Wenn Timo Schultz, Trainer des VfL Osnabrück, und seine Spieler von der Kabine zum Trainingsplatz wollen, haben sie verschiedene Möglichkeiten. Entweder, sie schwingen sich auf das Fahrrad – dann sind sie knapp acht Minuten unterwegs. Oder sie machen einen Spaziergang, dann dauert es halt etwas länger.
So oder so: Für die Profis des Tabellenführers der 3. Liga beginnt das Training oft nicht erst mit Betreten ihres Trainingsplatzes am Schinkelberg. Das ist zwar nicht der einzige Rasenplatz, den sie zur Verfügung haben, aber der einzig richtig gute. Vor gut drei Jahren wurde er angelegt, samt einer im Winter unabdingbaren Rasenheizung. Eine Kabine in unmittelbarer Nähe gibt es jedoch noch nicht. Erst Mitte Januar begannen die Bauarbeiten, um hier, gut anderthalb Kilometer vom Stadion an der Bremer Brücke entfernt, ein neues Trainingszentrum entstehen zu lassen.
Bis dahin wird auch für das Training der Kabinentrakt im Stadion genutzt. Die altehrwürdige Arena lässt zwar die Herzen von Fußball-Romantikern höher schlagen. Mitten in der Stadt gelegen, bei jedem Spiel voll und besonders bei Flutlichtspielen äußerst stimmungsgeladen – wo gibt es das heute noch? Doch die Arena könnte eine Renovierung vertragen.
Die größte Investition der vergangenen 30 Jahre
„Natürlich müssen wir improvisieren, aber wir haben es uns richtig schön eingerichtet – sogar eine mobile Sauna haben wir“, sagt Timo Schultz. Und auf jeden Fall sei es so besser, als wenn die Mannschaft wie so häufig in den vergangenen Jahren „viermal pro Tag durch die Stadt fahren muss“, um sich einen Trainingsplatz zu suchen. Anfang kommenden Jahres soll der neue VfL-Campus am Schinkelberg fertig sein.
Es hat lange gedauert, bis der Verein das Projekt endlich in Angriff nehmen konnte, das für eine weitere Entwicklung des Vereins zwingend nötig ist. Rund sechs Millionen Euro soll es kosten. „Das ist für uns die größte Investition der letzten 30 Jahre. Damit erfüllen wir uns Träume“, sagt Geschäftsführer Dr. Michael Welling.
Jubel an der Bremer Brücke in Osnabrück: Niklas Wiemann feiert ein TorNoch länger kämpfte Welling darum, dass das Stadion endlich modernisiert wird. Doch auch hier gibt es endlich Bewegung. Im November hat der Stadtrat einer umfassenden Sanierung für mindestens 67 Millionen Euro zugestimmt. Dann soll das Fassungsvermögen auf 17.500 Zuschauer erhöht werden. Die Arbeiten an der Bremer Brücke sollen im Sommer beginnen.
Bis dahin, so hoffen sie in Osnabrück, wird der VfL wieder in der 2. Liga spielen. Die Euphorie ist groß: Am Sonntag kommt der Drittplatzierte Energie Cottbus zum Spitzenspiel (13.30 Uhr/Magenta Sport) an die ausverkaufte Bremer Brücke. Der Endspurt in der untersten bundesweiten deutschen Liga verspricht Spannung: Gleich sechs Mannschaften können sich noch Hoffnungen auf den Aufstieg machen – darunter vier ehemalige Bundesligisten: Hansa Rostock, MSV Duisburg, Cottbus und Rot-Weiss Essen. Doch Topfavorit ist der VfL, der mit 64 Punkten die Spitze behauptet.
„Wir haben es uns verdient, als Aufstiegsaspirant gehandelt zu werden“, erklärt Schultz, der die Mannschaft im vergangenen Sommer übernommen hatte. Der 48-Jährige war zwar damals schon überzeugt davon, dass sich in Osnabrück etwas bewegen lasse. Doch dass es sich so gut entwickelt, war auch für ihn ein wenig überraschend.
