Adam Edelman steigt aus und jubelt. Der Pilot des israelischen Viererbobs reißt die Arme in die Luft und klatscht jeden einzelnen seiner Anschieber ab. Immer wieder ruft er: „Gut gemacht, Jungs. Gut gemacht. Ich bin so stolz auf euch.“ Edelman steht im Zielbereich des Eiskanals von Cortina d’Ampezzo. Er hat mit seinem Team gerade nicht die Goldmedaille im Viererbob bei den Olympischen Spielen gewonnen, sondern einen Trainingslauf sicher ins Ziel gebracht. Er ist stolz. Stolz, auf sein Team und darauf, Israel bei den Olympischen Winterspielen zu repräsentieren.
„Jeden einzelnen Tag der vergangenen zwölf Jahre hatte ich nur ein Ziel: Israel braucht ein Bob-Team bei den Olympischen Spielen“, sagt Edelman im Gespräch mit WELT. „Wenn die Leute das sehen, würden sie ermutigt, ihre eigenen Wege zu gehen. Es war wie meine Lebensmission.“ Er sei sich nicht sicher, ob er jemals so viel Energie – außer für die Vaterschaft – in etwas investiert habe. „Für mich ist es die Goldmedaille, hier am Start zu sein.“
Zuletzt sorgten Aussagen eines Schweizer Fernsehkommentators über Edelman für Wirbel. Dieser hatte ihm vorgeworfen, einen „Genozid in Gaza“ zu befürworten. Das israelische olympische Komitee reagierte mit einem Beschwerdebrief und forderte eine öffentliche Entschuldigung für die Aussagen des Journalisten.
Der 34-Jährige, der in den USA geboren wurde und in Brookline aufwuchs, ist ein Multitalent im Eiskanal. Vor elf Jahren entschied er sich dafür, sich bäuchlings auf einen Skeleton-Schlitten zu werfen. Sein ungewöhnlicher Trainer: Youtube-Videos. Edelman schaute nach eigenen Angaben mehr als 10.000 Stunden Skeleton-Clips und brachte sich so im Selbststudium am Computer die waghalsige Disziplin selbst bei. Er flog wöchentlich von Kalifornien nach Calgary, um dort in der Eisbahn die Theorie aus den Internet-Clips in die Praxis umzusetzen.
Mit Erfolg: Edelman qualifizierte sich für die Olympischen Winterspiele 2018 in Pyeongchang und fuhr dort auf den 28. Platz. Doch schon vorher reifte in ihm der Traum vom israelischen Bob-Team. Edelman setzte ihn in die Tat um. Mit viel Energie, Geduld und Hartnäckigkeit. Er ist Pilot, Organisator, Reiseleiter, Crowdfunder, Pressesprecher und sogar Koch des Teams. „Für mich ist die Goldmedaille, wenn ein Kind das sieht und denkt: ,Vor zwölf Jahren wurde dem Mann gesagt, er hätte keine Chance. Und jetzt kann ich meine Reise beginnen, mindestens genauso gut wie er.‘“
Er erinnert sich genau an den Tag, als er offiziell nach Israel immigrierte: Es war der 3. Mai 2016. Zuvor lebte er schon zehn Jahre dort und pendelte in die USA. „Ohne Israel wäre ich heute tot. Ich hatte schwere Depressionen. 2006, als der zweite Libanonkrieg ausbrach, verbrachte ich den Sommer in Schutzräumen“, erinnert sich Edelman. In den USA fragte er sich, was er aus seinem Leben machen wolle und was ihm Freude schenken könne: „Heimkommen ist unbeschreiblich, eine spirituelle Erfahrung – man weint, die Seele wird nach Jerusalem gezogen. Israel ist mein Herz, mein Zuhause.“
Edelman ist der erste orthodoxe Jude, der Israel bei den Olympischen Winterspielen vertritt. Seine vier Anschieber, die alle in Israel geboren wurden, aufgewachsen sind und leben, könnten unterschiedlicher nicht sein. Edelman muss für das Rennen drei von ihren auswählen. Ward Fawarseh ist arabischer Druse. Er vertritt Israel und wird dafür laut Edelman von Arabern scharf kritisiert. Mit Omar Katz, Uri Zisman und Chen Menachem sitzen ein Anhänger der Chabad-Lehre, ein nicht observanter Jude, der sich nicht streng an die Glaubensregeln hält und ein modern-orthodexer Jude mit im Schlitten. „Das ist Israel: ein Land, eine Mannschaft – alles in einem Bob“, sagt Edelmann.
Auf dem Weg nach Cortina d’Ampezzo musste Edelman mit vielen Widrigkeiten kämpfen. Neben sportlich schwierigen Qualifikationswettkämpfen ist es vor allem der Gaza-Krieg, der das Team belastet hat. Nach dem Terror-Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 fiel die Mannschaft auseinander. Sie litt unter den Auswirkungen des Terrors, an Training war nicht zu denken. Erst im vergangenen Oktober fand die Bob-Crew wieder zueinander und schaffte tatsächlich die Qualifikation für die Olympischen Spiele.
Für Edelman und seine „Boys“ das Größte: „Was ich erreichen wollte: Wie beim Cool-Runnings-Team kennt man die Namen nicht, aber das Team. Ich sage den Jungs immer: Es gibt keinen Ruhm, kein Geld, aber in 20 oder 30 Jahren wird man über eure Leistung sprechen. Ihr habt etwas Großartiges für die israelische Sportgeschichte erreicht. Niemand kennt mich und euch, aber das Team und die Flagge Israels kennt man.“
Die Insignien Israels trägt er voller Stolz, auch in Cortina d’Ampezzo. Er versteckt seine Identität trotz möglicher Anfeindungen nicht. „Das ist nicht, wie wir sein sollten. Ich ändere mein Verhalten nicht wegen anderer. Ich trage die Kippa und die Team-Kleidung auch abseits des Eiskanals. Es ist eine Ehre und Verantwortung“, sagt Edelman, der eine klare Meinung zu den Pfiffen bei der Eröffnungsfeier gegen das israelische Team hat: „Es ist einfach traurig, wenn jemand sich an der Existenz anderer stört.“
„Wir haben Gold gewonnen, weil wir hier am Start stehen“
Auch ein Einbruch in Ferienwohnung, welche das Team während der Spiele bewohnt, bei dem Geld und Material für den Bob geklaut wurde, konnte Edelman und seine Crew auf dem zur Erfüllung des olympischen Traums schocken. „Das ist der israelische Geist. Rückschläge führen bei uns zu einer doppelten Gegenreaktion. Wir gehen immer vorwärts, bleiben nie stehen. Denn wir sind Victors (Sieger) und keine Victims (Opfer).“
Mit dieser Einstellung wird das Team auch am Samstag und Sonntag (trotz Shabbat) bei den Olympischen Spielen in den vier Läufen an den Start gehen. Edelman und seine Crew werden dabei sein, wenn die deutschen Viererbobs um Francesco Friedrich, Johannes Lochner und Adam Ammour um die Goldmedaille fahren.
Das Team aus Israel wird nach den Eindrücken und Zeiten aus dem Training wahrscheinlich den letzten Platz belegen. Jubeln werden sie im Ziel aber wieder trotzdem: „Wir haben Gold gewonnen, weil wir hier am Start stehen.“
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