Wenn in Antholz die Biathlon-Goldmedaillen gefeiert werden, sind die Deutschen nur Zuschauer. Während Frankreich um die Dreifach-Olympiasieger Julia Simon und Quentin Fillon Maillet schon zehn Medaillen einsammelte und Norwegen selbst nach dem Rücktritt von Dominator Johannes Thingnes Bö neunmal Edelmetall gewann, reichte es für Deutschlands Skijäger in neun Rennen zu einmal Bronze. Es droht vor den abschließenden beiden Rennen im Massenstart das schlechteste Abschneiden bei Winterspielen jemals.
Wie sehr der Trend in jüngster Vergangenheit nach unten geht, zeigt die Medaillen-Ausbeute der vergangenen sechs Winterspiele:
- 2006: 5 x Gold, 4 x Silber, 2 x Bronze, Platz 1 im Medaillenspiegel
- 2010: 2x Gold, 2x Silber, 4 x Bronze, Platz 2 im Medaillenspiegel
- 2014: 1x Gold, 1 x Silber, 0 x Bronze, Platz 4 im Medaillenspiegel
- 2018: 3 x Gold, 1 x Silber, 3 x Bronze, Platz 1 im Medaillenspiegel
- 2022: 1 x Gold, 0 x Silber, 1 x Bronze, Platz 4 im Medaillenspiegel
- 2026: 0 x Gold, 0 x Silber, 1 x Bronze, Platz 5 im Medaillenspiegel (nach neun von elf Rennen)
Im Biathlon hat Deutschland den Anschluss an die beiden Top-Nationen verloren. „Wir haben wirklich gute Athleten, die auch gut performen können, die sich auch in der Weltspitze tummeln können, aber wir haben diese X-Faktor-Athleten derzeit nicht“, sagte Sportdirektor Felix Bitterling.
Es gibt keine selbstbewussten Siegertypen in herausragender Form, schlicht niemanden im Team, der „einfach mal in eine Strafrunde easy rausläuft“, mit einer „brutal schnellen Schießzeit“ Druck macht und anschließend wieder führen kann: „Das ist derzeit so. Das muss man einfach so akzeptieren.“
„Uns haben ein oder zwei Athletengenerationen gefehlt“
Muss man? „Wir arbeiten sehr, sehr stark im Hintergrund, dass es diese Athleten oder Athletinnen in Zukunft wieder geben wird“, sagt Bitterling und spricht über Fehler aus der Vergangenheit. Das Problem: Gerade im Männer-Bereich wurde jahrelang zu wenig gemacht. Das Weltcup-Team bekam zu wenig Druck, weil schlicht kein guter Nachwuchs vorhanden war. „Und das ist nie gut“, sagte Bitterling: „Uns haben ein oder zwei Athletengenerationen einfach gefehlt.“
Eine effektivere und zielgerichtete Ausbildung von Sportlern und Trainern soll helfen, dass sich das ändert. „Das dauert wahrscheinlich Jahre. Man hätte es viel früher machen müssen“, sagte Bitterling. Vor zweieinhalb Jahren habe man die Strukturen grundlegend geändert und erhofft sich von Maßnahmen wie einer Schießakademie mit Spezialisten sowie einer Taskforce für die Trainerausbildung, die Lücke zu den Franzosen und Norwegern zu schließen.
Wie schwer das ist, weiß auch David Zobel und wies in Antholz darauf hin, „wie viele Nachwuchssportler die Franzosen haben. Das geht in Richtung 200, und bei uns sind es 50. Da brauchst du das eine Übertalent, ansonsten wird es schwierig.“ Zudem fragte der Olympia-Starter noch, warum Deutschlands Nationalteam im Fußball wohl besser sei als das von Norwegen? „Weil wir mehr Fußballer haben“, antwortete der 29-jährige Bayer.
Ein Vergleich, der derzeit ins Hinken gerät. Norwegen hat sich für die Fußball-WM qualifiziert und gilt mit Weltklassespielern wie Haaland, Ryerson oder Ödegaard als durchaus ambitioniert. Aber zurück zum Biathlon.
Eine „Sisyphusarbeit“, sei die Suche nach hochtalentierten Biathletinnen und Biathleten, betonte Bitterling: „Die Nachwuchsarbeit generell ist eine Sache, die schwerer wird.“ Er habe die Erfahrung gemacht, dass in Deutschland „die Gruppe der Athleten und Athletinnen, die sich aktiv für Leistungssport entscheidet und diesen dann auch durchzieht, immer kleiner wird“.
Seit 1992 gab es immer mindestens zwei Medaillen
Und dann sind da noch die Standortnachteile. Durch die Verlagerung der Schneefallgrenze nach oben würden deutsche Nachwuchssportler später auf Schnee trainieren können als in Skandinavien. „Das alles wird irgendwann ein Mix, der nicht ganz leicht ist“, sagte Bitterling, der am Saisonende aus dem Amt ausscheidet und in anderen Funktion zum Weltverband IBU zurückkehrt.
All das sollen keine Ausreden sein, betonte der Bayer, für den es beim DSV noch keinen Nachfolger gibt: „Wir haben uns dessen angenommen. Ich glaube, wir haben viele Schritte unternommen, die richtig sind, aber das dauert eben.“
In Italien verpasste Deutschland teilweise auch knapp die Medaillen. Seit 1992 gab es immer mindestens zweimal Edelmetall. Kommt nach Mixed-Bronze in den Massenstarts am Freitag (Männer) und Samstag (Frauen) nicht noch einmal was dazu, wäre das mit Abstand schlechteste Olympia-Abschneiden für das einst so erfolgsverwöhnte Team perfekt.
Zwei vierte Plätze mit den Staffeln, Rang vier für Vanessa Voigt und Rang fünf für Philipp Nawrath im Einzel waren gute Ergebnisse. „Aber bei Olympia zählen die Medaillen“, sagte Nawrath. Und eine Erkenntnis ist auch: Ohne Fehler der Franzosen und Norweger war das Podest auch bei eigenen Topleistungen kaum zu erreichen.
Umso wichtiger ist, dass Erfolge bei der nächsten Generation zu sehen sind. Junioren-Weltmeister Leonhard Pfund (22) sorgte bei seinem Weltcup-Debüt vor Olympia in Tschechien für Aufsehen, auch Elias Seidl (21) und Franz Schaser (23) wird viel zugetraut. Bei den Frauen hat Selina Grotian (21) trotz schwacher Olympia-Auftritte sogar schon im Weltcup gewonnen, Julia Tannheimer (20) ist für ihr junges Alter als Olympia-Starterin enorm weit.
Neue Kräfte sind nötig. Mit n Franziska Preuß (31) hört die letzte noch aktive deutsche Weltmeisterin spätestens im März auf, bei den Männern sind Nawrath (32) und Philipp Horn (31) im gleichen Alter. Es ist fraglich, ob sie bis zu den nächsten Spielen in vier Jahren in Frankreich weitermachen.
„Ich glaube, dass es ein paar sehr hoffnungsvolle Talente in Deutschland gibt“, sagte Bitterling. Wichtig sei es aber, diese behutsam aufzubauen. „Wenn ich einen jüngeren Athleten zu früh oben reinschicke und der bekommt dann da richtig auf die Mütze, dann kann es auch schon mal sein, dass der eine kleine Delle bekommt.“
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