Im Rückspiegel wirken manche Erlebnisse noch absurder als damals. Sommer 2011, das Hotel Du Lac in Riva del Garda am Gardasee. Der FC Bayern bezieht sein Trainingslager, im Klub herrscht enorme Aufregung.

Es ist die erste Dienstreise für Manuel Neuer als Torwart des deutschen Fußball-Rekordmeisters, er ist gerade vom FC Schalke 04 nach München gewechselt. Und Neuer schlägt die Abneigung der Bayern-Fanszene entgegen. „Koan Neuer“ ist das Motto bei einigen Fans in diesen Wochen. Ihnen ist Neuers Nähe zur Schalker Ultra-Szene zu groß, sie stören sich an seiner Vergangenheit in der Schalker Kurve und haben kürzlich Plakate im Stadion mit ihrem Motto hochgehalten.

Die Neuer-Verpflichtung ist ein Politikum geworden, auch Vereinspräsident Uli Hoeneß wird kritisiert. Wie Neuer bin auch ich neu und gerade FC-Bayern-Reporter für WELT geworden – und wundere mich über die Ausmaße, welche die Personalie annimmt. Kurz vor dem Trainingslager haben die Bayern sogar einen Friedensgipfel einberufen, mit Kapitän Philipp Lahm und den Klubbossen sowie einigen Fangruppen, moderiert von einem Anti-Terrorexperten. Wolfgang Salewski war früher Polizeipsychologe und verhandelte bei Geiselnahmen, unter anderem 1977 bei der Entführung der Lufthansa-Maschine nach Mogadischu. Manuel Neuer ist 25 Jahre.

April 2011 in München: Fans des FC Bayern zeigen klar ihre Meinung zum Fall Manuel Neuer

Ist das alles nicht total überzogen? Wie wird Neuer damit fertig? Kann er das Spiel der Bayern prägen? Diese Fragen stelle ich mir damals.

An diesem Freitag wird Manuel Neuer 40 Jahre. Er ist bereits jetzt einer der am längsten aktiven und erfolgreichsten Spieler der Bundesliga-Geschichte. Nach dem Sommer 2011 ist Neuer fünfmal Welttorhüter geworden, hat mit den Bayern zwölfmal die Meisterschaft und zweimal das Triple gewonnen, wurde mit Deutschland Weltmeister. Längst ist er ein Liebling der (allermeisten) Fans. Der Gardasee-Sommer wirkt auf mich inzwischen wie ein schlechter Film.

Die Meilensteine in Manuel Neuers Karriere

Als Reporter Neuers Entwicklung zu verfolgen, ist bis heute spannend. Richtig kennen tun einen natürlich nur die Menschen aus dem engsten Umfeld. Über die Jahre konnte ich aber einige Gründe für die vielen Meilensteine in Neuers Laufbahn erkennen und erleben.

Wenige Wochen vor seinem Wechsel zu den Bayern habe ich am Fernseher verfolgt, wie Neuer im Halbfinale der Champions League gegen Manchester United eine Weltklasse-Leistung zeigte. Schalke verlor zwar 0:2, doch Manchesters Trainerlegende Alex Ferguson sagte nach dem Abpfiff: „Neuer war unglaublich. Das war wohl die beste Leistung, die ich von einem Torhüter in einem Spiel gegen uns gesehen habe.“

Wenig später erleben wir Münchner Fußball-Reporter Neuer sehr oft in Trainings, Spielen und auf Pressekonferenzen. Sofort spüren wir, dass Neuer diesen besonderen Weltklub FC Bayern so schnell wie möglich verstehen lernen will. Auf einem Bankett in Zürich unterhält er sich lange mit dem einstigen Torwart Raimond Aumann. Neuer identifiziert sich nach kurzer Zeit bereits enorm mit dem FC Bayern.

Als die Bayern das „Finale dahoam“ 2012 dramatisch gegen den FC Chelsea verlieren, wird die geplante Party im Münchner Postpalast zum Trauerspiel. Wir Journalisten sitzen einige Tische neben den Spielern, der Schmerz ist ihnen anzusehen. Für Neuer ist es eine brutale Nacht.

Manuel Neuer feiert 2013 in London mit seinem Team den Triumph in der Champions League

Er entwickelt sich schnell zum Führungsspieler. Neuer stellt sich den Medien nach nahezu jedem Spiel. Nur ein Jahr nach dem „Finale dahoam“ sehe ich ihn im Festsaal des „Grosvenor House“ in London, wie er mit Bastian Schweinsteiger und den anderen Bayern-Profis den Finalsieg in der Champions League gegen Borussia Dortmund feiert. Er trägt ein T-Shirt mit dem Aufdruck: „Football is coming hoam.“

Es müssen deutlich über 300 Spiele mit Manuel Neuer im Tor sein, die ich von der Tribüne aus verfolgt habe. Immer mal wieder denke ich an diesen denkwürdigen Abend im Juni 2014 in Porto Alegre. Im WM-Achtelfinale gewinnt Deutschland gegen Algerien 2:1. Neuer klärt immer wieder als letzter Mann, ist eine Art Spielmacher. Es ist der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung des modernen Torwarts, die er seit Jahren eingeschlagen hatte. „Ich habe selten einen besseren Libero gesehen. Vielleicht mal Franz Beckenbauer“, sagt Neuers Torwarttrainer Andreas Köpke. Die Partie stellt eine Revolution im Torwartspiel dar.

