Michael Trippel dürfte erleichtert sein, dass der 1. FC Köln am Samstag auswärts spielt. Eine Woche nach seinen umstrittenen Äußerungen entgeht der Stadionsprecher damit dem direkten Rampenlicht. Stattdessen rücken seine Kollegen in den Fokus. Fans sowie der DFB werden in den Fußballstadien genau hinhören, was etwa Arnd Zeigler in Bremen oder Norbert Dickel in Dortmund zu sagen haben.

„Pfui. Widerlich.“ Diese Worte sprach Trippel beim Kölner Heimspiel gegen den BVB ins Mikrofon und sorgte damit für einen Eklat. Der 71-Jährige hatte wegen eines Platzverweises gegen Jahmai Simpson-Pusey und später wegen eines nicht geahndeten Handspiels im BVB-Strafraum die Stimmung im Stadion angeheizt.

Trippel entschuldigte sich für seinen emotionalen Ausbruch, der ihm eine Rüge von der Klubspitze einbrachte. Der DFB leitete ein Ermittlungsverfahren ein – allerdings nicht gegen den Stadionsprecher, sondern gegen den für sein Personal verantwortlichen Verein.

Was sagt das Regelwerk?

Grundlage für die Arbeit ist das DFB-Handbuch für Stadionsprecher und Platzansager. Durchsagen müssen demnach neutral sein. Während des Spiels informieren die Sprecher etwa über Tore, Auswechslungen oder Abreisemöglichkeiten.

Auch Sicherheitsdurchsagen, die in kritischen Situationen zur Deeskalation beitragen sollen, gehören zum Jobprofil – etwa die stetigen Mahnungen, keine Pyrotechnik abzubrennen, wenn genau dies gerade geschieht. Als Qualifikation für die Ansager wird unter anderem „diplomatisches Geschick“ aufgeführt.

Die Verbreitung politischer Botschaften ist ebenso untersagt wie die Unterstützung der Heimmannschaft. „Die Herausforderung für den Sprecher liegt darin, die richtige Balance zwischen Unterhaltung und Information zu finden. Veranstaltungsrelevante Durchsagen sind dabei die Pflicht, unterhaltende Inhalte die Kür“, heißt es.

Wie sieht die Realität in den Stadien aus?

Die Vorgabe, die Lautsprecher nicht zur Unterstützung der Heimmannschaft zu nutzen, wird quasi durchgehend missachtet. Legt man die Regel streng aus, sind der gängige Torschrei, das dreimalige Ausrufen des Torschützen oder die Aufforderung an die eigenen Fans, ihr Team anzufeuern, verboten.

„Das ist kein realistischer Teil des Handbuchs. Dass da eine gewisse Ungleichbehandlung zwischen Heim- und Auswärtsmannschaft hörbar ist, hat sich eingebürgert“, sagt Bremens Stadionsprecher Zeigler. Umso wichtiger sei eine verantwortungsvolle Selbstregulierung.

Kritik einiger Fans hatte etwa Herthas Stadionsprecher im DFB-Pokal im Februar auf sich gezogen. Im Elfmeterschießen hatte er Berlins Keeper Tjark Ernst noch angeheizt, als die Freiburger Schützen zum Anlauf bereitstanden.

Welche Verfehlungen gab es in der Vergangenheit?

Im DFB-Pokalspiel 2022 gedachte Waldhof Mannheims damaliger Stadionsprecher beim Vorlesen der Aufstellung zweier gestorbener Personen, eine davon soll stark in der NPD engagiert gewesen sein. Als Folge war der Stadionsprecher zurückgetreten. Von rechtsradikalem Gedankengut hatten sich der Verein und sein Stadionsprecher explizit distanziert.

Im selben Jahr trennte sich Werder Bremen von einem seiner Stadionsprecher, nachdem sich dieser gegenüber dem Schiedsrichter und einem Mitglied der Geschäftsführung des FC Augsburgs im Ton vergriffen haben soll.

Auch im Ausland gerieten Stadionsprecher schon in den Fokus – etwa im Vorjahr beim Conference-League-Spiel zwischen Craiova und Basaksehir. Der Unparteiische zeigte dem rumänischen Stadionsprecher, der gerade am Seitenrand eine Ansage machte, die Rote Karte – Medienberichten zufolge, weil er zuvor den Ball weggekickt hatte.

Was sagen die Stadionsprecher?

Karl König, bekannt als Lotto King Karl, war über ein Jahrzehnt beim HSV und verglich seinen Job einmal mit einer „großen, emotionalen“ Fernsehsendung. Für Zeigler gehört zu den wichtigsten Aufgaben, in kritischen Situationen zur Deeskalation beizutragen: „Wenn die Emotionen hochkochen, musst du dir bewusst sein, dass du für alles, was danach passiert, eine gewisse Mitverantwortung trägst.“

Natürlich sei man als Stadionsprecher kein natürlicher Kommentator. „In jedem Spiel gibt es Momente, in denen du überlegst, wie du die Mannschaft positiv unterstützen kannst. Dieser Einfluss muss jedoch in einem fairen Rahmen bleiben, ohne den Gegner oder den Schiedsrichter herabzusetzen und ohne unnötig Stimmung anzuheizen“, sagte Zeigler weiter.

Herthas Stadionsprecher Fabian von Wachsmann meinte in einem Vereinsinterview: „Wenn ich Menschen emotionalisieren will, muss ich selbst emotional sein.“

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