Das größte Sportfest der Welt steckt an diesem Abend in Aktenordnern und Faltmappen. Heike Sudmann, Abgeordnete der Linken in der Bürgerschaft und so etwas wie der parlamentarische Arm der Hamburger „NOlympia“-Bewegung, bringt ihre Statistiken und Gegenargumente in einem größeren Konvolut mit auf das Podium, Hamburgs Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) hat sich mit etwas weniger Papier gewappnet.
Steffen Rülke, Hamburgs Olympia-Beauftragter, und Eckart Maudrich, Sprecher der Initiative NOlympia, vertrauen lieber darauf, ohnehin alles im Kopf zu haben – so oft haben sie, je nach innerer Überzeugung, ihre Pro- und Kontraargumente schon vorgetragen. Aber jetzt treffen sie auf Einladung des Bundes der Steuerzahler erstmals direkt aufeinander, gut 100 Menschen verfolgen die Debatte im großen Saal der Handwerkskammer. Die angestrebte Olympiabewerbung kommt damit heraus aus der Phase der Präsentation von Animationen und Zahlenkolonnen hin zum Realitätstest: Vertrauen die Bürger darauf, dass aus schönen Bildern auch eine schöne Zukunft wird?
In der vergangenen Woche ist nicht nur hier der Olympiazug in Fahrt gekommen. Am 31. Mai soll er mit Abschluss des Referendums über eine Hamburger Olympiabewerbung unter Jubel in den Bahnhof einfahren, jedenfalls wünschen sich das der Senat, viele Sportvereine und andere Befürworter aus Wirtschaft und Verbänden und auch aus der Bevölkerung. Andere wollen ihn möglichst schon vorher auf ein Abstellgleis umleiten, zu den Skeptikern gehören vor allem linke Gruppierungen, aber auch viele, die Hamburg die Austragung Olympischer Spiele nach der Erfahrung mit jüngeren Bauprojekten schlicht nicht zutrauen oder die andere Zumutungen wie Kostenexplosionen befürchten. „Ich habe Angst vor Olympia“, sagt zum Beispiel eine ältere Dame in der Handwerkskammer in einer offenen Fragerunde.
Viele der Sportstätten liegen dicht zusammenDabei hatten Dressel und Rülke und einige andere Fürsprecher der Olympia-Idee, die sich mit Kurzstatements einbrachten, doch zuvor 90 Minuten lang versucht, den Emotionen mit Berechnungen, Planungen und Zusagen zu begegnen. Der Finanzsenator beteuerte, dass „alles gut gerechnet“ sei, dass der Bund viel helfen werde, dass sich beim IOC viel geändert habe, dass die Chancen für Hamburgs Sportstätten, für den Straßenbau, für die U- und S-Bahnlinien so groß seien durch diesen möglichen Investitionsschub wie vielleicht niemals sonst wieder, gerade angesichts ansonsten immer knapper werdenden Budgets. Das gelte auch für die Barrierefreiheit, die mit den Paralympics einen Schub bekäme. Kommt das Geld nicht nach Hamburg, würde es nach München gehen. „Wollen Sie das?“
Die finale Abstimmung in der Handwerkskammer – die Skeptiker sind auch hier leicht vornOlympiagegner Maudrich könnte wohl damit leben. Er warnt schlicht davor, sich zu verzetteln, dem IOC Glauben zu schenken, außerdem seien die Sicherheitskosten nicht eingerechnet. Sudmann wünscht sich eine Stadtbahn und bezahlbaren Wohnraum, Klassiker aus dem Werkzeugkasten der Linken. Sie sagt, sie sei selbst begeisterte Basketballerin in einer „unteren Liga“, die Hallen müssten besser werden.
Am Anfang und Ende der durchgehend ruhigen und sachlichen Diskussion – das ist tatsächlich doch noch möglich – über Kosten, Stadtplanung und wirtschaftliche Chancen wird abgestimmt. Rote und grüne Karten werden in die Höhe gehalten, am Ende liegen die Gegner nicht überwältigend, aber doch sichtbar vorn. Einige andere zeigen noch ein blaues Blatt hoch als Zeichen dafür, dass sie noch unentschlossen sind. Über den Sport selbst wird an diesem Abend wenig gesprochen, es ist mehr ein Abstecken von Sichtweisen auf gesellschaftlichen Fortschritt und die Bereitschaft, von der urdeutschen Vollkaskomentalität abzulassen, um den nächsten Schritt gehen zu können. „Die Städte, die die Olympischen Spiele ausgetragen haben, wollen das aus gutem Grund doch immer wieder tun“, sagt Dressel noch.
Eine Umfrage stützt die Olympiagegner
Wohl nur um die Unentschlossenen kann der Senat mit Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) gemeinsam mit allen anderen Befürwortern in den kommenden zwei Monaten gewinnbringend kämpfen. Die Briefwahl startet Ende April, die meisten der Stimmen werden auf diesem Wege eingehen. Am Ende wird entscheidend sein, wer besser mobilisieren kann. Bei den jüngsten Volksentscheiden war das das große Problem der bürgerlichen Mitte, die zum Beispiel überwiegend gegen ein zeitliches Vorziehen von Klimazielen war, aber die eigenen Reihen nicht so wie das linke Lager zum Kreuz an der richtigen Stelle bewegen konnte. Gut 262.000 Ja-Stimmen benötigen die Olympia-Befürworter zur Erfüllung des Quorums, und natürlich muss es dann auch mehr Ja- als Nein-Stimmen geben.
