Was im Sommer vor dreieinhalb Jahren begann, findet nun sein großes Finale: Damals trafen sich Minerva Hase und Nikita Volodin zum ersten Mal, um herauszufinden, ob sie fortan gemeinsam auf dem Eis laufen wollen. Jetzt sind die beiden 26-jährigen Paarläufer bereits dekoriert mit WM-Silber und -Bronze sowie mit EM-Gold und -Silber und zählen bei den Winterspielen in Mailand zu den Mitfavoriten.
Sonntagabend steht das Kurzprogramm, Montag die Kür auf dem Plan. Für Hase sind es die zweiten Spiele nach dem Peking-Drama, als ihr Partner Nolan Seegert bis kurz vor dem Wettkampf in Corona-Quarantäne war und dann geschwächt auf dem Eis stand. Mehrere Stürze und abgebrochene Hebungen waren die Folge. Für Volodin, gebürtiger Russe und seit 2025 mit deutschem Pass, ist es das Olympia-Debüt.
WELT: Für Sie beide war der Olympia-Traum eigentlich schon ausgeträumt. Jetzt gelten Sie als Mitfavoriten auf Gold. Was bedeutet Ihnen das?
Minerva Hase: Für mich bedeutet es, eine neue Chance zu bekommen, noch mal eine Möglichkeit zu haben, schönere Spiele zu erleben als jene von Peking und mich zu beweisen. Nicht anderen gegenüber, sondern vor allem mir selbst zu beweisen, dass ich hierher gehöre, dass ich das Potenzial habe, da mitzulaufen. Und dann auch noch in Europa, meine Mama wird kommen, meine beste Freundin wird da sein. Dieses Erlebnis mit anderen Leuten teilen zu können, einen Partner an meiner Seite zu haben, mit dem ich ganz vorn mitlaufe – eine riesige Chance.
WELT: Mit der Sie nicht mehr gerechnet hatten?
Hase: Ich hätte vor vier Jahren nicht gedacht, dass ich noch mal die Möglichkeit für einen Olympia-Start bekomme. Nach Peking wusste ich nicht, ob und wie es weitergeht. Es war hart. Deswegen bin ich super dankbar, dass Nikita und ich überhaupt so weit gekommen sind.
Nikita Volodin: Ich freue mich auch wirklich sehr. Bevor ich Minerva traf, hatte ich das Wettkampfleben eigentlich aufgegeben und war bei Shows gelaufen. Es war aber schon als kleiner Junge mein Traum, bei Olympischen Spielen anzutreten. Ich hatte alles dafür getan, was ich konnte – deshalb war es irgendwo okay gewesen, dass ich es nicht geschafft hatte. So ist das Leben. Ich hatte dann einfach keine Partnerin, habe aber dennoch weiter trainiert. Das war nicht einfach, und ich brauchte ja auch etwas Geld – also bin ich Shows gelaufen. Ich hatte nicht mehr daran geglaubt, dass ich noch eine Chance bekomme.
Hase: Dann rief dich Dima an, mein russischer Trainer. Und jetzt können wir gemeinsam doch noch unsere sportlichen Träume ausleben. Für mich ist es immer noch surreal, dass ich sagen kann: Wir sind WM-Zweite, haben EM-Gold und EM-Silber. Das hätte ich als fünfjähriges Kind nie erwartet. Es gibt so viele Eiskunstläufer, die da hinwollen – und nun bin ich eine von den wenigen, die es geschafft hat.
WELT: Peking, Frau Hase, war hart und herzzerreißend für Nolan Seegert und Sie. Wie lange brauchten Sie, um das abzuhaken?
Hase: Es war definitiv schwierig. In der Woche nach Olympia dachte ich, ich höre komplett auf, ich mache auch keine Weltmeisterschaft mehr. Das war's für mich. Du arbeitest seit 20 Jahren auf den Olympiatraum hin – und dann erlebst du solche Olympischen Spiele. Das war wirklich schlimm. Dima und Nolan haben mich dann überredet, die Weltmeisterschaft doch noch zu laufen – rückblickend war das sehr wichtig, weil wir mit zwei sehr guten Programmen als WM-Fünfte ein positives Saisonende hatten. Für uns war das wirklich sehr gut.
