Die Zweifel waren nicht neu. Schon vor fünf Jahren hatte es Überlegungen gegeben, ob eine weitere Zusammenarbeit zwischen dem BVB und Julian Brandt noch Sinn machen würde. Im Frühjahr 2021 stand der Name des offensiven Mittelfeldspielers auf einer Liste von Spielern, die bei entsprechenden Angeboten gehen können. Da spielte Brandt, der 2019 von Bayer Leverkusen gekommen war, gerade seine zweite Saison in Dortmund. Doch so richtig schien er noch nicht angekommen zu sein.
Brandt blieb trotzdem. Vor allem deshalb, weil es im Sommer 2021 wieder einmal zu einem Trainerwechsel beim BVB gekommen war. Marco Rose übernahm von Edin Terzic – und war von Brandts Qualitäten überzeugt. Dem Spieler wurde aber zu verstehen gegeben, dass er zukünftig bessere und konstantere Leistungen zeigen müsse. „Ich erwarte von ihm eine Leistungssteigerung und dass er sein Potenzial kontinuierlich abruft“, sagte Michael Zorc, der damalige BVB-Sportdirektor.
Dies trat nicht wirklich richtig ein. Die Leistungen des Nationalspielers blieben – auf Sicht gesehen – schwankend. Und die Diskussionen flammten in bestimmten Abständen immer wieder auf: Ist Brandt tatsächlich gut genug für einen Klub mit diesen Ansprüchen? Wäre es nicht besser, sich nach einer Alternative umzusehen? Diese nervenden Fragen begleiteten Brandt durch die sieben Jahre, die er bis zum Ende der laufenden Saison beim BVB gespielt haben wird.
Dann wird Schluss sein. Das war am Samstag im Vorfeld des 2:1 (1:0)-Sieges der Dortmunder in Köln durchgesickert. Anschließend gab es von Sport-Geschäftsführer Lars Ricken die Bestätigung. Brandts auslaufender Vertrag wird nicht verlängert.
Es ist weiß Gott nicht so, dass der BVB Brandt nichts zu verdanken hat
Damit geht eine umstrittene Ära zu Ende. Brandt hatte in Dortmund gute und schwächere Jahre. Er wurde 2021 mit dem BVB Pokalsieger – am Ende einer für ihn persönlich enttäuschenden Saison. Es blieb sein einziger Titel. Er war Teil jener Mannschaft, die im Mai 2023 fast die Meisterschaft gewonnen hätte, bevor diese dann am letzten Spieltag doch noch verspielt wurde. Das war die Hochzeit der Mentalitätsdebatte, die in Bezug auf die Mannschaft in Dortmund immer geführt wurde.
Brandt schaffte es mit den Dortmundern 2024 sogar ins Finale der Champions League, wo es eine 0:2-Niederlage gegen Real Madrid gab. Ohne seine starken Leistungen in den Viertel- und Halbfinals gegen Atlético Madrid und Paris St. Germain wäre das kaum gelungen. Es ist weiß Gott nicht so, dass die Borussen Brandt nichts zu verdanken haben.
Die Statistiken von Brandt sind über jeden Zweifel erhaben. In fast sieben Jahren kommt er auf 298 Pflichtspiele, erzielte 56 Tore und bereitete 69 Treffer vor. Er war kaum verletzt, verfügt über ein hohes Maß an intrinsischer Motivation. Aber er war kein Führungsspieler – niemand, der in schwierigen Situationen voranging. Das entspricht nicht seinem Naturell.
Brandt hat Höhen und Tiefen gehabt – wie zuletzt in der vergangenen Saison, als ihn Niko Kovac mit allerlei rhetorischen Kniffen versucht hatte, wieder starkzureden. Der BVB-Trainer verglich ihn mit Jamal Musiala und Florian Wirtz. Das war stark übertrieben. Denn die beiden haben ihm in der Nationalmannschaft längst den Rang abgelaufen. Dennoch half es dem im Mai 30 Jahre alt werdenden Offensivspieler, um wieder in die Spur zu finden.
Doch die ständigen Zweifel dürften Brandt, der seine eigene Leistung stets selbstkritisch beurteilt hat, frustriert haben. Es muss ihn getroffen haben, als er im vergangenen Frühjahr – bevor sich die Mannschaft mit einem Schlussspurt doch noch für die Champions League qualifizierte – als Sündenbock diffamiert wurde. Das war extrem unfair. Denn bevor Kovac zum BVB kam, hatte es in Dortmund derartig viele Fehlentwicklungen gegeben, dass kaum ein Spieler allein dafür verantwortlich gemacht werden konnte.
Es dürfte auch zu Brandts Entschluss beigetragen haben, dass er immer wieder als Symbolfigur herhalten musste – für all das, was beim BVB in den vergangenen Jahren schiefgelaufen ist. Denn die Entscheidung war keine einseitige. Es war die Einsicht von beiden Seiten, dass es besser ist, sich zu trennen. Einen sauberen Schnitt zu machen.
Für Brandt, der im Mai 30 Jahre alt wird, bedeutet das, noch einmal einen neuen Anfang machen zu können – wo auch immer. Und für den BVB ist es eine Chance: Die Dortmunder haben sich zumindest in dieser Frage endlich mal dazu durchgerungen, einen neuen Weg einzuschlagen. In Bezug auf Emre Can, dessen ebenfalls auslaufender Vertrag verlängert werden soll, haben sie es nicht getan.
Natürlich gehen Ricken und Sportdirektor Sebastian Kehl damit ein Wagnis ein. Ein Spieler, der Brandt ersetzen kann, muss erst einmal gefunden werden. Carney Chukwuemeka, der im vergangenen Sommer auch deshalb fest verpflichtet worden war, weil er in dessen Rolle hineinwachsen soll, ist dies bislang nicht gelungen.
Der BVB geht ins Risiko – doch ohne dieses Wagnis kann es auch keine nachhaltige Weiterentwicklung geben. Es war an der Zeit, diese Entscheidung so zu treffen.
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