Dass das kein Selbstgänger ist, zeigt eine repräsentative Umfrage, die der NDR Mitte der vergangenen Woche veröffentlichte. Rückenwind für Olympiafreunde sieht anders aus: Infratest dimap ließ die Hamburger nicht nach Bauchgefühl, sondern nach einem Urteil fragen – „eher gut“ oder „eher schlecht“ – und die Pläne fielen erst einmal mehrheitlich durch. 50 Prozent bewerten die Bewerbung „eher schlecht“, nur 41 Prozent „eher gut“. Neun Prozent hatten keine Meinung oder sind noch unentschlossen.
Man kann diese Zahlen auf zwei Arten lesen. Die erste ist die politische: Der Senat hat ein Problem, weil er seine Erzählung – Olympia als Modernisierungspaket, als Katalysator, als „Chance für alle“ – noch nicht in eine Mehrheit übersetzt bekommt. Die zweite ist die hanseatische: Viele Hamburger sind nicht prinzipiell gegen Großes, aber haben Sorge, geblendet zu werden. Wer einmal erlebt hat, wie aus „zeitnah fertig“ ein Jahrzehnt wird, hört bei Milliardenprojekten anders zu. Und deshalb ist der wichtigste Einwand in der Umfrage kein moralischer, sondern ein kaufmännischer: 79 Prozent der Skeptiker nennen als Hauptargument die hohen Kosten.
Dahinter folgen Bedenken, die klingen wie der Soundtrack der vergangenen Jahre: 46 Prozent fürchten unnötige Bau- und Infrastrukturprojekte, 41 Prozent rechnen mit Übertourismus und Verkehrschaos. Es sind nicht die olympischen Ringe, die Angst machen, sondern die Realität dahinter: Bagger, Umleitungen, Zuständigkeiten, Nachträge. Selbst die klassischen Hamburger Empfindlichkeiten werden sauber abgebildet: Ein gutes Drittel (34 Prozent) befürchtet Druck auf dem Wohnungsmarkt, ein Viertel (24 Prozent) sorgt sich um Sicherheitsprobleme.
Bemerkenswert ist, wie klar die Umfrage die künftige Kampflinie zeichnet – nicht nur zwischen Parteien, sondern zwischen Generationen und Geschlechtern. Bei den Jüngeren (16 bis 34) ist die Stimmung vergleichsweise offen, in den älteren Gruppen dominiert Skepsis, bei den über 65-Jährigen fällt das Urteil besonders kritisch aus. Auch zwischen Frauen und Männern verläuft eine leichte Trennlinie: Frauen bewerten die Bewerbung skeptischer.
Bürgermeister Tschentscher steigt in den Ring
Am Tag der Veröffentlichung der NDR-Zahlen steigt SPD-Bürgermeister Peter Tschentscher selbst in den Ring. In allen sieben Bezirken will er in den kommenden Wochen präsent sein; ein großes und bürgernahes Engagement, das im Fall des Misserfolgs beim Referendum eine Niederlage auch zu seiner persönlichen Pleite macht. Der 60-Jährige geht das Risiko ein und hinein in einen dampfenden Saal des Sasel-Hauses im Bezirk Wandsbek. Viel mehr Menschen als erwartet sind gekommen, vor dem Eingang warten noch nicht wenige auf Einlass, irgendwie finden alle schließlich einen Platz. Darunter wie schon in der Handwerkskammer viele ältere Frauen und Männer, die über ein Projekt abstimmen sollen, das frühestens im Jahr 2036 – was in der IOC-Arithmetik eher unwahrscheinlich ist – und spätestens 2044 stattfinden wird. Die Ideallösung wäre 2040, aber auch dann dürften sich nicht wenige im Saal glücklich schätzen, wenn sie es noch selbst erleben.
Im Sasel-Haus wirbt Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) für die Olympia-KandidaturTschentscher nimmt die noch warme Umfrage umgehend auf und erklärt die Kostenrechnung an einem Schaubild. Schon die Spiele in Paris seien viel günstiger geworden als die in Rio de Janeiro, weil das IOC andere Rahmenbedingungen einfordere. „Die wollen gar nicht mehr, dass man eine Stadt umkrempelt. Die Spiele würden sich Hamburg anpassen, nicht umgekehrt“, sagt Tschentscher, der seine Sätze in hohem Tempo aneinanderreiht und nicht selten eine Oktave höher spricht als sonst, als wäre er an diesem Abend der Schlangenbeschwörer von Sasel.
Viele Hamburger würden doch sagen, dass sie in der schönsten Stadt der Welt leben, „dann lasst uns das doch auch einmal zeigen“. Er hat einen Film und Animationen dabei, lästert ein wenig über die Mitbewerber Berlin, Rhein/Ruhr und vor allem München, denn nach Bayern würde das ganze Geld für viele wichtige Infrastrukturvorhaben fließen, wenn Hamburg jetzt nicht dagegenhält. „Die beste Garantie dafür, dass unsere Projekte nicht unter den Tisch fallen, ist Olympia“, sagt er. Immer wieder erntet der gut aufgelegte Tschentscher auch Lacher, er fühlt sich wohl mit seinen Plänen, die würden „funktionieren“.
An diesem Abend in Sasel wäre die Zustimmung wohl groß – und eines scheint die negative Umfrage tatsächlich bewegt zu haben: Die Befürworter haben gemerkt, dass sie präsenter werden müssen. Politisch unverdächtige Organisationen wie der Bund Deutscher Architekten kamen schnell aus der Deckung und befürworteten öffentlich die Bewerbung der Stadt für Olympische Spiele – „aus Verantwortung für eine qualitätsvolle Stadtentwicklung“. Und gegen NOlympia formiert sich nun das Bündnis OLYMPJA, das die Chancen für die Jugend in den Vordergrund rücken will, auch mit einer Kundgebung vor dem Rathaus Ende April – es dürfte noch sehr spannend werden, wo der Hamburger Olympia-Zug letztlich einläuft.
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