WELT: Aber es war Ihr letzter gemeinsamer Wettkampf.
Hase: Irgendwann danach habe ich gemerkt, dass ich noch nicht fertig bin, dass ich aber die Zeit mit Nolan abschließen muss. Ich dachte: Entweder ein Neustart oder ich höre auf. Ich war an einem Wendepunkt – und in einem Loch. Zwei Monate bin ich dem Eis komplett ferngeblieben. Danach habe ich angefangen, für mich selbst ein bisschen zu laufen. Dann sagte Dima (Trainer Dmitri Savin, mit dem Hase schon länger gearbeitet hat, d. Red.), er hätte ein Probetraining für mich im Juli 2022.
WELT: Und dann kam die Motivation zurück?
Hase: Ich dachte erst: Warum nicht? Schaute mir Videos von Nikita an und begann, wieder mehr zu trainieren. Ich wollte ihm ja auch etwas bieten, wenn er schon nach Berlin kommt. Dima war sehr euphorisch und meinte: Er sei perfekt für mich – und ich habe Dima vertraut. So habe ich dann eine neue Leidenschaft entdeckt und mit Nikita schnell gemerkt, dass das Kapitel Eiskunstlauf noch nicht vorbei ist. Ich habe neue Hoffnung geschöpft. Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass man nach Olympia in so ein tiefes Loch fallen kann. Ich hatte gelesen, dass es so etwas gibt – vor allem, wenn Leute erfolgreich waren –, aber bei mir war es ja das Gegenteil.
WELT: Nolan Seegert und Sie standen der Situation machtlos gegenüber. Das ist vielleicht noch schwieriger zu verdauen.
Hase: Du arbeitest dein ganzes Leben auf Olympia hin, dann erreichst du es – und es ist so fernab von dem, was du dir vorstellst. In allen Belangen. Es war einfach scheiße und keine schöne Erinnerung. Ich sehe auch immer noch nichts Positives daran.
Volodin: Vielleicht hätten wir uns aber sonst nie kennengelernt.
Hase: Das stimmt natürlich.
WELT: Sie kämpfen jetzt um eine Medaille. Ein Kindheitstraum?
Hase: Ich hatte eher verhaltene Ziele. Erst nach Peking dachte ich das erste Mal: Eigentlich möchte ich mal richtig erfolgreich sein. Ich hatte das Gefühl, es steckt in meinem Körper. Ich brauche aber den richtigen Gegenpart, um das herauszukitzeln. Und dann hatte ich sehr viel Glück mit Nikita, dass er von Anfang an sagte: Wenn wir jetzt laufen, dann möchte ich auch um Medaillen mitlaufen. Wir haben uns zum richtigen Zeitpunkt gefunden, um den nächsten Schritt zu machen.
Volodin: Bei mir war es ein bisschen anders. Ich war drei Jahre alt, als ich zum ersten Mal auf dem Eis stand. Und ich wollte tatsächlich schon als kleiner Junge später eine olympische Goldmedaille gewinnen.
Hase: Ich war und bin da auch immer noch eher die Tiefstaplerin – dann kann man nicht enttäuscht sein, wenn es nicht klappt. Es war schon ungewohnt anfangs mit Nikita. Ich sagte: „Eine Medaille wäre schön.“ Und er sagt: „Nein, wir wollen gewinnen.“
Volodin: Wenn, dann richtig.
WELT: Und was sagen Sie jetzt mit Blick auf Mailand?
Volodin: Wir wollen bei den Olympischen Spielen eine Goldleistung zeigen. Und was dann passiert, passiert. Das können wir nicht beeinflussen. Aber dann haben wir selbst alles getan, was in unserer Macht steht.
