An diesem Sonntag hatte Deutschland bereits ein Olympia-Gold sicher. Allerdings kommt dieser mit zwölf Jahren Verspätung. Zwischen den beiden Verfolgungsrennen wurde im Biathlon-Stadion von Antholz die Siegerehrung von den Winterspielen 2014 noch einmal mit den rechtmäßigen Gewinnern nachgeholt. Es ist die ungewöhnlichste Zeremonie der Winterspiele.
Denn die russische Männer-Staffel war damals bei ihrem Rennsieg in Sotschi gedopt gewesen. Evgeny Ustyugov wurde 2020 bei einer nachträglichen Untersuchung alter Proben mit dem Steroid Oxandralon erwischt. Das Team wurde schließlich nach einem langen sportjuristischen Prozess disqualifiziert. Dieser dauerte mehr als vier Jahre. Doch damit stand fest: Die Deutschen Erik Lesser (37), Daniel Böhm (39) Arnd Peiffer (38) und Simon Schempp (37) sind Biathlon-Olympiasieger. Für alle bis auf Peiffer, der 2018 einen weiteren Triumph hatte, ist es das einzige Gold bei Winterspielen.
Damit sie die Goldmedaillen in einem würdigen Rahmen bekommen, entschloss sich das IOC für eine Ehrung bei den Winterspielen von Cortina. Auch die beiden Staffeln aus Österreich (Silber) und Norwegen (Bronze) waren dort. Deutschland fehlten damals 3,5 Sekunden zu Gold.
WELT hat mit allen vier Staffelmitgliedern in der Startreihenfolge von damals gesprochen.
WELT: Herr Lesser, was bedeutet Ihnen diese nachträgliche Siegerehrung – auch im Vergleich zu anderen, wo Sie direkt die richtige Medaille bekommen haben?
Erik Lesser: Ich freue mich auf den Moment, wenn wir diese Medaille endlich bekommen, wenn dieser Punkt erreicht ist und wir als Team das erhalten, was uns zusteht. Und es freut mich, dass unter meiner Karriere jetzt tatsächlich ein Schlussstrich gezogen wird. Dass man sagen kann: Okay, das habe ich jetzt wirklich auf meiner Wikipedia-Seite stehen, jetzt gibt es keine Nachfragen mehr. Witzig ist schon, dass man zu Olympischen Spielen reist und weiß, man fährt auf jeden Fall mit einer Olympiamedaille nach Hause. Da ich mich nach Sotschi nie so richtig betrogen gefühlt habe, ist es für mich jetzt eher ein Moment des Abschlusses.
WELT: Wie haben Sie das Staffelrennen in Erinnerung?
Lesser: Sehr stressig. An die letzte Runde erinnere ich mich noch gut. Ich musste gegen Tarjei Bö laufen, einen der stärksten Athleten überhaupt. Ich wusste: Wenn er jetzt loslegt, dann geht es richtig zur Sache. Und genau das hat er am ersten Anstieg aus dem Stadion direkt gezeigt. Danach hieß es nur noch: nach jedem Läufer ein neues Oberteil anziehen und hoffen, dass es nicht wieder komplett durchgeschwitzt ist.
WELT: Symbolisiert die Medaille für Sie Gerechtigkeit – gerade im Hinblick auf Doping?
Lesser: Wenn die Russen damals recht bekommen hätten und alles als fair bewertet worden wäre, hätten wir das genauso akzeptiert. Jetzt siegt die Gerechtigkeit für uns, das ist natürlich erfreulich. Aber grundsätzlich ist es gut, wenn unser System so hart sein kann, dass Betrüger immer Angst haben müssen, irgendwann doch noch erwischt zu werden.
WELT: Welchen Platz bekommt die Medaille bei Ihnen zu Hause?
Lesser: Ich habe mir Tafeln aus Nussbaumholz gebaut. Dort hängen die Medaillen, Startnummern und Erinnerungen meiner Karriere.
WELT: Hatten Sie noch Kontakt zur russischen Staffel nach dem ganzen Fall?
Lesser: Nein, da gibt es keinen Kontakt. Anton Shipulin sitzt jetzt im Kreml als Politiker – da ist Kontakt eher unwahrscheinlich. Wolkow habe ich mal bei einem Weltcup gesehen, als die Russen noch dabei waren. Aber über Social Media gibt es keinen Kontakt.
„Wir haben mit fairen Mitteln gekämpft“, sagt Daniel Böhm
WELT: Herr Böhm, was bedeutet Ihnen diese nachträgliche Siegerehrung - auch im Vergleich zu anderen, wo Sie direkt die richtige Medaille bekommen haben?
Daniel Böhm: Die nachträgliche Siegerehrung bedeutet mir schon sehr viel, weil es eine Möglichkeit ist, den Moment noch einmal aufleben zu lassen. Was ich extrem cool finde, ist, dass alle drei Mannschaften wirklich da sind und alle ihre Medaillen hier in Antholz bekommen. Wäre es an verschiedenen Orten und zu unterschiedlichen Zeitpunkten passiert, wäre es nicht das gleiche. Jetzt im Rahmen von Olympia die Ehrung mit allen zwölf Sportlern noch einmal zu erleben, ist etwas Besonderes. Ich kann noch schwer sagen, was es emotional auslösen wird. Es ist doch sehr lange her. Dadurch ist es jetzt noch recht nüchtern. Aber wenn wir alle auf dem Podium stehen, und die Nationalhymne gespielt wird, werden da die Emotionen schon hochkommen. Mit den drei Jungs dort zusammenzustehen, wird sicher cool. Abends gibt es noch eine Feier mit allen Medaillengewinnern.
WELT: Wie glücklich sind Sie, dass es Gerechtigkeit gibt? Welches Signal sollte davon ausgehen?
Böhm: Der Hauptaspekt ist die Gerechtigkeit. Der Moment und die Emotionen sind sicher nicht die gleichen, wie sie gewesen wären, wenn man die Goldmedaille an dem Tag im Jahr 2014 bekommen hätte. Wir zeigen damit: Wir haben mit fairen Mitteln gekämpft, und wenn das andere nicht getan haben, dann sind wir froh, dass es mit viel, viel Aufwand und Arbeit aufgeklärt wurde, und jetzt die richtigen Medaillengewinner das bekommen, was sie sich an dem Tag mit fairen Mitteln erkämpft haben. Das ist das Signal, das insbesondere für junge Sportler davon ausgehen sollte. Der Sport sollte ausstrahlen: Alle kämpfen mit gleichen Mitteln.
WELT: Welchen Platz bekommt die Medaille bei Ihnen daheim?
Böhm: Viele meiner Pokale und Medaillen sind im Keller oder bei meinen Eltern. Aber diese olympische Goldmedaille wird sicher einen schönen Platz im Wohnzimmer finden, weil das doch der Höhepunkt der Karriere ist.
WELT: Wie ist Ihr Verhältnis zu den Russen von damals?
Böhm: Mein Verhältnis zu den Russen von damals ist nicht existent. Das war es damals auch schon nicht. Wegen der Sprachbarriere gab es dort keinen Austausch. Damals begegnete man sich noch mit Respekt. Da war noch jeder davon ausgegangen, dass man fair miteinander umgeht. Seit dem Dopingfall hatte ich mit keinem der Athleten Kontakt. Das hat sich nie ergeben.
„Ich habe keinen großen Groll“, sagt Arnd Pfeiffer
WELT: Was bedeutet Ihnen diese nachträgliche Siegerehrung?
Arnd Pfeiffer: Es ist schon ein bisschen komisch, zwölf Jahre später noch einmal an einer Siegerehrung teilzunehmen – zumal ich ja seit meinem Karriereende nicht mehr auf dem Podest stand. Das fühlt sich wahrscheinlich wie ein Flashback an. Ich freue mich aber sehr, dass wir es gemeinsam erleben können. Vor allem mit den anderen Medaillengewinnern.
WELT: Wie haben Sie das Rennen von damals noch in Erinnerung?
Pfeiffer: Wir waren schon mit Silber total happy, weil beim letzten Schießen vier Nationen zusammenstanden. Es hätte genauso gut Platz vier werden können – und das wäre keine Schande gewesen. Wir waren schon mit Silber total happy, weil beim letzten Schießen vier Nationen zusammenstanden. Dann wurde es Silber und wir waren unglaublich glücklich. Das hat sich eingebrannt.
