Ihre Verpflichtung war durchaus ein Coup: Tatjana Haenni führt als CEO den Fußball-Bundesligaklub RB Leipzig an. Hier spricht sie über Vorbehalte im Job, Jürgen Klopp und gleichgeschlechtliche Liebe.
Frage: Frau Haenni, Sie sind die erste Frau, die als CEO an der Spitze eines Bundesliga-Klubs steht. In dieser Rolle waren Sie im März zum ersten Mal bei der Vollversammlung der DFL. Wie war das Treffen?
Tatjana Haenni (59): Es war sehr angenehm, vor Ort nichts Spezielles. Aber es gibt schon etwas mehr Aufmerksamkeit und Kommentare, weil ich nun mal die erste Frau bin. Ich will bei der Sache bleiben, meinen Job gut machen. Darauf konzentriere ich mich, und damit bin ich bisher gut gefahren.
Frage: Sie haben zuvor einige Klub-Bosse angeschrieben, um sich vorzustellen ...
Haenni: Genau, ich wollte den ersten Ball zuwerfen und mich vorstellen, weil ich ja neu bin. Es haben alle geantwortet. Alle auf ihre Art und Weise.
Frage: Union Berlin hat Marie-Louise Eta (34) zur ersten Trainerin eines Männer-Bundesligisten gemacht. Wie finden Sie diese Entscheidung?
Haenni: Die öffentliche Aufmerksamkeit – bis hin zur Berichterstattung in der Tagesschau – spricht eine klare Sprache. Das ist ein sehr schöner Meilenstein. Für Marie-Louise Eta freut es mich, dass der Verein ihr das zutraut. Union wird gute Gründe für diese Entscheidung haben, die nichts damit zu tun haben, dass sie eine Frau ist, sondern fachlich sehr gut. Ich wünsche ihr viel Erfolg, natürlich mit Ausnahme des Spiels kommende Woche in der Red Bull Arena (schmunzelt).
Frage: Was denken Sie über eine Frauenquote?
Haenni: Es ist schade, dass wir darüber im Jahr 2026 überhaupt noch diskutieren müssen. Es geht um die richtige Person. Sie kann helfen, Entwicklungen in die richtige Richtung zu lenken und den Durchbruch zu beschleunigen. Ich hoffe jedenfalls, dass ich ein Vorbild sein kann.
Frage: Warum gibt es speziell im Fußball kaum Frauen in Führungspositionen?
Haenni: Das braucht Zeit. Der Fußball war historisch männergeführt, die Rolle der Frau war vor 40, 50 Jahren anders als heute. Die nordischen Länder, die in der Geschlechterthematik eine andere Herangehensweise haben, haben andere Zahlen. Es hat also viel mit gesellschaftlichen Strukturen zu tun. Wir sind aber auf einem guten Weg.
Haenni im Leipziger StadionFrage: Gab es schon Berührungspunkte mit Bayern-Patron Uli Hoeneß?
Haenni: Ja, vor dem Spiel in München hatten wir ein Dinner in seiner Lounge. Das war sehr nett, sehr warmherzig. Ich habe ihn schon als Grandseigneur wahrgenommen.
Frage: Der verstorbene Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz hatte 2019 mit Hoeneß gewettet, dass RB Leipzig innerhalb von drei Jahren Meister wird. Welche Jahreszahl würden Sie Hoeneß jetzt anbieten?
Haenni: Ich bleibe bei drei Jahren (lacht).
Frage: Der Wetteinsatz war damals ein Kasten Bier …
Haenni: Da bin ich eher bei einem Franciacorta, einem italienischen Schaumwein. Ich wette aber nicht gerne, ich überzeuge lieber mit Taten.
Frage: Sie haben jetzt hundert Tage im Amt hinter sich. Was sind Ihre Schwerpunkte?
Haenni: Ich empfinde es als großes Privileg, als CEO einen so großen und spannenden Fußball-Klub führen zu dürfen. Ich habe alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei einem gemeinsamen Frühstück und in vielen Gesprächen kennenlernen dürfen, zwei Town-Hall-Meetings veranstaltet, Vertreter aus Stadt, Land, Wirtschaft und Verbänden getroffen. Ich habe mich der Mannschaft vorgestellt, war bei fast allen Spielen vor Ort und wollte die ersten 100 Tage vor allem nutzen, um eines zu schaffen: RB Leipzig zu inhalieren.
Frage: Wie wichtig ist die Champions League für Leipzig?
