Seinen Ruhrpott-Rivalen FC Schalke 04 hat der Traditionsklub in eine kleine Krise geschossen. Das 2:0 des VfL Bochum an diesem Wochenende war für den Aufstiegsanwärter Nummer eins aus Gelsenkirchen das vierte sieglose Spiel in Serie. Der Hype um Star-Zugang Edin Dzeko hat bisher nicht für den erhofften Schub im Rennen um die Fußball-Bundesliga gesorgt.

Die Bochumer belegen nach diesem 20. Spieltag der zweiten Liga den achten Tabellenplatz. Der 27-jährige Mittelfeldprofi Moritz-Broni Kwarteng spielt seit 2023 für den VfL, zuvor stand er unter anderem beim 1. FC Magdeburg und dem Hamburger SV unter Vertrag.

Frage: Herr Kwarteng, Sie kommen aus Stuttgart, sind in Bad Cannstatt geboren. Jetzt leben Sie im Pott. Wie sind die Erinnerungen an die Heimat?

Moritz-Broni Kwarteng: Ich liebe meine Gegend, bin in meiner Heimat immer noch verwurzelt. Ich freue mich immer, wenn ich Leute oder Weggefährten getroffen habe, die mich in einer Lebensphase begleitet haben. Bei meinem ersten Spiel gegen den VfB Stuttgart habe ich einige Karten organisiert. Da kam mein Grundschullehrer, meine Lehrerin aus der 7. Klasse, ehemalige Mitschüler. Ich liebe meine Heimat und ich liebe alles, was noch da ist, als mein Weg begonnen hat.

Frage: Haben Sie Ihr fußballerisches Talent aus der Familie?

Kwarteng: Nein, das glaube ich nicht. Ich habe noch nie ein Eins-gegen-Eins gegen meine Mutter gespielt (lacht). Mein Vater hat auch nie professionell Fußball gespielt. Ich habe – wie die meisten Jungs – auch einfach gegen den Ball getreten. Ich war nicht ganz so schlecht und dann kam eins zum anderen. Es gab dann auch Zeiten für mich, da war der Fußball wichtiger als alles andere. Da muss ich gestehen, dass ich auch mal lieber auf dem Bolzplatz war, als um 9.30 Uhr die Schulbank zu drücken. Ich war Tag und Nacht auf dem Sportplatz.

Frage: Zu der Zeit wurden Sie vermutlich von ihren Eltern Woche für Woche gefahren.

Kwarteng: Das hat mein Vater übernommen. Er war immer dabei. Erst lokal im Kreis Stuttgart, dann aber auch überregional. Er ist quasi mein größter Fan. Ich habe eine sehr gute Beziehung zu meinen Eltern und spreche fast täglich mit ihnen. Ich habe selbst mittlerweile Kinder, deshalb geht es nicht jeden Tag.

Frage: Wird am Familientisch auch über Verträge und den nächsten Schritt gesprochen?

Kwarteng: Nein, das hat meinen Vater noch nie interessiert. Für ihn ist nur wichtig, dass ich glücklich bin, den Mut und den Glauben, auch in schwierigeren Zeiten, nicht verliere. Egal, wo und wann ich Fußball gespielt habe, für ihn war es einfach schön, mir zuzusehen. Ich bin dafür sehr dankbar, denn ich bin mit Freunden aufgewachsen, wo es nicht so war, die viel Druck bekommen haben. Dort war der Traum Fußballprofi bei den Eltern größer als bei den Kindern.

Frage: Bei Ihnen hat es geklappt.

Kwarteng: Ja, aber es war nicht immer leicht und erst recht nicht selbstverständlich. Ich bin keinen Musterweg gegangen und bin nicht direkt nach der U19 Profi geworden. Auf meinem Weg haben mich viele Menschen begleitet. Dafür bin ich nach wie vor sehr dankbar. Um ehrlich zu sein: Als ich mit Fußball angefangen habe (beim ASV Botnang, ein Verein aus Stuttgart, d. Red.), war es die schönste Zeit.

Frage: Warum?

Kwarteng: Wenn du auf dem Platz stehst, geht es nur noch um den Fußball. Alles drumherum existiert nicht mehr. Da wird mir vermutlich jeder Fußballer recht geben. Da fließen dann viele Mechanismen mit rein, wenn du erwachsen wirst. Fußball ist dann nicht nur Spaß, sondern auch dein Beruf. Ich bin dafür unendlich dankbar, aber es ist eine lange Reise. Die ist dann am schönsten, wenn es nur um die eine Sache geht: Fußball. Mein Traum war es nie, viel Geld zu verdienen, sondern Fußball zu spielen. Ich bin sehr froh, dass ich diesen Weg weitergehen kann.

Frage: Sie sind verhältnismäßig jung Vater geworden. Wie hat sich das auf Sie ausgewirkt?

Kwarteng: Als meine erste Tochter auf die Welt kam, bin ich gerade zum VfL gewechselt. Ein Umzug stand an, ich hatte noch keine vernünftige Unterkunft, war verletzt, hatte wenig Struktur und viel Stress. Meine Frau hat mir in dieser Zeit viel Rückenwind gegeben, ohne sie hätte ich das nicht geschafft. Und dann kam die neue Rolle als Vater. Ich war immer Kind und musste jetzt einem Kind gerecht werden. Da verändert sich das Leben und es war nicht immer leicht. Vater zu sein, ist für mich das Schönste auf der Welt. Ich liebe meine Familie, meine Kinder, meine Frau. Solange Liebe da ist, gibt es auch immer einen Weg.

Frage: Sie haben viele Tattoos auf Ihrem Körper. Haben die alle eine Bedeutung?

Kwarteng: Ich wollte schon von klein auf Tattoos haben. Jedes hat auch eine Bedeutung. Das war mir wichtig. Heute würde ich es allerdings nicht mehr machen. Jetzt sind sie aber da und ein Teil meines Körpers.

Frage: Weshalb?

Kwarteng: Der Grund ist mein christlicher Glaube. Die Bibel besagt, dass mein Körper ein Tempel des Heiligen Geistes ist. Ich bin gut geboren und so erschaffen worden, wie ich bin. Darum brauche ich keine Tattoos, die mich verändern. Das soll auf keinen Fall heißen, dass es schlimm ist, Tattoos zu haben. Ich würde es aber einfach nicht mehr für notwendig erachten und mein Blick darauf hat sich verändert.

Frage: Die Tattoos sind also vor Ihrem Glauben gekommen. Wie hat sich das bei Ihnen entwickelt?

Kwarteng: Wenn du nur Fußball im Kopf hast, deine Pläne nicht aufgehen, und du deinen Zielen hinterherläufst, stellt sich die Frage, was das mit dir macht. Es gibt viele Phasen im Leben, wo du gefühlt in einer Sackgasse steckst. Wir neigen dazu, uns über unsere Leistungen zu definieren. Was machst du, wenn du das aber nicht schaffst? Wohin mit dir? Das hat mich zum Glauben geführt. Durch Verzweiflung.

Frage: Damit geht jeder anders um, keine Frage. Sind Gott und die Bibel dann so etwas wie Ihr Psychologe?

Kwarteng: Auf jeden Fall! Das steht für mich an erster Stelle. Das hat mir den Frieden gegeben, den ich gebraucht habe. Wenn du feststeckst, kann sich das auf deine Psyche auswirken. Es gibt so viele Einflüsse, die dafür sorgen, dass man Ziele nicht erreicht. So war es bei mir in den vergangenen zweieinhalb Jahren. Ich habe ein paar Dinge nicht verstanden und habe mich dann an den Glauben geklammert. Das hat geholfen. Ich habe Frieden, obwohl nicht alles perfekt laufen wird.

Constantin Klemm ist seit Januar 2025 Volontär in Team 37 an der Axel Springer Academy of journalism & technology. Im Rahmen des Volontariats ist er aktuell Reporter im Ruhrgebiet mit den Schwerpunkten FC Schalke 04 und VfL Bochum.

Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) geführt und zuerst in „Bild“ veröffentlicht.

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