Sie hat es tatsächlich geschafft – aber ihr Gesichtsausdruck verspricht nichts Gutes. Lindsey Vonn ist angekommen an ihrem eigentlichen Sehnsuchtsort Cortina d’Ampezzo. Keine Skirennfahrerin hat hier mehr Weltcuprennen gewonnen als die US-Amerikanerin – und keine steht in dieser Saison so sehr im Fokus wie die 41-Jährige, die mit ihrem Comeback entzückt und verblüfft hat. Die aber vor vier Tagen stürzte, sodass sich die Sportwelt fragte: War es das? Aus der Traum vom olympischen Happy-End? Nun sitzt sie im Pressezentrum unweit der olympischen Abfahrtsstrecke, schaut ernst, kein Lächeln in ihrem Gesicht.

Dann sagt sie: „Ich habe mir das Kreuzband gerissen.“ Stille im Raum. Vonn redet weiter, zählt andere Verletzungen auf. Dann aber sagt sie: „So lange es eine Chance gibt, werde ich es versuchen. Ich lasse mir das nicht entgehen, ich lasse mir diese Chance nicht nehmen. Ich muss Hoffnung haben und der Welt zeigen, was Amerika ist. Die USA sind mehr als das, was gerade passiert. Es ist ein Privileg hier zu sein. Ich will die Menschen zu Hause stolz machen.“

Vonn liefert ab: Drama, Emotionen, der große Kampf. Dass sie so kurz vor den Spielen stürzte und ihr Olympiastart in Gefahr geriet – es passt zu ihrer Vita. Es ist der Traum vom goldenen oder zumindest mit olympischem Edelmetall dekorierten Karriereende, der sie vor einem Jahr zum Comeback nach fünfeinhalb Jahren getrieben hatte. Dazu der Wunsch nach einem Abtritt, bei dem sie die Bühne nicht – wie 2019 geschehen – humpelnd, unter Schmerzen und gezwungenermaßen verlässt. Donnerstag nun wird sie im Training testen, Sonntag steht bereits die Abfahrt der Frauen auf dem olympischen Programm. „Ich habe niemals erwartet hier zu sein“, sagt sie an diesem Dienstag in Cortina. „Ich bin zwar nicht in der Verfassung hier, die ich erhofft hatte. Aber ich bin hier. Ich werde kämpfen.“

Vonn zieht die Höhen und Tiefen an, und die Aufmerksamkeit auf sich – hier bei der Pressekonferenz in einem überfüllten Raum, knapp 20 Jahre während ihrer ersten Karriere mit 82 Weltcupsiegen sowie vielen Rückschlägen und dann mit ihrer Rückkehr im Dezember 2024. Sie schien auf bestem Weg nach Cortina, war und ist der unumstrittene Superstar der Winterwelt.

Sturz und mit dem Helikopter ins Krankenhaus

Dann aber das: Vergangenen Freitag stürzte sie bei schwierigen Bedingungen im schweizerischen Crans-Montana und rauschte in ein Fangnetz. Zuvor hatte es schon andere Athletinnen erwischt. Vonn fuhr dann zwar auf Skiern ins Ziel, wurde anschließend aber per Helikopter ins Krankenhaus gebracht. Sie sei am linken Knie verletzt, teilte sie später am Tag mit, ließ aber offen, wie schwer. Die Teilprothese, die ihr ein Comeback überhaupt ermöglicht hatte, ist rechts.

Nun also steht fest: Lindsey Vonn wird es versuchen. Irgendwie. Auf der berühmten Piste Olimpia delle Tofane, wo sie zwölfmal siegte, will sie den Traum von einem besseren Karriereende als 2019 realisieren – es ist ihr längst gelungen: erst das erstaunliche Comeback. Dann der Sturz. Jetzt dieser Auftritt bei der Pressekonferenz. Vonn verkörpert Kampfgeist, Willen und Leidenschaft pur.

Und sie hat ja reichlich Erfahrung mit Rückschlägen. „Das ist nicht mein erstes Rodeo. Ich kenne meinen Körper sehr gut, ich habe großes Vertrauen in mich und meinen Körper“, sagt die 41-Jährige. Aktuell habe sie keine Schmerzen. „Direkt nach dem Crash tat es weh. Ich habe gemerkt, dass da was ist, aber ich habe nicht geweint“, sagt sie. „Ich werde hier mein Bestes geben. Ich muss es Schritt für Schritt angehen. Aber: Ich werde am Start stehen. Das wird das beste Comeback werden, auf jeden Fall das dramatischste.“

Und dann, angesprochen auf Erich Sailer, kommen ihr Tränen. Ihr Mentor, ihr früherer Trainer. Er starb im August im Alter von 99 Jahren. „Ich weiß, dass er bei mir ist“, sagt sie. „Erich würde sagen: Es sind nur 90 Sekunden.“

Melanie Haack ist Sport-Redakteurin und bei den Olympischen Winterspielen von Mailand/Cortina bereits vor Ort. Für WELT berichtet sie seit 2011 über olympischen Sport, extreme Ausdauer-Abenteuer sowie über Fitness & Gesundheit. Hier finden Sie alle ihre Artikel.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke