Die ersten Sprünge machte Dennis Schröder (32) auf dem Skateboard. Als er sieben Jahre alt war, schenkte ihm sein älterer Bruder Cheyassin ein Brett. Der Braunschweiger Prinzenpark wurde zum neuen Zuhause von Dennis. Jeden Tag übte er dort Tricks auf den vier Rollen, bis es dunkel wurde. Nur ab und zu spielte er auf dem Betonplatz des Parkes mit seinen Freunden Basketball. „Häufig, wenn es regnete“, erzählt er. „Dann haben wir fünf gegen fünf auf einen Korb gespielt, der unter einem Vordach hing.“
Eines Tages sieht Liviu Calin (72), Leiter des Basketball-Leistungszentrums und Trainer der zweiten Mannschaft der SG Braunschweig, Schröder im Prinzenpark Basketball spielen. Der Rest ist Geschichte. Schröder wird zum NBA-Star, Kapitän der Nationalmannschaft, Welt- und Europameister, Fahnenträger bei Olympia. Ein Vorbild für all die Kinder, die einen Ball in die Hand nehmen und anfangen, von der großen Karriere zu träumen.
Dabei lässt Schröder zu Beginn die nötige Disziplin vermissen. Mal kommt er unpünktlich zum Training, mal gar nicht. Er legt sich mit Trainern und Mitspielern an, fliegt aus dem Kader. Liviu Calin sieht das große Talent, die Eleganz und die Schnelligkeit Schröders, verzweifelt aber auch oft an ihm. „Dennis war ein Rebell. Er hatte von Anfang an seinen eigenen Kopf“, sagt der Rumäne. „Woran es ihm nie mangelte, war Selbstbewusstsein. Er hat sich immer die Großen und Älteren ausgesucht, um gegen sie zu spielen und sich zu beweisen.“
Ein Versprechen, das er unbedingt einhalten wollte
2009 stirbt Schröders Vater Axel mit 47 Jahren an einem Herzinfarkt. Das ändert die Einstellung des damals 16-Jährigen zum Sport und zum Leben. „Mein Vater sah mir bei jedem Trainingsspiel zu und redete mir ein, dass ich es in die NBA schaffe“, sagt Schröder. „Erst glaubte ich ihm nicht, doch dann gab ich ihm das Versprechen, dass ich es schaffen werde. Eine Woche später starb er. Danach habe ich meinen ganzen Fokus auf Basketball gelegt. Ich trainierte wie eine Maschine, war bei jedem Training früher da. Ich wollte mein Versprechen halten.“
Schröders gambische Mutter Fatou, die auf einmal allein mit fünf Kindern dasteht, hat in Braunschweig einen Friseursalon. Dort hilft er ab und zu aus, schneidet männlichen Kunden die Haare. Die Familie war schon immer das Wichtigste im Leben von Dennis Schröder.
Zwei Jahre spielt Schröder für Braunschweig in der Bundesliga, dann holen ihn 2013 die Atlanta Hawks als Erstunden-Pick (Platz 17) in die NBA. Seine großen Stärken: die enorme Schnelligkeit und aggressive Verteidigung. Ausbaufähig: sein Wurf aus der Distanz.
Schröder zeigt, was er verdient – und schert sich nicht um sein Image
Die Rookie-Pflichten zu Beginn: Schröder muss die Autos seiner Mitspieler waschen, mit einem pinkfarbenen Mickey-Mouse-Rucksack herumlaufen und eine Puppe zum Spiel mitbringen. Kein Problem für Schröder. Über Nacht wird er zum Millionär. Zunächst verdiente er 1,9 Millionen Dollar pro Jahr, dann 17,5 Millionen Dollar. Das zeigt er nach außen. Er legt sich einen goldfarbig folierten Audi R8 zu, einen Lamborghini Aventador, noch dazu einen Audi Q7 in Tarnfarbe, und posiert in den sozialen Medien vor seinen Nobelkarossen. Dazu trägt er goldene Ketten, goldene Kappen, kleidet sich extravagant. Er gründet seine eigene Modemarke, später bringt er ein Parfüm heraus. Die Sitzpolster seiner Autos versieht er mit „DS17“-Logos (17 ist seine Trikotnummer). „Ich will anders sein als die anderen und falle gern auf“, sagt er damals. In Deutschland legen ihm das viele als Protzerei aus.