Nach dem Abstieg folgte der Absturz
Hinter dem Klub liegen schwierige Jahre. Nach dem letzten Abstieg aus der 2. Liga vor gut zwei Jahren, dem insgesamt achten der Vereinsgeschichte, misslang die Umstellung auf die 3. Liga völlig. Weihnachten 2024 belegte der VfL den letzten Tabellenplatz und drohte in die Regionalliga durchgereicht zu werden. Bereits nach dem sechsten Spieltag hatte Trainer Uwe Koschinat gehen müssen, nach dem 17. Spieltag musste dessen Nachfolger Pit Reimers ebenfalls den Hut nehmen. Sport-Geschäftsführer Phlipp Kaufmann, der erst im März zuvor übernommen hatte, wurde ebenfalls freigestellt. Die Mannschaft, die er zusammengestellt hatte, war auf dem Papier nicht schlecht – doch fehlte es ihr an körperlicher und mentaler Robustheit für die 3. Liga.
Es folgte ein Neustart während der Saison: Im vorletzten Winter mussten sieben Spieler gehen – sieben neue kamen. Unter Trainer Marco Antwerpen, der von Reimers übernahm, zeigte der VfL wieder ein anderes Gesicht. Das Team kämpfte, gewann die Fans zurück. Mit einer furiosen Aufholjagd gelang am drittletzten Spieltag durch ein 2:0 über Viktoria Köln die Rettung.
So hätte es weitergehen können, doch die ohnehin schon schwierige Saison hatte ein Nachspiel. Am 24. Mai empfing der VfL den benachbarten Regionalligisten Blau-Weiß Lohne zum Finale um den Landes-Pokal. Osnabrück unterlag überraschend mit 2:4, verpasste den Einzug in den DFB-Pokal. Nach der Partie wurden Antwerpen und sein Co-Trainer Frank Döpper fristlos gefeuert – ihnen wurde vorgeworfen, indirekt Druck auf den vom VfL an Lohne ausgeliehen Bernd Riesselmann ausgeübt zu haben. Der solle sich krankmelden, um nicht gegen Osnabrück zu spielen. Antwerpen wurde vom DFB gesperrt. Seine Klage gegen die fristlose Kündigung wurde vom Arbeitsgericht abgewiesen.
In der Rückrunde setzt der VfL Standards
So brauchte der Klub wieder einen neuen Trainer. Die Wahl fiel auf Schulz, der den Laufbereitschaft basierenden Stil von Antwerpen weiterverfolgte – allerdings wesentlich einfühlsamer mit der Mannschaft kommunizierte. In der Folge wirkte das Team deutlich geschlossener als in der Vorsaison.
Vor allem in der Rückrunde der laufenden Spielzeit setzte der VfL Standards in einer Liga, die sich in der Spitze bis dahin durch eine große Leistungsdichte ausgezeichnet hatte. Am 26. Spieltag übernahmen die Lila-Weißen, die die Hinrunde als 6. abgeschlossen hatten, die Tabellenspitze – und bauten ihren Vorsprung zeitweise sogar auf sechs Punkte aus. 18 Mal spielte die Mannschaft, deren Fundament eine sehr stabile Defensive ist, zu null.
Zuletzt gelang dem Schultz-Team sogar eine Serie von sieben Siegen in Folge – dann gab es am vergangenen Dienstag eine 0:1-Niederlage in Duisburg. Doch das wird, glaubt der Trainer, die Mannschaft nicht aus der Bahn werfen. „Die Jungs sind fokussiert, ich habe überhaupt nicht das Gefühl, dass sie mit den Gedanken schon beim Aufstieg sind oder in welchen Stadien sie vielleicht in der kommenden Saison spielen können“, sagte er gegenüber WELT AM SONNTAG.
Allerdings: Die Vorstellung, in einem komplett renovierten Stadion an der Bremer Brücke in der 2. Liga zu spielen, kann durchaus beflügeln.
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