WELT: Wie verlief denn Ihr erstes Treffen? Wie schnell merkten Sie, dass es passt?
Hase: Ich habe ihn damals am Flughafen in Berlin abgeholt. Es war ein bisschen schwierig, weil ich kein Russisch sprach, und er kein Englisch, kein Deutsch. Das heißt: Kommunikation war nicht vorhanden, beziehungsweise nur durch unseren Trainer, der übersetzt hat. Aber so haben wir gemerkt: Man muss nicht immer reden, sondern es kommt viel auf das Gefühl an. Als wir auf dem Eis die ersten Hebungen gemacht haben, die ersten Elemente, habe ich sofort gemerkt, dass ich ihm vertrauen kann. Es hat sich alles sehr leicht, auch sehr rhythmisch gleich angefühlt. Ich war Feuer und Flamme und dachte: Den muss ich irgendwie halten. Nach fünf Tagen haben wir schon die ersten Dreifachwürfe gemacht.
Volodin: Das war ungewöhnlich früh.
Hase: Ursprünglich war dann geplant, dass wir nicht nur in Deutschland trainieren, sondern ich auch mal nach Russland komme, damit Nikita mal zu Hause sein kann. Mir ist aber von der Bundeswehr verboten, fürs Training in Russland einzureisen. Nikita muss also deutlich mehr Opfer bringen als ich – und ich bin sehr froh, dass er das macht. Aber es hat sich ja zum Glück wenigstens gelohnt.
WELT: Wie schwer ist es für Sie, Herr Volodin, nur in Berlin, nie in Russland nahe der Familie trainieren zu können?
Volodin: Das erste Jahr fühlte sich wie ein Trainingscamp an, dann habe ich versucht, hier zu leben. Mittlerweile ist es normal. Alles gut, würde ich sagen, aber natürlich vermisse ich manchmal meine Familie. Ich habe auch eine kleine Schwester, die sieben Jahre alt ist. Sie ist zwar auch gern auf dem Eis, hat sich aber für Eisschnelllauf entschieden.
WELT: Wie funktionieren Sie zwei denn als Team? Oft ist es ja bei Sportarten, die im Zweierteam ausgetragen werden, so, dass der eine den anderen ergänzt.
Hase: Wir ergänzen uns auf jeden Fall sehr gut. Ich bin diejenige, die schneller gestresst ist. Ich habe ja schon meinen Perfektionismus angesprochen. Nikita steuert da manchmal ein bisschen gegen und sagt: „Okay, bleib mal entspannt, alles Schritt für Schritt.“
Volodin: Sie hat Struktur – ich hatte gar keine, als ich herkam.
Hase: Das war anfangs wirklich nicht leicht für mich. Ich bin da mit meiner Struktur gegen eine Wand bei ihm gelaufen. Er hingegen nimmt es einfach, wie es kommt.
Volodin: Ich kann auf jeden Fall von ihr lernen, mehr zu planen. Und habe das auch schon. Man spürt mehr Sicherheit, wenn man einen Plan hat. Ein bisschen Struktur fühlt sich schon besser an. Ich kann sie andererseits ein bisschen mitnehmen. Mehr Leichtigkeit reinbringen.
Hase: Nikita ist eine sehr fröhliche Person, die viel Neues machen möchte, was mich manchmal aus meiner Komfortzone holt. Da hat er mir geholfen, flexibler zu werden und mit Stress besser umzugehen. Generell würde ich noch sagen, übernimmt Nikita auf dem Eis und in der Vorbereitung eher den technischen Part und ich achte eher auf das Kreative, Künstlerische. Auf die Choreografie. Sonst sind wir in den wichtigsten Bereichen ähnlich.
Volodin: Wir wollen beide hart trainieren, wollen nicht irgendwann mal sagen: Hätten wir mal… Wir wollen alles auf dem Eis und im Kraftraum lassen und so hart trainieren, wie es der Körper zulässt.
WELT: Wie groß war denn die Anspannung, dass es mit der Einbürgerung rechtzeitig klappt?
