Die Anweisungen kommen laut und hallen über den ganzen Platz. „Take some risk!“, ruft Bram Geers, belgischer Athletiktrainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Zu Beginn des Trainings auf dem Adidas-Gelände in Herzogenaurach an diesem Dienstagvormittag läuft bei dieser Passübung alles auf Englisch, Joshua Kimmich spielt die Bälle sauber auf Lennart Karl und Jonathan Tah.
Seit Montag bereitet sich die Auswahl von Bundestrainer Julian Nagelsmann in Franken auf das Testspiel am Freitag gegen die Schweiz in Basel (20.45 Uhr, RTL) vor. Es ist der letzte Lehrgang vor dem WM-Trainingslager Ende Mai. Die entscheidende Phase der Vorbereitung auf das Weltturnier im Sommer hat begonnen.
Kimmich führt die Mannschaft erstmals als Kapitän zu einer WM. Der 31-Jährige hielt nach der Übungseinheit am Dienstagmittag eine Pressekonferenz ab. Und hatte zu Beginn dieser für die Mannschaft des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) so wichtigen Woche mehrere Botschaften mitgebracht.
Kimmich stellt den Mannschaftsgeist in den Mittelpunkt. Und fordert von seinen Kollegen, alles dafür zu tun, dass dieser bis zum Turnier in den USA, Kanada und Mexiko so ausgeprägt wie möglich ist. Hingabe und Leidenschaft – für Kimmich zentrale Elemente. „Es geht darum, das beste Team der Welt zu haben. Nicht den besten Kader der Welt“, sagte Kimmich auf eine Frage zur Äußerung Nagelsmanns, Deutschland habe einen sehr guten, aber nicht den besten Kader der Welt. Der Kapitän blickte sehr entschlossen, als er hinzufügte: „Jeder muss sich bewusst sein, dass er alles für das Team in Waagschale werfen muss. Ich erwarte, dass sich jeder dem großen Ganzen mit hundert Prozent hingibt.“
Am Ende zählt das, was man auf den Rasen bringe. „Auch der beste Kader der Welt hat keine Garantie, Titel zu gewinnen. Wir alle erinnern uns an 2018, da hatten wir den besten Kader der Welt und wir wissen alle, wohin es uns geführt hat. Wir zählen nicht zu den Topfavoriten, weil wir in den vergangenen Turnieren nicht abgeliefert haben.“
Lennart Karl als Vorbild
Kimmichs zweite Botschaft: Seid mutig und selbstbewusst! „Die Erwartungshaltung ist schon, dass jeder Vollgas gibt“, sagte Kimmich. Die Herangehensweise an jedes Training müsse stimmen. „Ich erwarte von den Jungs, dass keiner hierherkommt und ängstlich ist. Jeder, der hier ist, hat absolut seine Berechtigung.“ Er lobte indirekt Lennart Karl als Beispiel, der 18-jährige Neuling vom FC Bayern habe das richtige Mindset und spiele mutig.
Kimmich sieht das Spiel in der Schweiz und die folgende Partie am kommenden Montag in Stuttgart gegen Ghana (20.45 Uhr, ARD) als enorme Chancen – für die Entwicklung der Mannschaft. Man wolle noch mehr zusammenwachsen. „Man erwartet, dass sich jeder dem großen Ganzen widmet und wir uns entwickeln. Und bereit sind, wenn es wirklich drum geht“, betonte Kimmich. Es gehe nicht ausschließlich um die Ergebnisse in den beiden Partien.
Der bislang letzte Triumph einer deutschen Nationalmannschaft liegt zwölf Jahre zurück, bei den beiden vergangenen Weltmeisterschaften 2018 in Russland und 2022 in Katar schied die Auswahl jeweils in der Vorrunde aus – der Druck auf die „Generation Kimmich“ steigt. Bei einer WM hat Kimmich noch nie eine K.o.-Phase erreicht. Seine bittere Bilanz: Sechs WM-Spiele, drei Niederlagen, ein Unentschieden und zwei Siege.
„Mit dem Misserfolg in Verbindung gebracht“
Nach dem Ausscheiden bei der WM in Katar sagte Kimmich: „Das ist heute der schwierigste Tag meiner Karriere.“ Er sei 2016 dazugekommen, „davor war Deutschland immer im Halbfinale“, so Kimmich im Anschluss an das letzte Vorrundenspiel gegen Costa Rica. „Dann kommt man dazu und scheitert zweimal in der Vorrunde und letztes Jahr im Achtelfinale (EM 2021, d. Red.). Das ist für mich schon nicht einfach zu verkraften, weil ich persönlich mit dem Misserfolg in Verbindung gebracht werde.“
WELT fragte Kimmich auf der Pressekonferenz, wie viel Verantwortung er in Anbetracht seiner persönlichen WM-Bilanz jetzt spürt, dafür zu sorgen, dass es aus deutscher Sicht eine erfolgreiche WM wird. „Die Bilanz ist nicht gut. Das ändert nichts an der Herangehensweise“, antwortete Kimmich. Seine Mannschaft zähle nicht zu den Favoriten. „Aber sobald das erste Spiel losgeht interessiert nicht, was vor vier Jahren war.“
Joshua Kimmich Dienstagvormittag im Training der Nationalmannschaft in HerzogenaurachDas war eine weitere Botschaft Kimmichs an diesem Tag – nicht zu weit denken und nicht zu sehr zurückblicken, lieber Schritt für Schritt: „Es bringt nichts, jetzt an die K.-o.-Runde zu denken. Das ist zu weit weg. Wir möchten als Team ein sehr gutes Turnier spielen. Losgelöst davon, wie die vergangenen Turniere waren.“
Die Mannschaft müsse sich „auf das konzentrieren, was unmittelbar bevorsteht. Wir können uns jetzt noch nicht auf die WM konzentrieren – dafür wird der Kader dann vielleicht schon wieder ein bisschen anders aussehen.“
Kimmich dürfte rechts hinten bleiben
Kimmich trat gewohnt selbstbewusst auf. Und strahlte gleichzeitig Demut aus. Dass viele Spieler der Nationalelf aus den Klubs FC Bayern, Borussia Dortmund und VfB Stuttgart kommen und somit eingespielte Blöcke bilden, helfe und erleichtere vieles. Nun gelte es, eine gewisse Achse einzuspielen. „Füreinander da zu sein, muss die Basis für jedes Spiel sein“, betonte Kimmich, der aller Voraussicht nach unter Nagelsmann weiterhin Rechtsverteidiger spielen wird.
Den geforderten Teamgeist lebte er auf dieser Pressekonferenz vor. Zum Beispiel, indem er den zuletzt mal wieder heftig kritisierten Verteidiger Antonio Rüdiger in Schutz nahm und dessen Verdienste hervorhob. „Toni ist ein sehr wichtiger Spieler. Ich habe das Gefühl, dass wir in Deutschland vergessen, was Toni in den vergangenen drei, vier Jahre abgeliefert hat“, sagte Kimmich.
Ein Spieler, der mit Real Madrid mehrfach weit in der Champions League kam: „Davon haben wir nicht viele im Kader. Toni ist immer ein Spieler, auf den man sich verlassen kann. Für die Mannschaft ist es extrem wichtig, solche Spieler zu haben.“
Kürzlich feierte der Film „Ein Sommer in Italien“ über die deutschen Weltmeister von 1990 seine Premiere in einem Münchner Kino. Die Spieler um Lothar Matthäus betonten dort, dass der Teamgeist für den Triumph damals entscheidend gewesen sei.
Kimmichs Appell zu Beginn der entscheidenden Saisonphase vor der WM dürfte ihnen gefallen haben. Und Nagelsmann auch.
Julien Wolff ist Redakteur im Sportkompetenzcenter. Er berichtet für WELT seit vielen Jahren über die Nationalmannschaft und wird das Team auch bei der WM als Reporter begleiten. Seit Montag dieser Woche ist er in Herzogenaurach.
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