Auch als er 2017 in Atlanta vor einer Shisha-Bar in eine Schlägerei verwickelt und von der Polizei festgenommen wird, schadet das seinem Ansehen. Das Verfahren wegen Körperverletzung wird eingestellt, da sich Schröder mit dem Opfer außergerichtlich einigt.
Schröder schert sich nicht um sein Image und überzeugt mit Leistungen. Auch vor den großen Namen in der NBA, wie es seine Art ist, zeigt er keine Ehrfurcht, sondern spielt selbstbewusst auf. Bei den Atlanta Hawks wird er von Jahr zu Jahr stärker, kommt in seiner fünften Saison auf einen Schnitt von 19,4 Punkten pro Spiel. Auch bei den Oklahoma City Thunder überzeugt er zwei Jahre lang, schafft 2019/20 einen Punkteschnitt von 18,9. Danach beginnt eine Rundreise durch die Liga mit neun Klubs in sechs Jahren.
Schröders Wandel zum Leader und Motivator
Die Krone setzt sich Schröder im Trikot der Nationalmannschaft auf. Schon bei der EM 2022 im eigenen Land führt er als Kapitän die Mannschaft zu Bronze. Ein Jahr später gelingt Historisches: Deutschland wird Weltmeister. Das Unfassbare wird Wirklichkeit. Schon im Halbfinale geschieht Unglaubliches: 113:111 gegen das Basketball-Mutterland USA. Dann ein 83:77 im Finale gegen Serbien. Überragender Mann: Dennis Schröder mit 28 Punkten. Wenige Sekunden vor Ende entscheidet er mit einem Drive zum Korb die Partie. Danach wird er zum MVP des Turniers gewählt.
Schon in der Teamsitzung vor der WM, als jeder Spieler sein persönliches Ziel definiert, schreibt Schröder als Einziger „Gold!“ auf einen Zettel. „Die Jungs haben mich mit großen Augen angeschaut“, sagt Schröder. „Aber so bin ich: Ich will immer das Maximum, immer gewinnen.“
Einen Titel mit der Nationalmannschaft zu holen, das hatte selbst der legendäre Dirk Nowitzki (47) nicht geschafft. Der Triumph erfüllt Schröder mit Stolz. „Ich habe immer gesagt, es wird schwierig sein, in Deutschland den Respekt zu bekommen und die Wertschätzung, wenn ich nicht Gold hole“, sagt er im SPORT BILD-Interview. „Vergangenes Jahr haben wir auch schon Geschichte geschrieben mit EM-Bronze, der ersten Medaille seit 17 Jahren. Aber das war für die Öffentlichkeit noch nicht gut genug. Aber jetzt mit dem WM-Titel hat man gesehen, dass Deutschland hinter uns und hinter mir steht. Die Empfänge in Frankfurt und Braunschweig waren überwältigend. Ich hoffe, dass wir viele Kinder und Jugendliche dazu bringen, mit dem Basketball anzufangen. Das ist uns und mir sehr wichtig.“
Schröder, der früher oft Schwierigkeiten im Umgang mit seinen Mitspielern hatte, ist zu einem echten Leader und Motivator geworden. „Unsere Teamchemie ist unglaublich. Die Jungs sind alle meine Brüder“, sagt er. Ganz wichtig ist ihm „commitment“, wie er oft betont. 2022 verpflichteten sich die Nationalspieler, mindestens für die folgenden drei Jahre immer für das Auswahlteam zur Verfügung zu stehen. Wer für ein Jahr absagte, wie der NBA-Profi Maxi Kleber, blieb auch in den Folgejahren außen vor.
Bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris trägt Schröder bei der Eröffnungsfeier auf der Seine die deutsche Fahne. Eine Riesenehre für ihn, der in seiner Kindheit Rassismus erlebte. „Ich bin in Braunschweig mit rassistischen Kommentaren aufgewachsen. Mit Leuten, die mich gefragt haben, warum meine Hautfarbe anders ist. Mit Leuten, die gesagt haben, dass ich dreckig bin“, sagt er. „Als ich dann angefangen habe, Basketball zu spielen und im Sport immer höher und höher gekommen bin, wurde ich mehr und mehr respektiert. Aber meiner Meinung nach ist genau das falsch, dass es mit dem Erfolg im Zusammenhang steht. Ich würde mir wünschen, dass der Rassismus nicht mehr präsent ist und dass wir als Gesellschaft einen besseren Job dabei machen, einfach alle zusammen zu sein und uns nicht zu separieren. Das ist nicht der Sinn des Lebens.“
Überragend im Nationaltrikot – in der NBA hin- und hergeschoben: Wieso?