Haenni: Aus finanzieller Sicht ist die Champions League essenziell für uns. Wenn wir das nicht erfüllen, haben wir bei der Kaderplanung eine andere Ausgangslage. Denn die Einbußen müssten wir durch Transfers kompensieren. Wir wollen sportlich wieder konstant ein Top-vier-Klub in Deutschland und in Zukunft ein Top-zehn-Klub in Europa sein. Wir sind maximal ambitioniert. Dazu gehört, dass wir natürlich nach Möglichkeit auch in Zukunft mal um die Meisterschaft mitspielen. Die Champions League ist grundsätzlich unser Anspruch. Und schließlich ist sie auch für die Stadt und Region wichtig. Das habe ich schon gemerkt.
Frage: Inwiefern?
Haenni: Ich war in einem Restaurant, und der Wirt sagte mir, RB müsse unbedingt wieder Champions League spielen, weil er ohne diese Partien 20.000 Euro weniger Umsatz pro Jahr habe. Der Wirtschaftsfaktor und der Einfluss, den RB Leipzig mit Spielen im internationalen Wettbewerb auf Leipzig und viele Unternehmen hat, ist groß.
Frage: Wie hat Sie Red-Bull-Chef Oliver Mintzlaff vom Job überzeugt?
Haenni: Wir haben uns das erste Mal in New York getroffen, wo ich zu dem Zeitpunkt gelebt und gearbeitet hatte. RB Leipzig ist bereits sehr professionell aufgestellt, aber er wollte den Klub noch einmal durch neue Impulse, strategisches Geschick, Fachexpertise und Führungsstärke anheben. Ich glaube, auch meine Seniorität und Erfahrung haben eine Rolle für mich gespielt. Ich habe auch mit anderen Verantwortlichen wie Global-Commercial-Chef Florian Scholz oder den RB-Geschäftsführern Johann Plenge, Florian Hopp und Marcel Schäfer Gespräche geführt. Ich sehe mich als letztes fehlendes Puzzleteil in einer sehr guten Struktur. Ich möchte dazu beitragen, dass der Klub die gesteckten Ziele erreichen kann.
Frage: Was muss in drei Jahren passieren, damit Sie mit Ihrer Arbeit zufrieden sind?
Haenni: Erstens: Wir müssen unsere Einnahmesituation verbessern. Wir haben noch nicht alle VIP-Bereiche ausgebucht, es gibt Luft beim Ticketing, Merchandising und auch im Sponsoring. Zweitens: Wir müssen unsere tolle Infrastruktur im Nachwuchsfußball besser nutzen. Zum einen, indem wir eigene Talente in unsere Bundesliga-Mannschaft bringen. Zum anderen, indem wir eigene junge Spieler mit Ablöse verkaufen oder finanziell an deren weiteren Transfers mitverdienen. Drittens: Wir wollen unsere lokale Verankerung vertiefen. Wir sind ein Klub aus Leipzig, aus Sachsen, aus dem Osten. Darüber wollen wir Begeisterung sichtbar machen und weiter in die Bevölkerung tragen.
Frage: Wie lief Ihr Kennenlernen mit Jürgen Klopp, dem Head of Global Soccer bei Red Bull?
Haenni: Nachdem klar war, dass ich nach Leipzig gehe, bekam ich eine Nachricht im Sinne von: „Hallo, Jürgen Klopp hier. Ich freue mich. Wollen wir mal quatschen?“ Ich musste erst mal herausfinden, ob er das wirklich ist. Später haben wir einen Video-Call gemacht, als ich mitten in Zürich unterwegs war und an einer Straßenecke stand. Ich fand es sehr beeindruckend, dass er von sich aus anruft. Inzwischen telefonieren wir ab und zu. Jürgen ist ein super Typ und sehr klar.
Früher Trainer, heute Head of Global Soccer bei Red Bull: Jürgen KloppFrage: Es gibt immer wieder Gerüchte um ein vorzeitiges Ende im Sommer und den Job als Bundestrainer. Was glauben Sie, wie lange Klopp Red Bull noch erhalten bleibt?
Haenni: Ich habe null Indikatoren, dass er uns verlässt. Ich wünsche mir, dass wir ihn weiterhin als Berater und Experten heranziehen dürfen.
Frage: Hat RB Leipzig das beste Vereinsmodell, wenn man sieht, wie Ultras in anderen Vereinen mitbestimmen?
Haenni: Ich finde, dass vieles in unserem Klub richtig, richtig gut läuft. Wir haben gewisse Probleme nicht. Das wird zu wenig beachtet. Aber klar, Sie wollen vermutlich auf 50+1 hinaus …
Frage: Wie ist Ihre Meinung dazu?
