Der höchste Berg in El Salvador, der Cerro El Pital, ist 2730 Meter hoch – und dennoch fällt in diesem kleinen zentralamerikanischen Land praktisch keine Flocke Schnee. Auch deswegen nahm noch nie ein Athlet aus dem „Land der Vulkane“ an olympischen oder paralympischen Winterspielen teil. Bis jetzt. Denn in David Chavez (27) und Jonathan Arias (28) starteten in dieser Woche gleich zwei Para-Langläufer aus El Salvador bei dem Großereignis in Norditalien. Damit zählen sie zu den 612 Athleten aus 56 Nationen, die noch bis Sonntag um Medaillen, persönliche Bestleistung und Aufmerksamkeit kämpfen.
Auch wenn bei ihrer Paralympics-Premiere beide Sportler in ihren Sitzski über die Sprintdistanz das Halbfinale klar verpassten, fühlte sich gerade Chavez wie ein Sieger. Zum einen, da er gleich zehn Konkurrenten hinter sich ließ, zum anderen ging für den 27-Jährigen endlich ein Lebenstraum in Erfüllung.
„Ich wollte schon bei den Paralympics 2021 in Tokio in der Leichtathletik antreten, aber da hat es leider nicht geklappt“, erzählt er. „Danach habe ich nie aufgehört, von einer Teilnahme an den Paralympics zu träumen. Jetzt hier El Salvador zu vertreten und der erste Athlet bei Winterspielen zu sein, erfüllt mich mit großem Stolz.“ Nach dem Sprintrennen ging Chavez auch noch über zehn Kilometer an den Start.
„Erste Herausforderung, mich als Mensch mit Behinderung zu akzeptieren“
Sein Weg in den Parasport begann durch ein tragisches Ereignis am 7. Januar 2015: Als Zeuge eines Raubüberfalls überlebte er nur knapp eine Schießerei. Eine Kugel durchtrennte einen Teil seiner Wirbelsäule, was zu einer Teillähmung führte – Chavez ist inkomplett querschnittsgelähmt.
„Die erste Herausforderung danach war, mich selbst als Mensch mit Behinderung wieder zu akzeptieren“, sagt er rückblickend. „Als ich schließlich in ein Rehazentrum in El Salvador musste, kam der Sport in mein Leben. Ich lernte dort einen Trainer kennen, der mich fragte, ob ich Rollstuhlbasketball spielen wolle. Ich sagte sofort zu. Von da an habe ich den Sport nie wieder aufgegeben.“
Sieg für sich selbst: David ChavezBewegung wurde zu seinem Lebenselixier. Neben dem Rollstuhlbasketball trainierte er auch in der Para-Leichtathletik, dem Para-Surfen sowie dem Para-Klettern. Doch nirgendwo hatte er so viel Talent wie auf Schnee – im Para-Langlauf. Und das dank einer höchst ungewöhnlichen Trainingsmethode. Denn bevor Chavez erstmals überhaupt Schnee berührte, übte er mit dem Sitzski an den Stränden El Salvadors.
Das macht er noch heute. Dort, wo andere mit dem Surfbrett aufs Wasser gehen, trainiert er für seinen Wintersport: an der Playa El Cocal in La Libertad. Mit kraftvollem Stockeinsatz bewegt Chavez sich und seinen Ski dann mühsam über den harten Sand. „Am Strand von El Cocal gibt es mal Felsen, mal Sand. Wenn Sand da ist, nutzen wir den immer zum Training“, erzählt er. „Der Sand bleibt dabei an den Skiern kleben und erschwert so die Fortbewegung.“ Chavez stört das nicht, er sieht es positiv und als willkommene Herausforderung. Ein besseres Krafttraining könne es kaum geben. „Und danach können wir uns gleich im Pool entspannen“, sagt er.
Chavez: „Behinderung kennt keine Grenzen“
Sein Coach Rob Powers, der zur Unterstützung von Para-Sportlern die NGO OneTeam El Salvador gründete, bezeichnet das Strandtraining sogar als Wettbewerbsvorteil für seinen Schützling. „Skifahren auf Sand ist zehnmal härter als auf Schnee. So trainiert er intensiv die wichtige Muskulatur“, erklärt der aus den USA stammende Trainer. „Zudem trinken wir viel Kokosnusswasser und salvadorianischen Kaffee. Das ist unser Geheimnis.“
Den ersten Kontakt mit Schnee hatten die beiden Salvadorianer erst vor drei Jahren – um kurz danach gleich an ihrem ersten Wettbewerb teilzunehmen. Chavez und Arias gehören zu den Athleten, die von einer Wettkampfförderung des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) profitierten. Die Unterstützung soll den Zugang zu internationalen Veranstaltungen für Sportler mit Behinderungen verbessern. So reisten beide zum Beispiel im Winter 2025 nach Trondheim/Norwegen, um dort an den nordischen Skiweltmeisterschaften teilzunehmen. Dort sicherten sie sich auch einen Qualifikationsplatz für die Paralympics in Italien und machten ganz El Salvador stolz.
Chavez hofft nun, dass in seiner Heimat auch andere Menschen mit Behinderung seinem Weg folgen, dass er sie mit seiner Geschichte inspirieren und ihnen Mut machen kann. „Durch den Sport verspürt man den Drang voranzukommen“, sagt er. „Man lernt dabei tolle Menschen kennen, die einem positive Gedanken vermitteln. Diese positiven Gedanken dringen in Herz und Verstand ein. Mit meinem Sport will ich Menschen in El Salvador zeigen: Behinderung kennt keine Grenzen.“
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