WELT: Erik Lesser meinte, er habe sich nie wirklich betrogen gefühlt. Wie sah das bei Ihnen aus?
Pfeiffer: Ich habe darüber nie intensiv nachgedacht, weil die Gefahr ist, dass man irgendwann paranoid wird. Aber ich habe keinen großen Groll. Ich kann diese Medaille annehmen, weil ich glaube, dass es richtig so ist.
WELT: Symbolisiert die Medaille Gerechtigkeit?
Pfeiffer: Ja, ich finde, es ist auch eine Botschaft. Diejenigen, die so was machen, können nie ruhig schlafen. Sie wissen es und müssen immer Angst haben, dass es doch noch herauskommt.
WELT: Welchen Platz bekommt die Medaille bei Ihnen zu Hause?
Pfeiffer: Im Keller steht eine Vitrine, in der alle Medaillen liegen. Ja, im Keller. Dort habe ich einen kleinen Sportraum (lacht).
WELT: Hatten Sie mit der russischen Staffel später noch Kontakt?
Pfeiffer: Nein, gar nicht. Das war aber schon während meiner Karriere so, dass man mit den Russen tendenziell am wenigsten Kontakt hatte. Als ich in den Weltcup kam, gab es schon erste Dopingfälle. Ein weiterer Punkt war die Sprachbarriere.
„Diese Erinnerungen sind das Wertvollste“, sagt Simon Schempp
WELT: Was bedeutet Ihnen diese nachträgliche Siegerehrung - auch im Vergleich zu anderen, wo Sie direkt die richtige Medaille bekommen haben?
Simon Schempp: Die Goldmedaille direkt am Wettkampftag im Stadion zu bekommen, wäre natürlich für uns alle der größte Wunsch gewesen. Allerdings haben sich die Dinge anders entwickelt. Umso schöner finde ich, dass die Zeremonie im Rahmen der Olympischen Spiele in Antholz stattfindet. Das ist ein würdiger Rahmen, um mit diesem Kapitel abzuschließen. Ich freue mich sehr darauf, diesen Moment gemeinsam mit meinen drei Teamkollegen zu erleben und noch einmal ein Stück Olympiafeeling zu spüren.
WELT: Wie glücklich sind Sie, dass es Gerechtigkeit gibt – und welches Signal sollte davon ausgehen?
Schempp: Ich bin froh, dass es Mechanismen gibt, die Unrecht aufdecken, selbst Jahre später. Wenn nachweislich etwas nicht mit rechten Dingen zugeht oder zugegangen ist, dann ist es wichtig und richtig, dass Ergebnisse korrigiert werden. Das Signal sollte sein, dass Fairness im Sport am Ende zählen.
WELT: Welchen Platz bekommt die Medaille bei Ihnen daheim?
Schempp: Ich bin nicht der, der Medaillen zu Hause aufstellt. Bei mir sind alle Medaillen, die ich gewonnen habe, sicher aufbewahrt und dort wird auch diese Medaille ihren Platz finden. Mir persönlich ist die Erinnerung an diesen Tag am wichtigsten, an das Rennen, an die Emotionen und an die Freude, die man mit allen Menschen teilt, die zu einem Erfolg beitragen. Diese Erinnerungen sind das Wertvollste und diese bleiben ohnehin für immer.
WELT: Was würden Sie dem Simon Schempp von 2014 aus heutiger Sicht gern sagen?
Schempp: Bezogen auf den Staffeltag würde ich ihm einfach sagen, „Hey ein Kindheitstraum wird wahr, du bist Olympiasieger“.
WELT: Wie ist Ihr Verhältnis zu den Russen von damals?
Schempp: Während meiner aktiven Karriere war das Verhältnis zu den meisten russischen Athleten gut. Es gab zwar eine gewisse Sprachbarriere, aber der Umgang miteinander war respektvoll. Man hat sich gratuliert, hier und da ein paar Worte gewechselt. Mit manchen mehr, mit anderen weniger, wie das im Leben ja immer so ist. Nach dem Ende der sportlichen Karrieren ist der Kontakt allerdings abgebrochen.
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