn neben seiner Rolle als Verstappens wichtigster Ingenieur ist er als „Head of Racing“ für das operative Geschäft an der Rennstrecke verantwortlich.

Gianpiero Lambiase, Renningenieur von Max Verstappen, im März vor dem Rennen in Japan

Lambiases Wechsel sorgt nicht nur bei Verstappen für Unmut. Auch die RB-Verantwortlichen sind unglücklich über den Abgang. Denn langfristig hätte man sich Lambiase auch in der Rolle des Teamchefs vorstellen können.

Die Position wird derzeit von Laurent Mekies besetzt. Der Franzose übernahm nach dem Aus von Horner im Juli. Trotz des Fehlstarts in die Saison – Red Bull ist nur Sechster in der Konstrukteurs-WM, Verstappen nur Neunter in der Fahrer-Wertung – ist der Job von Mekies vorerst sicher. Mintzlaff & Co. sind zwar unzufrieden mit der bisher gezeigten Leistung, aber sie setzen auf Beständigkeit. Sie wollen nach drei gefahrenen Grands Prix nicht in Aktionismus verfallen.

Zumal die Brause-Bosse nicht vergessen haben, dass Mekies Red Bull vergangenes Jahr in der zweiten Saisonhälfte beinahe zu einem der größten Comebacks in der 75-jährigen Geschichte der Formel 1 geführt hat. Verstappen, der zwischenzeitlich über 100 Punkte Rückstand in der WM hatte, verpasste seinen Titel nach sechs Siegen bei elf Grands Prix nur um zwei Zähler.

Der Fehlstart hat seine Gründe

Es bräuchte eine ähnlich spektakuläre Aufholjagd, damit Verstappen in dieser Saison noch in das Titelrennen eingreifen kann. Grund: Sein Dienstwagen ist nicht siegtauglich. Entgegen aller Erwartungen ist es nicht der Motor (Red Bull startet erstmals mit einem eigens entwickelten Antrieb), sondern das Chassis, das die größten Probleme bereitet.

Zwar hadert RB auch mit der Software für die Batterie, die die Energie freisetzt, aber das Arbeitsfenster des Autos bereitet den Verantwortlichen Kopfschmerzen. Dieses ist so klein, dass das Auto entweder sehr gut oder gar nicht funktioniert. Einen Mittelweg gibt es bisher nicht. Dem „RB22“, wie der Bolide offiziell heißt, hat das intern den Spitznamen „Diva“ eingebracht.

Einer der Gründe für die unterdurchschnittliche Leistung des Autos sind zahlreiche personelle Abgänge in der näheren Vergangenheit. Mit Craig Skinner hat Red Bull seinen Chefdesigner kurz vor Saisonstart verloren. Zudem haben die Chefmechaniker Matt Caller und Jon Caller das Team verlassen. Tom Hart, Verstappens langjähriger Performance-Ingenieur, hat bei Williams angeheuert. Paul Field, Chief Operations Officer und damit quasi Leiter der Fabrik in Milton Keynes (England), ist zu Aston Martin gewechselt.

Red Bull und sein Fehlstart – er könnte noch weitaus schlimmere Folgen haben. Denn findet das einstige Erfolgsteam nicht zurück in die Spur, droht ein Abgang des wichtigsten Mitarbeiters: Max Verstappen. Der Niederländer kokettierte zuletzt öffentlich mit einem Karriereende, wenn er nicht zeitnah wieder Spaß am Fahren hat. Siege und Podien sind dafür Grundvoraussetzung.

Unklar, ob es die diese Saison noch geben wird. Klar scheint nur: Geht Verstappen, zerfällt Red Bull.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke