Thomas Huber ist einer der bekanntesten Extrem-Kletterer der Welt. Zusammen mit seinem Bruder Alexander bildet er das berühmte Kletter-Duo „Huber-Buam“. Nach dem tödlichen Unfall von Laura Dahlmeier (†31) in Pakistan war der 59-Jährige im vergangen Jahr beim Versuch einer Bergung im Karakorum-Gebirge dabei.

Seine Liebe für die Berge hat Huber an seinen Sohn Elias vererbt. Doch der 26-Jährige klettert sie nicht herauf, sondern fährt sie mit dem Snowboard herunter. Im Parallel-Riesenslalom bei den Olympischen Spielen schaffte er es bis ins Achtelfinale.

WELT: Wie war es, ihren Sohn bei den Olympischen Spielen starten zu sehen?

Thomas Huber: Ich kann gar nicht mal sagen, wie viel Herzklopfen ich hatte. Das war unfassbar. Als er da oben am Start war, habe ich habe gespürt, wie er am Gate stand. Ich habe gesagt: ‘Elias, jetzt geht gleich das Ding auf.‘ Ich musste dann wegschauen.

Elias Huber: Ich war relativ entspannt.

Thomas: Mein Herz ist so gegangen. Dann fährst du herunter und hast es um drei Hundertstel nicht geschafft, ins Viertelfinale zu kommen. Ich habe dich aber so gefeiert, weil du dich so gepusht hast, Fehler gemacht hast und so perfekt gefahren bist. Deswegen sage ich: Der 13. Platz ist nur eine Zahl, aber für mich hast du gewonnen.

WELT: Fehler machen und perfekt fahren, passt das überhaupt zusammen?

Thomas: Und wie. Jeder Fehler ist ein Geschenk. Es ist ein Geschenk, wenn du es annimmst, es erkennst, dich neu aufstellst und reflektierst. Ich habe so viele Fehler gemacht. Ich bin so oft verletzt gewesen. Und jeder Rückschritt ist eigentlich ein Schritt nach vorn für mich gewesen auf meinem Weg als Bergsteiger.

WELT: Das wird nicht jeder so sehen.

Thomas: Leider ja, die Fehler-Kultur in Deutschland ist furchtbar.

Elias: Bei uns im Sport bessert es sich. Mir kommt es so vor, dass es bei uns im Team schon immer gut aufgearbeitet wurde. Wir haben vor dem Rennen gewusst, wo wir stehen. Wir haben jetzt nicht die Medaille gemacht, aber es passt, weil wir wissen, was wir können. Es funktioniert einfach nicht immer. Sportler scheitern manchmal einfach an den gesteckten Zielen.

Thomas: Scheitern ist so ein typisch deutsches Wort. Es wird immer so negativ hingestellt.

WELT: Welche Wortwahl wäre ihnen lieber?

Thomas: Gehen wir doch endlich mal dahin, dass, wenn man nicht das Ziel erreicht, trotzdem auf dem Weg zum Gipfel ist. Man wird immer wieder mal ein wenig zurücksteigen. Und das ist das, was ich beim Bergsteigen eigentlich gelernt habe. Es heißt nicht immer, ganz oben zu stehen – als Mensch und als Bergsteiger. Das Wichtige ist, dass man was zum Lachen hat, dass man Spaß hat, dass man Feuer in sich trägt. Den Pokal und die Medaille kannst du nicht immer und überall mitnehmen.

WELT: Für diese Einstellung braucht es Selbstbewusstsein und mentale Stärke. Kann man das lernen?

Elias: Definitiv. Ich war früher immer brutal nervös vor den Rennen. Meine Teamkollegin Ramona Hofmeister hat von Natur aus keine Prüfungsangst gehabt. Sie ist immer richtig cool und bei den Rennen nicht aufgeregt. Ich war schon als Kind immer brutal nervös bei den Rennen. Ich arbeite seit Jahren mit dem Sportpsychologen Tom Kossak zusammen. Mit ihm habe ich mir einfach erarbeitet, dass ich mental stärker bin, weil das der größte Baustein ist, ob du besser und erfolgreich wirst.

Thomas: Elias ist mein Sohn, ich habe wahrscheinlich etwas vererbt. Ich war als Jugendlicher extrem nervös und hatte Prüfungsangst. Auch meine ersten Vorträge, die ich dann als freischaffender Künstler, als Bergsteiger gemacht habe, da hatte ich Herzklopfen, das kann man sich gar nicht vorstellen. Jetzt habe ich genau mein Defizit zur Stärke gemacht, weil ich eines gelernt habe.

WELT: Erzählen Sie.

Thomas: Man muss den Mut haben, den ersten Schritt zu machen. Angst ist keine Schwäche. Wenn ich auf die Bühne gehe und vor mir sitzen tausend Leute, dann sage ich einfach nur Servus und grüß euch miteinander. Mich freut es, dass ich bei euch bin. Mit dieser Freude, die dann überschwappt, kann nichts mehr schiefgehen. Vor einem riesigen Berg habe ich mir auch immer gesagt: Dieser ist noch nie mit einem Schritt bestiegen worden, sondern Schritt für Schritt. Dann bist du im System drin und dann läuft alles von selbst. Auch Elias sollte nie den ganzen Lauf sehen.

Elias: Das hat Papa gut zusammengefasst. Ich hatte eine Phase, in der ich versucht habe, die Rennen herunterzubringen und bloß keinen Fehler zu machen. Da bin ich am Start ängstlich geworden, weil ich ja nichts falsch machen wollte. Das habe ich für mich jetzt umgelegt. Ich akzeptiere, dass ich nervös bin. Ich vertraue meinem Können und mir. Dann starte ich in die Rennen und achte nacheinander auf die Sachen, die wichtig sind – dann wird alles gut.

WELT: Ist es so einfach, den Druck und Erwartungen auszublenden?

Thomas: Ich habe ein Projekt mit meinem Bruder gemacht, das uns berühmt gemacht hat. Der Dokumentarfilm „Am Limit“, der unseren Speed-Rekordversuch an der Route „The Nose“ begleitet hat.

WELT: Am weltberühmten Felsen „El Capitan“ im Yosemite Nationalpark

Thomas: Genau. Vorher haben wir über zehn Jahre das Klettern am El Capitan mit unseren Freikletter-Linien geprägt. Da durften wir eine Freiheit leben, die unfassbar war. Da gab es keinen Erwartungsdruck, nichts. Wir sind hingefahren, wir waren Rebellen, wir waren die „Stone-Monkeys“ und wir waren unzerstörbar.

WELT: Und was passierte dann?

Thomas: Dann kam ein Regisseur, der ein Drehbuch geschrieben hat. Auf einmal gab es Erwartungsdruck. Die Freiheit war weg. Aber das war ein perfektes Learning. Ich wusste, dass ich es schaffen muss, meine Freiheit in offizielle Geschichten zu transferieren. Ich habe es geschafft. Das ist bei den Olympia-Athleten hier nicht anders. Der Erwartungsdruck ist so groß.

Elias: Wir haben jetzt keine Medaille gewonnen, aber es passt, weil wir wissen, wo wir stehen, was wir können und welche Stellschrauben zu drehen sind.

Thomas: Ich habe ihm gesagt, dass die Sonne am nächsten Tag genauso aufgeht, wenn er es nicht schafft.

Stephan Flohr berichtet zwar auch über Fußball, aber zwischen Oktober und April über die beste Sportart der Welt: Eishockey – und zurzeit über die komplette olympische Wintersportwelt. Er ist bei den Winterspielen 2026 vor Ort in Cortina. Als er zum Interview auf der Berghütte ankam, fühlte er sich wie nach einem Marathon.

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