Haenni: RB Leipzig wünscht sich, wie der gesamte Ligaverband, Rechtssicherheit bei der 50+1-Regel sowie einen zeitnahen Abschluss des inzwischen seit acht Jahren laufenden Verfahrens. Dabei ist es erforderlich, eine Regelung zu finden, die den Interessen von Ligaverband und Klubs – und zwar allen 36 Klubs – gleichermaßen gerecht wird. Entscheidend ist der Fakt der Rechtssicherheit, ohne die der Liga weiterhin erhebliche Unsicherheit und damit auch wirtschaftlicher Schaden drohen würde.
Frage: Sie haben bis zum Jahreswechsel in den USA gelebt. In Zeiten von ICE, Trump und viel Unsicherheit – haben Sie da Vorfreude auf die WM gespürt?
Haenni: Eine WM ist das Schönste, was einem Land passieren kann. Da ist man sechs Wochen auf das Turnier fokussiert, versucht, jedes Spiel zu gucken und liegt sich in den Armen. Es ist verbindend und ein Fest. Ich habe gedacht, dass das für den Fußball in Amerika eine große Chance ist, sich zu entwickeln, mit auf den Zug aufzuspringen. Ich hoffe weiterhin, aber leider sind aktuell zu viele nicht sportliche Themen im Fokus. Das ganze Thema ist in der öffentlichen Debatte zu negativ behaftet. Leider.
Frage: Wie meinen Sie das?
Haenni: Es gibt viele Hürden und Ungewissheiten. Man weiß nicht, ob alle Teams teilnehmen können. Ob und wie alle Fans dabei sein können. Die Ticket- und Hotelpreise sind für viele Fans ein Problem. Es ist einfach schade für dieses kulturenverbindende, gesellschaftlich relevante und wahnsinnig attraktive Turnier.
Frage: St. Paulis Präsident Oke Göttlich hat zuletzt eine Debatte über einen WM-Boykott gefordert. Wie sehen Sie das?
Haenni: Boykott ist für mich keine Lösung. Was wir aber brauchen, ist eine Haltung. Wir müssen wissen, für welche Werte wir stehen. Ich finde, durch die Größe des Turniers und durch diese Macht, so viele Menschen erreichen zu können, hat man eine Verantwortung. Und die kann man umsetzen, indem man sich politisch neutral äußert. Für Fairness, für Meinungsfreiheit, für Diversität. Um dann eine Debatte zu führen.
Frage: Zum Abschluss noch etwas Persönliches: Wie ticken Sie privat? Wo und mit wem leben Sie in Leipzig?
Haenni: Ich habe schnell eine schöne Wohnung in Leipzig gefunden. Ich fühle mich sehr, sehr wohl. Beim Sport und beim Zusammensein mit Freunden kann ich gut abschalten. Ich spiele Tennis, habe ein bisschen mit Golf angefangen und gehe ins Gym. Und ich habe eine Lebenspartnerin, die in Zürich lebt. Sie ist selbstständig, was es einfacher macht, Zeit miteinander zu verbringen, da sie eine gewisse Flexibilität hat. Wir gehen gerne in der Stadt spazieren oder kochen zusammen.
Frage: Ist Ihre Lebensgefährtin auch diejenige, bei der Sie sich einen Rat holen?
Haenni: Ja, in eher allgemeinen Fragen, weil es von der Expertise her gut passt. Sie macht Führungskräfte-Coaching – da schadet es nicht, wenn man sich mal austauschen kann. Zudem habe ich mir ein kleines Team Haenni aufgebaut. So zwei, drei Leute, die ich bei Bedarf fragen kann oder von denen ich mir Feedback einhole.
Frage: Es ist schön, dass Sie ganz offen über Ihre Freundin sprechen. Im Fußball ist gleichgeschlechtliche Liebe aber noch immer ein Tabu-Thema. Wann ist es das nicht mehr?
Haenni: Ich glaube, dass es in der Gesellschaft kein Tabu mehr ist. Im Männerfußball ist es aber etwas anderes. Es herrscht eine Kultur, die es schwierig macht. Und wenn wir es ernst meinen, wenn wir das Gefühl haben, wir wollen den Homosexuellen im Männerfußball den Weg erleichtern, dann müssen wir etwas dafür tun. Ich bin immer sehr offen damit umgegangen. Es wäre schön, wenn wir sagen könnten, dass es auch im Männerfußball Normalität ist.
Frage: Haben Sie dennoch mal schlechte Erfahrungen gemacht?
Haenni: Null, aber das wäre mir auch egal.
Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.
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