Im Umgang mit Fans erlebe ich Neuer stets als höflich und geduldig. Einmal frage ich ihn, wie er damit umgeht, so oft nach Selfies gefragt zu werden. Neuer erzählt mir, dass er den Wunsch der Fans durchaus versteht. Auch er sei damals als Fan zum Training des FC Schalke 04 gefahren. Allerdings vor allem, um Torwart Jens Lehmann zu beobachten. Und von ihm zu lernen.

Die Anekdote sagt viel über Neuer aus. Er hat immer mehr gemacht als andere, um sich zu entwickeln. Er hat immer überlegt, was er von Größen aus dem Sport lernen kann. Mindestens so sehr wie seine Paraden ist mir immer sein Mindset aufgefallen – diese enorme Fokussierung, diese mentale Stärke, gerade in sportlich schwierigeren Phasen. Sein klarer, aufgeräumter Blick auf die Lage der Dinge und sein Interesse an Themen außerhalb des Bundesligakosmos, zum Beispiel Reisen und andere Kulturen.

Vor einigen Jahren sitze ich mit ihm in Herzogenaurach im Quartier der Nationalelf, wir sprechen auch über Ernährung. Neuer überrascht mich, als er berichtet, dass er auf Schweinefleisch verzichtet. Und kein Thunfisch und Lachs mehr isst, wegen der Schwermetalle. Der Grund: Nach seinem Fußbruch Ende 2022, den er sich auf einer Skitour zuzog, hat er medizinische Tests an sich durchführen lassen und seine Regeneration optimiert.

Spricht er über Fußball, erkenne ich immer wieder, wie viel er in einem Spiel sieht, wie sehr er den Fußball durchdrungen hat. Taktische Details, die Flugbahn des Balles, das Torhüterverhalten – nach Neuers Analysen weiß ich stets mehr über Fußball.

Fahrradfahren ist für Manuel Neuer wie Therapie

Neuer weiß, dass er ein Gesicht des Klubs ist und Medienarbeit wichtig ist. Gleichzeitig wahrt er zu den Reportern eine professionelle Distanz. Gern spricht er über seine sportlichen Leidenschaften neben dem Fußball – das Radfahren und die Zeit in der Natur. Er schwärmt von seiner Begegnung mit Murmeltieren auf einer Alpenüberquerung. Und sagt mir, dass Radfahren für ihn wie Therapie sei.

In einem unserer Interviews erinnert sich Neuer, wie er als junger Spieler bei den Schalker Routiniers Gerald Asamoah und Marcelo Bordon beobachtete, wie viel sie für ihre Regeneration taten. Heute nutzt er diese Erfahrungen für sich. Er erzählt mir auch, dass er im Spiel mit sich selbst spricht. „Das hört sich vielleicht komisch an, aber das ist wichtig“, sagt Neuer. So bleibe er fokussiert.

Vor einigen Jahren wundern sich einige auf der Tribüne, warum Neuer ein Pflaster im Gesicht trägt. Später wird bekannt, dass Neuer Hautkrebs hatte und operiert wurde.

Manuel Neuer liebt das Radfahren, hier auf einem Mountainbike während einer DFB-Reise

Trotz mehrerer Verletzungen und der damaligen Krankheit ist er für viele Fans und Experten auch mit 40 Jahren einer der besten Torhüter der Welt. Der FC Bayern will zeitnah mit Neuer entscheiden, ob die Zusammenarbeit weitergeht. Sein Vertrag endet am 30. Juni. Als ich ihn vor zwei Jahren frage, ob das Ausland generell eine Option sei, antwortete er, dass Katar oder Saudi-Arabien keine Option sind.

Neuer hat die wichtigen Entscheidungen seiner bisherigen Karriere mit seinen engsten Vertrauten immer gut durchdacht und besprochen. So wird es auch diesmal sein. Als Reporter wünsche ich mir, dass Neuer noch mindestens ein Jahr weiter für den FC Bayern spielt. Zugegeben auch Eigennutz, weil er mit seinen Leistungen immer wieder gute Geschichten liefert und es reizvoll ist, über einen Weltstar zu berichten. Aber auch, weil ich glaube, dass er für FC Bayern weiterhin enorm wichtig sein kann.

Julien Wolff ist Redakteur im Sportkompetenzcenter. Er berichtet für WELT seit vielen Jahren über den FC Bayern und die Nationalmannschaft und wird das DFB-Team auch bei der WM im Sommer in den USA, Kanada und Mexiko als Reporter begleiten. Er hat immer wieder Interviews mit Manuel Neuer geführt.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke