Carsten Cramer was not amused. Es gebe zwar „eine freie Meinungsäußerung“, sagte der Sprecher der Geschäftsführung des BVB: „Aber wir sind eine Gemeinschaft und als Vertreter von Borussia Dortmund möchte ich einfach nicht, dass Spieler von uns auf dem Rasen mit schwarz-gelbem Trikot mit Pfiffen konfrontiert werden.“ So etwas, erklärte Cramer, „gehört sich nicht.“
Ein nicht unerheblicher Teil der Fans des Tabellenzweiten sieht das ganz anders. Nico Schlotterbeck, noch vor geraumer Zeit ein Publikumsliebling in Dortmund, wurde ausgepfiffen. Bereits als Stadionsprecher Norbert Dickel vor dem Heimspiel gegen Bayer Leverkusen den Namen des Abwehrspielers verlesen hatte, gab es laute Unmutsbekundungen – vor allem von der Südtribüne. Sowie anschließend bei vielen seiner Ballberührungen.
Auch nach dem 0:1 (0:1) der Dortmunder gab es nur ein Thema: Was ist von der Vertragsverlängerung, auf die sich der BVB und Schlotterbeck nach einem fast halbjährigen Gezerre geeinigt haben und die am Freitag verkündet wurde, zu halten? Der Innenverteidiger, der noch bis Juni 2027 unter Vertrag gestanden hatte, bleibt nun bis 2031 ein Borusse – falls nicht doch eine vereinbarte Klausel greifen sollte. Die soll besagen, dass bestimmte Spitzenvereine den 26-Jährigen für eine fixe Summe aus dem Vertrag herauskaufen können. Die Rede ist von 50 bis 60 Millionen Euro, die dann fällig würden.
Die Klausel ist offenbar der Knackpunkt
Für die BVB-Verantwortlichen – Cramer, Sportgeschäftsführer Lars Ricken und der neue Sportdirektor Ole Book – war diese Ausstiegsklausel offenbar die einzige Möglichkeit, einen drohenden wirtschaftlichen Verlust zu vermeiden. Denn sonst hätte Schlotterbeck nicht verlängert und zum Ablauf seines alten Vertrages ablösefrei gehen können. Der Knackpunkt ist jedoch: Die Klausel kann offenbar jederzeit aktiviert werden – also wohl auch schon nach der Weltmeisterschaft im Sommer (11. Juni bis 19. Juli) und damit unmittelbar vor Beginn der kommenden Bundesligasaison.
Sollte dieser Fall eintreten, würde der BVB zwar gutes Geld einnehmen – dürfte aber unter Zugzwang stehen, in relativ kurzer Zeit einen gleichwertigen Ersatz zu finden. Dies ist die Achillesferse eines Deals, der ansonsten aus ökonomischer Sicht alternativlos für den Verein war.
Deshalb gibt es massive Kritik. Sind die Dortmunder Schlotterbecks Interessen zu weit entgegengekommen? Haben sie, statt sich Planungssicherheit zu verschaffen, genau das Gegenteil erreicht? Nach Informationen von WELT soll Sebastian Kehl, der Vorgänger von Book als Sportdirektor, in den vergangenen Monaten dagegen gewesen sein, dass solch eine Klausel bereits vor der kommenden Spielzeit greift.
„Wir haben das Szenario vermieden, dass er im Zweifel im Sommer unter seinem Wert wechseln kann. Oder das noch größere Szenario: einen auslaufenden Vertrag“, erklärte dagegen Ricken. Unmittelbar nach Schlotterbecks Rückkehr von der Nationalmannschaft habe man sich zusammengesetzt. Book, Schlotterbeck und er seien die sportlichen Perspektiven durchgegangen. Dann habe der Spieler seine grundsätzliche Bereitschaft zu einer Verlängerung signalisiert. In den folgenden Tagen seien vertragliche Details geregelt worden. „Er hatte seine Erwartungshaltung, wir hatten Bedingungen, und wir haben uns dann in ein paar Tagen immer mehr angenähert.“ Ricken bezeichnete die Vereinbarung als „Win-win-Situation“ für beide Seiten.
Die Schwierigkeit besteht jedoch darin, dieses Geschäft zu erklären – in einer Branche, in der nach wie vor Emotionen eine große Rolle spielen. Besonders bei Traditionsvereinen wie dem BVB erheben Fans Anspruch auf Identifikation – und die Verantwortlichen haben ihnen oft genug suggeriert, bei den Spielern darauf zu achten. Die Erwartungshaltung der Anhänger an Schlotterbeck war, dass er sich bedingungslos bekennt – und sich nicht mehrere Hintertürchen offenhält. Deshalb wurde er ausgepfiffen.
„Wir sind sehr froh, dass Schlotti verlängert hat. Er hat sich das verdient. Ich glaube, es hat keiner verdient, ausgepfiffen zu werden, vor allem nicht hier im eigenen Stadion. Das schadet uns als Mannschaft, das muss jeder auf der Tribüne wissen“, sagte Waldemar Anton. Der Verteidiger-Kollege von Schlotterbeck wirkte am Samstag fast noch angefasster als der Betroffene selbst. „So etwas können wir als Mannschaft nicht akzeptieren, das ist ein Unding“, so Anton.
Zuspruch bekam Schlotterbeck, der es am Samstag vorzog, zu schweigen, auch von Julian Brandt. „Das Wichtigste für ihn ist, klar zu bleiben. Er ist ein sehr, sehr anerkannter Spieler bei uns in der Mannschaft, wir mögen ihn. Für den Verein ist es sensationell, dass es hinbekommen wurde, eine Lösung zu finden. Alles andere sind dann immer ein paar Echos, die dazugehören“, erklärte der Mittelfeldspieler. Das ist die Sichtweise eines Profis – die von vielen Fans jedoch nicht geteilt wird.
Brandt hatte vor ein paar Monaten übrigens ebenfalls vor der Frage gestanden, wie es weitergehen wird. Er hat sich, anders als Schlotterbeck, für einen klaren Schnitt entschieden und erklärt, seinen zum Saisonende auslaufenden Vertrag nicht zu verlängern.
Eine interessante Randnotiz, die aber die ganze Widersprüchlichkeit des Profifußballs offenbart, gibt es auch noch zu vermelden. Borussia Dortmund hat ausgerechnet in diesen Tagen zwei Sondertrikots auf den Markt gebracht: eines von Brandt und eines von Schlotterbeck. Auf der Rückseite des Schlotterbeck-Shirts, das sowohl in der Heim- als auch in der Auswärtsversion verfügbar ist, ist in die Rückennummer vier ein Porträt Schlotterbecks eingearbeitet – auf dem der Nationalspieler bei einem Torjubel seinen Bizeps zeigt. Es ist ein Bild, das Stärke zum Ausdruck bringt – und Identifikation.
Es gibt halt nichts, was sich nicht irgendwie doch kommerzialisieren lässt.
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