Zwei Jahre nach dem WM-Titel folgt der nächste Triumph: EM-Gold 2025. Im Finale gegen die Türkei findet Schröder zunächst schwer ins Spiel, doch in der Schlussphase geht er voran. Er macht die letzten sechs Punkte und sichert den 88:83-Sieg. Wieder wird er zum MVP des Turniers gewählt. Dennis Schröder – der Anführer und das Gesicht einer goldenen Generation, die gleichzeitig Welt- und Europameister ist.
Überragend im Nationaltrikot, aber in der NBA hin- und hergeschoben, eine Anzahl von elf Klubs, was nur knapp hinter dem NBA-Rekord von Ish Smith (37) mit 13 Klubs liegt – wie passt das zusammen?
„Da gibt es gar nicht viel zu sagen“, antwortet Schröder. „Wenn ich einen Trainer habe, wenn ich Mitspieler habe, die mir vertrauen und die sich anführen lassen, dann habe ich auch in der NBA gezeigt, was ich bewirken kann. Das war zum Beispiel bei den Brooklyn Nets so. Der Trainer hat mir vertraut. Meine Teammates haben mir zugehört, ich habe erreicht, dass sich jeder verantwortlich fühlt. Das hat Spaß gemacht. Und das ist das, was ich brauche. Wenn ich das bekomme, habe ich schon öfter bewiesen, dass ich auch in der NBA auf demselben guten Level wie in der Fiba spielen kann.“
Zuletzt wurde Schröder Anfang Februar von Sacramento nach Cleveland getradet. „Mein erster Gedanke nach der Trade-Nachricht galt meiner Familie“, sagt Schröder. „Mein zweiter war, wie organisiere ich den Umzug mit unseren Möbeln nach Cleveland. Der dritte war, aufgeregt zu sein wegen des neuen Teams, der neuen Chance. Sie kämpfen jedes einzelne Spiel und wollen gewinnen.“
Tatsächlich profitiert Schröder von dem Trade. Sacramento hat keine Chance mehr auf die Play-offs und schenkt die restlichen Saisonspiele ab, um beim nächsten Draft eine größere Chance auf neue Top-Talente zu bekommen („Tanking“). Cleveland dagegen liegt als Vierter der Eastern Conference gut im Play-off-Rennen. In seinen ersten neun Spielen für Cleveland kommt Schröder als Back-up für die Stars Donovan Mitchell (29) und James Harden (36) auf 22 Minuten Einsatzzeit und 10 Punkte im Schnitt.
„Ich bin sehr glücklich über den Trade“, sagt Schröder. „Meine Rolle ist überall dieselbe. Ich bringe Energie, Härte und Zähigkeit ins Team.“ Kratzen die vielen Trades nicht am Selbstbewusstsein? „Nein“, sagt Schröder. „Die meisten Trades waren positiv für mich. So ist das Geschäft. Es ist ein Privileg, überhaupt in der NBA zu sein. Da spielen die 400 besten Spieler der Welt.“
Seinen Lebensmittelpunkt sieht Schröder für sich und seine Familie mit Frau Ellen und den drei Kindern Amari (3), Imalia Aaliyah (5) und Dennis Malick jr. (7) ohnehin in Braunschweig. Jeden Sommer und in jeder längeren NBA-Pause kehrt er dorthin zurück. Gerade baut er dort ein Haus. Beim BBL-Klub Basketball Löwen Braunschweig ist er seit 2018 Hauptgesellschafter. Und am Ende seiner Karriere möchte Schröder noch einmal für seinen Heimatverein auflaufen. „Mein Traum ist es, mit Braunschweig Deutscher Meister zu werden“, sagt er.
Klingt nach einem hochgesteckten Ziel. Aber der Mann hat schon ganz andere Dinge möglich gemacht.
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