Litti macht Theater – und wie. An seinem 66. Geburtstag wurde Fußball-Legende Pierre Littbarski zum Schauspieler. Der Weltmeister von 1990 spielte sich mit seinem selbst geschriebenen Bühnenprogramm in die Herzen der Zuschauer. Eine Zeitreise durch sein bewegendes Leben. Mit Tränen, einem Überraschungsbesuch und einem brutal ehrlichen Geständnis an seine Tochter.
In der ersten Reihe im Bürgerhaus Stollwerck in Köln sitzen unter den 300 Zuschauern auch seine Freundin Kerstin und Tochter Denise, die aus seiner ersten Ehe stammt. Littbarski erzählt, wie wichtig Gier und Leidenschaft als Fußballer sind, um Weltmeister zu werden. Und davon, dass er zwei Gesichter habe: „Die Leute denken, ich bin ein ganz lieber Junge. Das ist nicht so.“
Warum das so ist, erklärt er mit einer privaten Geschichte. „Mir war scheißegal, was rund um mich passiert. Mein ganzes Leben lief an mir vorbei. Wie Schnellzüge. Ich habe nichts mitbekommen, mich hat nichts interessiert. Die Geburten meiner Töchter waren nicht wichtig. Ich wollte nur Spiele gewinnen und der Beste sein.“ Littbarski hat insgesamt vier Kinder.
Dann richtet er sich direkt an seine Tochter Denise, sagt: „Ich habe jetzt eine schwierige Aufgabe. Meine Tochter sitzt hier vorn.“ Raunen im Publikum, dann schüchternes Klatschen. Der gebürtige Berliner weiter: „Jetzt könnte ich ganz heuchlerisch sagen: Schatz, es tut mir leid. Aber das schließt nicht die Wunden, die ich bei dir hinterlassen habe. Du musstest alleine aufwachsen, hast es alleine geschafft, kannst stolz auf dich sein. Ich bin auch stolz auf dich.“ Wieder Applaus. Dieses Mal kräftiger. Bis der Hauptdarsteller zu seiner Tochter sagt: „Aber ich sage dir auch eines: Ich würde es wieder so machen. Weil das der einzige Weg ist für mich.“ Stille im Saal.
Gegenüber „Bild“ sagt Littbarski nach der Aufführung: „Meine Tochter wusste nicht, was auf sie zukommt. Sie ist nicht so melodramatisch. Wir freuen uns, wenn wir uns sehen. Aber da werden nicht die alten Zeiten aufgearbeitet. Die weiß, wie ich bin.“
Littbarski berichtet unter Tränen von Bolzplatz-Kindheit
Davor hatte es schon beim Start seines Auftritts bittere Tränen gegeben. Littbarski erzählt mit schwerer Stimme von seiner Bolzplatz-Kindheit in Berlin, muss immer wieder abbrechen. „Meine Eltern hatten keine Verwendung für mich, sie haben mich mit zwei Jahren bei meinen Großeltern abgesetzt.“ Zum sechsten Geburtstag gab’s einen Ball in einer Pappkiste: „Der Schlüssel zu meinen Träumen.“
Mit 12 Jahren zog er zur Mutter, die Eltern waren längst getrennt. „Ihr Alkoholkonsum erhöhte sich täglich. Sie wurde zur Alkoholikerin. Nur der Ball blieb mir als letzter Anker. Stück für Stück habe ich mich nach oben gekämpft.“ Littbarski legte eine Weltkarriere hin. Die Köln-Legende (504 Pflichtspiele/144 Treffer) erreichte dreimal das WM-Finale (1982, 1986, 1990).
Emotional: Littbarski kämpft auf der Bühne mit den TränenLittbarski erzählt an diesem Abend er im Krankenschwester-Kostüm eine Schmonzette über seine Trainer-Zeit in Australien, als er seinen damaligen Star-Spieler Dwight York mit drei „Krankenschwestern“ in der Hotel-Suite besucht. „Als die dritte Krankenschwester anfing, ihm die Füße zu massieren, spielte mein Gehirn verrückt …“ Dann steht Littbarski plötzlich fast nackt, nur noch mit Unterhose bekleidet, auf der Bühne und erzählt von einem Massage-Trauma. Freundin Kerstin zückt das Handy und macht ein Foto.
Hang zum Klamauk: Littbarski im Krankenschwester-KostümEr teilt aus, als er gegen Kölns Ex-Coach Lukas Kwasniok wütet, weil der Supertalent Said El Mala zu wenig spielen ließ. „Wenn ich eine Granate wie El Mala im Team habe, dann lasse ich sie jedes Mal spielen. Warum bin ich denn so dumm?“ Und natürlich gibt es bekannte Geschichten, wie seine selbst vorfinanzierte 500.000-DM-Rückholaktion 1987 aus Frankreich (Paris) zum FC. Littbarski mit Selbstironie: „Dann bin ich so hohl und bezahl das selbst. Ohne Zinsen haben die mir das Stück für Stück zurückgezahlt. Und wer hat es sich zum Schluss eingesackt? Meine Ex!“
Mit Toni Schumacher singt Littbarski „Hey Kölle“
Überraschung des Abends ist der Besuch von Toni Schumacher. Der Ex-Keeper und ehemalige Zimmerkollege von Littbarski bringt Käse-Lakritz-Kuchen und jede Menge Anekdoten mit, zusammen singen beide den Höhner-Hit „Hey Kölle“.
Nach seinem Auftritt sagte Littbarski: „Ich war nicht besonders aufgeregt. Ich habe mich mehr gefreut. Wir haben insgesamt vier Monate geprobt. Mit Schreiben haben wir ein halbes Jahr für das Stück gebraucht.“
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90 Minuten, zwei Fußballhalbzeiten, soll die Vorstellung ursprünglich dauern. Am Ende steht Littbarski knapp drei Stunden (davon 20 Minuten Pause) auf der Bühne.„Das war dann wohl mit Verlängerung und Elfmeterschießen“, sagt er. Toni Schumacher nennt ihn „verdammt mutig“.
Littbarskis Auftritt war Authentisch, ohne viel Tamtam. Unterhaltung auch für Nicht-Fußballfans. Mit einer Fortsetzung? Littbarski: „Vielleicht gehen wir noch auf Tournee.“ Der Mann hat immer noch Ausdauer – auch mit 66 Jahren.
Der Artikel wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Bild“ veröffentlicht.
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