Hase: Ich war ganz schön nervös, als die Prüfung anstand, habe immer auf mein Handy geschaut und gewartet, dass er schreibt. Man muss dazu sagen, dass uns bereits nach der ersten Saison der damalige Stützpunktleiter Jens Ter Laak, jetzt Sportdirektor, sehr schnell dahin gepusht hat, Deutschunterricht für die Nikita in den Trainingsplan zu integrieren. Es war gut, dass ein bisschen Druck und vor allem Unterstützung von der Deutschen Eislauf-Union kam.
Volodin: Im Mai 2024 ging es dann los mit Deutschunterricht. Am Anfang war es schwer, aber nach sechs oder sieben Monaten war es okay. Ich kann mit meiner Deutschlehrerin sprechen. Die deutsche Sprache richtig zu verstehen, also auch, was sie bedeutet, ist eine Herausforderung. Und ich möchte und muss noch besser sprechen.
Hase: Es braucht natürlich noch viel Routine, aber Du hast es gut gemacht. Innerhalb eines Jahres so gut Deutsch zu lernen, dass du den Test bestehst – dafür brauchen andere länger.
Volodin: Du studierst ja auch nebenbei; das ist auch nicht einfach.
WELT: Sprechen wir über Ihre aktuellen Programme. Die Musik für den Tango im Kurzprogramm wurde extra für und mit Ihnen erschaffen. In der Kür tanzen Sie zu Musik von Max Richter. Haben Sie ihn getroffen?
Hase: Nein, aber das wäre cool.
Volodin: Wenn wir bei den Olympischen Spielen gut laufen, haben wir ja vielleicht eine Chance …
Hase: Oh ja! Nach Olympia, wenn er Lust hat – wir wären bereit. Ich habe schon zuvor sehr viel Max Richter gehört, es berührt mich im Herzen. Wir wollten erstens zwei total unterschiedliche Programme haben, und wir wollten in der Kür ebendiese Tiefe zeigen. Und da hat uns Choreograph Benoit Richaud diese Musik vorgespielt und uns die Geschichte dazu erzählt, die er präsentieren möchte. Wir waren direkt begeistert. Genau so etwas wollten wir – wir wollten nicht auf Nummer sicher gehen, irgendetwas Theatralisches, Drama machen, sondern durch die Choreo und die Elemente die Musik aufleben lassen. Das ist auf jeden Fall schwer, auch schwerer, als wir gedacht haben. Aber ich glaube, man sollte bei Olympia auch Risiken eingehen. Und wenn wir die Kür in Mailand so laufen, fehlerfrei, wie wir es können, kann das sehr besonders werden.
WELT: Wie hat Benoit Ihnen die Geschichte, die er sie erzählen lassen möchte, dargebracht?
Hase: Er hat uns tatsächlich eine kleine Kurzgeschichte geschrieben, total schön zu lesen. Die Überschrift lautet übersetzt: Wenn die Hoffnung zurückkehrt – When hope returns. Es soll darstellen, dass man aus schwierigen Lebensphasen herausfinden kann, wenn alles chaotisch ist, man traurig, verwirrt ist und nicht so richtig weiterweiß. Dass es immer auch eine andere Seite, eine neue Perspektive gibt, die einen da herausholt. Dass man aus jeder Situation wieder Hoffnung schöpfen kann, neuen Lebensmut finden und wieder Leidenschaft entdecken kann. Wir fanden, dass es auch zu unserer eigenen Story im Sport passt.
WAMS: Der olympische Traum, den sie beide schon aufgegeben hatten.
Hase: Wir haben die Hoffnung wiederentdeckt, nachdem wir dachten, es sei vorbei. Und jeder Mensch hat schon mal eine schwierige Phase durchgemacht, jeder hat seine Story, die er mit der Kür verbinden kann. Vielleicht können wir es schaffen, dass einige Menschen ein Stück von sich selbst in der Kür wiederfinden.
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