Der Werth ist die Einkaufsstraße in Wuppertal-Barmen. Gegen 18 Uhr an diesem 13. Februar 1985, es ist Vorabend von Altweiberfastnacht, ist nicht viel los. Plötzlich stürmen zwei maskierte Männer in eine kleine Spielhalle, direkt neben C&A. Der eine schreit „Hände hoch“, der andere läuft auf die Kassiererin zu – übersieht dabei jedoch eine Stufe und fällt der Länge nach hin. Scheppernd kracht seine Gaspistole auf den Boden und zerfällt in ihre Einzelteile. Die selbst angefertigte Maske mit den Sehschlitzen war ihm über die Augen gerutscht.
„Jetzt hol endlich die Scheiß-Geldkassette“, brüllt der Komplize. Es dauert ein wenig, bis der andere sie der Kassiererin entreißen kann. Denn er stürzt erneut, dieses Mal ist eine Pforte im Weg. Dann flüchten beide durch die Fußgängerzone, während die Kassette – gefüllt mit knapp 2000 Mark, vorwiegend in Münzen – laut „klock, klock, klock“ macht. Schließlich steigen sie in einen BMW 528i und brausen davon.
Der auffällige Wagen mit dem Kennzeichen W-SV ... (Wuppertaler SV), an den sich Zeugen später erinnern sollten, gehörte Ralf von Diericke. Er war Stürmer des Fußball-Oberligisten. Der damals 23-Jährige galt als großes Talent. Noch ein Jahr zuvor hatte er in der Bundesliga für Fortuna Düsseldorf gespielt. Von Diericke war der Mann, der gemeinsam mit seinem Kumpel Olaf W., einem Bundeswehrsoldaten, diesen Raubüberfall begangen hatte und damit auch sinnbildlich ins Stolpern gekommen war.
„Das war fast mehr Dieter-Hallervorden-Comedy“, sagt der heute 64-Jährige, wenn er an das folgenreichste Ereignis seines Lebens zurückdenkt. Von den 2000 Mark hätten sie sich „einen schönen Abend“ mit reichlich Bier gemacht.
Dierickes Komplize hatte schwarz gefärbte Haare und einen geschwärzten Zahn
Doch das war nur das Präludium, quasi Training. Sechs Tage später folgte der eigentliche Coup: der Überfall auf die Geschäftsstelle des Wuppertaler SV. „Diesmal nahmen wir nicht mein Auto, sondern den Scirocco von Olafs Freundin. Wir waren ja Profis“, so von Diericke.
Er wartete auf einem Parkplatz in der Nähe, während Olaf die Geschäftsstelle betrat – mit schwarz gefärbten Haaren und einem geschwärzten Zahn. Er gab vor, eine Eintrittskarte kaufen zu wollen. Als die Geschäftsstellenmitarbeiterin die holen wollte, folgte er ihr. Die Frau erschrak und schrie, Olaf schlug sie und sperrte sie in der Toilette ein. Dann nahm er eine Zigarrenkiste aus dem offenen Tresor, kehrte zu dem wartenden von Diericke zurück und rief: „Fahr, fahr, fahr ....“
Kurz darauf, als die beiden in Olafs Wohnung angekommen waren und der sich mit kaltem Wasser die Haare ausspülte – der Strom war wegen Geldknappheit abgestellt –, zählte von Diericke die Beute: 11.000 Mark.
Dieser Raub sorgte für große Schlagzeilen: Ein Fußballer, der die Geschäftsstelle des eigenen Vereins überfällt – das war fast schon filmreifer Stoff. Allerdings weniger für einen Thriller. Denn dafür waren die Überfälle deutlich zu dilettantisch durchgeführt worden.
Ralf von Diericke beim Termin mit WELT AM SONNTAG in seiner Wohnung in Kleve am NiederrheinDoch es ist auch die Vorgeschichte, die tiefe Einblicke gewährt: in das Geschäftsgebaren, das damals im Fußball weitverbreitet war. In die Art und Weise, wie Vereinsmanager und -präsidenten im Grauzonenbereich agiert haben – und wie Spieler teilweise ausgebeutet wurden. Auch dafür steht die Geschichte des Ralf von Diericke – der später, als er im Knast saß, zum ersten deutschen Profi wurde, der als Freigänger in der 2. Liga spielte.
