Meine Kinnlade will da bleiben, wo sie ist – unten. Was im Fernsehen schon beeindruckend ist, macht mich, als ich direkt an der Bande der Eisfläche stehe, sprachlos. Annika Hocke und Robert Kunkel trainieren für ihre Olympiakür im Eiskunstlauf. Ihr Programm ist eine Kombination aus Grazie, Ausdauer, Kraft und Koordination. Alles Eigenschaften, die in der kommenden Stunde das Eis verlassen, denn jetzt betrete ich die Fläche.
„Lass uns zum Reinkommen rückwärts übersetzen“, sagt Kunkel. Das Reinkommen wird zum Hinfallen. Rückwärtslaufen funktioniert einigermaßen. Das Gewicht auf die Zehen verlagern, Druck auf die Innenseiten der Oberschenkel und dann mit schlingernden Bewegungen vom Eis abdrücken. Wir nehmen gemeinsam etwas Geschwindigkeit auf, dann soll ich übersetzen – einen Fuß in die Luft nehmen und vor den anderen setzen, um eine Kurve zu fahren. Eine Vorgabe erfülle ich, aber bevor ich den Fuß wieder auf das Eis setze, sitze ich auf diesem. Stürzen gehört dazu, weiter geht’s – diesmal an den Händen Kunkels.
Verkrampft breche ich ihm beinahe die Fingerknochen, aber an den Händen des Bronzemedaillengewinners der EM 2023 werde ich immer sicherer. So, dass wir zusammen die erste kleine Figur einstudieren. „Was ist, wenn er vorne über aufs Eis kracht?“, fragt Hocke. „Wird schon nicht passieren“, ist die beruhigende Antwort meines Kürpartners, der mir Anweisungen die Waage erklärt: „Gib richtig viel Druck auf meine Hände, kippe mit dem Oberkörper langsam nach vorne und dann das rechte Bein gestreckt im rechten Winkel zur Hüfte in die Luft.“
Krampf nach 20 Sekunden in der Waage
Auf einem Bein fahren, den Oberkörper nach vorn gebeugt, den Kopf gehoben und dann noch das andere Bein gestreckt. Obwohl der Winkel eher spitz als rechts ist, verlangt mir die scheinbar einfache Übung viel ab, mein Gluteus Maximus beginnt nach 20 Sekunden zu zittern. Dann ist er da: der Krampf in der Pobacke.
„In der Kür gehen die Sportler wirklich an ihre Kotzgrenze“, sagt Stützpunkttrainer Nolan Seegert. So weit komme ich zum Glück nicht, aber schon diese scheinbar simple Übung lässt mich erahnen, was Eiskunstläufer leisten. „Kraft, Athletik, Ausdauer, Ballett und die Zeit auf dem Eis – wir trainieren bis zu 60 Stunden die Woche“, sagt Kunkel.
Auch Ausdruck und Show. Hocke zeigt mir, worauf es beim Showteil ankommt. „Wichtig ist, dass du oben viel Show machst und davon ablenkst, dass untenrum nicht so viel passiert“, lacht sie. Sicheres Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit, dieser Teil der Kür gelingt gut. Aber auch das Durchstrecken des Rückens, das langsame Führen der Arme und das nicht krampfhaft erscheinen sollende Lächeln sind anstrengend.
Der Mut-Sprung gelingt im fünften Versuch
Nach der Show soll das Spektakel übernehmen – Pirouetten und der Mut-Sprung. Für die Pirouette soll ich die Beine hüftbreit aufstellen, Druck auf die Leisten geben und meinen Oberkörper gegen die Drehrichtung ausrichten. Aus dieser Grundstellung soll ich den äußeren Schlittschuh bewegen und mit dem Oberkörper die Drehung unterstützen. Im Optimalfall sind jetzt die Beine geschlossen. Was ich da aber auf das Eis krampfe, hat nicht mal im Entferntesten mit dem Optimalfall zu tun. Während Hocke und Kunkel bis zum Morgengrauen auf der Stelle kreiseln könnten, ist bei mir jedes Mal nach 270 Grad Schluss.
Zum Glück hat der Mut-Sprung nur 180 Grad. Ich soll rückwärtslaufen, mit dem rechten Fuß abspringen und vorwärts auf dem linken Fuß landen. Es wird die wackeligste Angelegenheit des Trainings. Es kostet mich Überwindung abzuspringen, auch wenn es nur wenige Zentimeter sind. Im fünften Versuch bezwinge ich den Mut-Sprung.
Kunkel bietet mir schmunzelnd an, eine Figur aus ihrer Kür zu machen: „Wir können dich auch in die Hebefigur nehmen und dann schmeißen. Die Frage ist nur, wer dich dann vom Eis aufsammelt.“
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