Von Diericke stammt aus Osnabrück. 1980 schaffte er es in die Mannschaft des VfL, die damals in der 2. Liga Nord spielte. Er war schnell, trickreich und torgefährlich. Für seinen Fußball-Traum tat er alles. Mit einem VW-Bulli fuhr er nach dem Training die Wäsche der Mannschaft in die Wäscherei. Eines Tages wurde er in die Geschäftsstelle gerufen. Er müsse etwas für den DFB unterschreiben, hieß es. Er tat es – und signierte einen Fünf-Jahres-Kontrakt, in dem ein Monatssalär von 500 Mark festgeschrieben wurde. Irgendwann dämmerte ihm, dass er übers Ohr gezogen worden war.
„Das große Rheinstadion, die Kö – das schien genau das Richtige für mich zu sein“
„Dann kam ein Anruf vom Wuppertaler SV, der damals in der Oberliga Nordrhein spielte“, sagt er. Die Wuppertaler boten ihm deutlich mehr und eine Ausbildungsstelle. Das klang gut. Also wechselte er – und seine Karriere nahm Fahrt auf. In zwei Jahren schoss von Diericke 23 Tore, in der Saison 1982/83 wurde er Torschützenkönig – und fühlte sich wie der König von Wuppertal. Die Presse verpasste ihm den Spitznamen „Baron“ – wegen des „von“ im Namen. Von Diericke posierte vor Luxuskarossen, gern auch stilecht mit Monokel und Zylinder.
Mehrere Erstligisten wurden auf ihn aufmerksam. Reiner Calmund wollte ihn zu Bayer Leverkusen holen – doch er entschied sich für Fortuna Düsseldorf und unterschrieb einen Profivertrag für zwei Jahre. „Das große Rheinstadion, die Kö – das schien genau das Richtige für mich zu sein“, so von Diericke. Die Düsseldorfer hatten eine gute Mannschaft: Wolfgang Kleff, Gerd Zewe, Rudi Bommer. Nach 13 Spieltagen lagen die Fortunen hinter dem Hamburger SV auf dem zweiten Tabellenplatz.
Am Ball: Von Diericke bei seiner Station in Düsseldorf, hier in der Saison 1983/1984 im Spiel beim VfL BochumDas Problem war aber: Von Diericke kam nur auf wenig Einsätze. Also ging er zu Trainer Willibert Kremer und fragte nach. Der sagte ihm, er müsse den teuren Torjäger Atli Edvaldsson spielen lassen – selbst wenn von Dierickes Trainingsleistungen deutlich besser waren. „Ich hab gesagt: Und das soll erste Liga sein? Okay – dann muss ich hier weg“, erinnert er sich – und beging einen entscheidenden Fehler: Er ging zurück zum WSV.
Was nicht bedacht wurde: Wenn ein Spieler damals im beiderseitigen Einvernehmen zurück in den Amateurbereich wechselte, drohte eine Sperre von sechs Monaten. Von Diericke konnte die komplette Hinrunde nicht spielen. Das nagte an ihm. Er schob Frust, trieb sich in Diskotheken und Kneipen herum. Was noch schlimmer war: Der Verein bezahlte ihn nicht wie vereinbart. Er hatte ausgehandelt, dass er 15.000 Mark zu Saisonbeginn bekommt, dann weitere 15.000 zum 1. Januar 1985 und schließlich noch 10.000 zum Saisonende. Einen schriftlichen Vertrag gab es nicht – in der Oberliga, damals aus gutem Grund „Netto-Liga“ genannt, wurde fast alles per Handschlag gemacht.
Irgendwann war die erste Rate weg. Er versuchte, sich über Wasser zu halten. Mal lieh er sich von neuen „Freunden“ aus dem Rotlichtmilieu etwas oder ließ sich auf halbseidene Deals ein. Ein früherer Mitspieler verkaufte Luxusautos in die USA – und brauchte für die Exportverträge Strohmänner.
Abends, nach einigen Bierchen, wurde dann der verwegene Plan gefasst
Anfang Januar, als seine Sperre endlich abgelaufen war, rief von Diericke beim WSV an. „Wann kommt denn mein Geld?“, fragte er. Immer wieder wurde er vertröstet. Kurz vor Karneval habe sich der Verein dann gemeldet: „Herr von Diericke, ihr Geld ist da.“ Als er in die Geschäftsstelle kam, gab ihm die Sekretärin 50 Mark in die Hand und sagte: „Schöne Grüße vom Präsidenten: Damit Sie sich mal richtig satt essen können und für Sonntag fit sind.“ In diesem Augenblick sprang beim Baron die Ampel auf Rot.
„Ich bin komplett ausgerastet“, erinnert er sich. Abends, nach einigen Bierchen, sei dann der Plan gefasst worden. Sein Kumpel Olaf, der ebenfalls pleite war, sagte: „Lass uns doch das Geld einfach holen.“ Von Diericke entgegnete: „Genau, die müssen jetzt bluten!“
Dass dies keine gute Idee war, dämmerte von Diericke schon am Tag des Überfalls – als er wenige Stunden später mit schlotternden Knien zum Training fahren musste. „Ihr wisst alle, was passiert ist. Demnächst wird die Kripo auf euch zukommen“, hieß es dort. Drei Wochen später kamen zwei Ermittler und verhörten die Spieler einzeln. „Alle waren gerade mal ein paar Minuten drin. Ich war als Letzter dran und wurde eine halbe Stunde befragt“, so von Diericke.
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Ende April zog sich die Schlinge zu. Von Diericke erhielt immer wieder Besuch von der Polizei, er wurde observiert. Mittlerweile war auch Olaf W. ins Visier geraten. Dann plauderte dessen Lebensgefährtin alles aus.
Als von Diericke gerade ein Spiel mit der Bundeswehr-Nationalmannschaft in Osnabrück absolviert hatte, wurde er verhaftet. „Wir saßen beim Bankett, der Bürgermeister sprach. Da ging die Tür auf und ich sah die beiden Kripo-Beamten aus Wuppertal. Ich wurde kreidebleich und stand auf. Olaf Thon, der neben mir saß, sagte noch: ,Was ist denn mit dir los?‘“, so von Diericke. Im Polizeipräsidium brach er emotional zusammen, bat die Beamten, seine Mutter anrufen zu dürfen.
Ein halbes Jahr später wurde ihm der Prozess gemacht: sechs Jahre Freiheitsstrafe wegen schweren Raubes. „Ich saß ein Jahr nur auf der Zelle, habe 30 Kilo zugenommen.“ Wenn in der Sportschau Bundesliga-Fußball gezeigt wurde, dachte er: „Da könntest du jetzt auch spielen.“ Dass sich ihm eine solche Chance noch einmal eröffnen könnte, daran glaubte er nicht.
Es sollte anders kommen. Er spielte in der Gefangenenmannschaft – und als er in einem Spiel gegen eine Mannschaft „von draußen“, Grün-Weiß Blombach, drei Tore erzielte, erweckte er die Aufmerksamkeit von deren Trainer Rüdiger Kaul. Nachdem von Diericke Anfang 1987 in den offenen Vollzug gekommen war, setzte sich Kaul, mittlerweile Co-Trainer beim Oberligisten VfB Remscheid, dafür ein, dass von Diericke dort als Freigänger spielen durfte.
1988 wechselte von Diericke zum Zweitligisten Union Solingen. Um ein Haar wäre er sogar noch zu Schalke 04 gegangen – doch ausgerechnet im Heimspiel gegen die Königsblauen war er verhindert. Er hatte sich wegen einer Tätlichkeit eine Sperre eingehandelt.
Aber auch ohne die ganz große Fußballbühne: von Diericke fasste wieder Fuß im Leben. Nach seiner Karriere arbeitete er als Versicherungsunternehmer. Die Erinnerungen an seine kriminelle Vergangenheit verblassten allmählich, die Straftaten waren irgendwann verjährt. Dafür drohte nun eine neue Gefahr: das Internet. Versicherungen, mit denen er erfolgreich gearbeitet hatte, entdeckten plötzlich seinen Wikipedia-Eintrag und gingen auf Abstand. Irgendwann geriet er finanziell erneut in Schieflage.
„Ich hätte nie gedacht, dass aus den Fehlern, die ich in jungen Jahren begangen habe, ein lebenslanges Problem wird“, sagt er heute, wenn er in seiner Wohnung in Kleve über sein Leben spricht. Natürlich gebe es Momente, in denen er hadert – mit der „Doppelmoral der Menschen, die zwar sagen, dass jeder eine zweite Chance verdient hat, die aber dann doch nicht bereit sind, sie dir zu geben.“ Doch er verzweifelt nicht. „Ich habe immer gekämpft und werde es auch weiter tun“, sagt der Baron. Dann lächelt er verschmitzt: Vielleicht könne er ja ein Buch schreiben. „Oder das Dschungelcamp ruft an: Ich würde es machen.“
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