Die historische Tat feierten die deutschen Handballer mit einem kleinen Tänzchen auf dem Parkett. Zum ersten Mal seit zehn Jahren hatten sie gerade ein Finale bei einer Europameisterschaft erreicht – und dies sollte mit einem hüpfenden Jubelkreis der Spieler am Freitagabend in der Jyske Bank Boxen von Herning nun entsprechend zelebriert werden. Sie hatten es sich verdient, die Wartezeit war schließlich lang genug gewesen.
„Ich bin stolz auf jeden Einzelnen, der heute seinen Teil dazu beigetragen hat“, sagte Kapitän Johannes Golla nach dem 31:28 (17:15) über Kroatien. „Nach hinten raus wurde es ein bisschen zittrig. Da wurde es ein bisschen nervöser, als es hätte sein müssen. Aber das ist ja auch klar: Für die Kroaten ging es auch um alles. Wir wissen, dass die nicht aufhören werden, bevor das Spiel abgepfiffen wird“, so der Kreisläufer der deutschen Auswahl. „Jetzt sind wir im Finale – wer hätte das gedacht? Wir haben uns fest vorgenommen, dass wir nicht nur Gast im Finale sein wollen. Wir wissen nicht, wie oft es diese Chance überhaupt noch für uns geben wird. Wir wollen das ein bisschen besser angehen und hoffen, dass wir besser aussehen als beim letzten Finale, das wir gespielt haben.“
Golla sprach damit die demoralisierende Lehrstunde gegen Dänemark im Finale während der Olympischen Spiele 2024 an. Seinerzeit hatte es ein 26:39 aus deutscher Sicht gesetzt. Im Gegensatz zum Kapitän war Franz Semper damals nicht dabei – vielleicht gab er deshalb eine etwas mutigere Marschroute als Golla aus. „Es ist noch nicht zu Ende. Wir können uns heute wirklich freuen, aber ab morgen geht die Vorbereitung auf das Finale los. Ein Finale spielt man, um zu gewinnen, da ist es scheißegal, wer der Gegner ist“, so der Halbrechte.
Das nach dem Spielschluss zu sehende Bild der feiernden deutschen Handballer dokumentierte nicht nur eine ausufernde Freude auf dem Feld, sondern inzwischen auch eine große Widerstandsfähigkeit. Und das ist neu im Portfolio der Spieler von Bundestrainer Alfred Gislason. Wenn Druck und Erwartungshaltung extrem hoch sind, bricht diese Mannschaft nicht mehr ein, sondern zeigt sich mit der Resilienz eines Spitzenklasseteams behaftet. Das war bei der Europameisterschaft in vielen Spielen zu beobachten.
Deutschland stand vor Blamage für die Geschichtsbücher
Nach der überraschenden 27:30-Niederlage im zweiten Turnierspiel gegen Serbien drohte der Mannschaft eine Blamage von historischem Ausmaß. Nie zuvor war eine deutsche Auswahl in der Vorrunde einer EM gescheitert – und genau jenes Szenario stand Golla und Co. bevor. Doch sie blieben in der folgenden Partie gegen Spanien abgeklärt und zogen dank des 34:32-Erfolges sogar mit 2:0 Punkten in die Hauptrunde ein.
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Dort wiederholte sich jene Tugend des Teams. Nach zwei Siegen gegen Portugal und Norwegen hätte bereits ein Erfolg über Dänemark gereicht, um das Halbfinale zu erreichen. Den gab es gegen die Überflieger der Branche zwar nicht, am Ende hieß es 26:31. Doch anschließend lieferte die Mannschaft von Gislason ab, als es drauf ankam. Mehr noch: Das 38:34 über den Titelverteidiger Frankreich war das mit Abstand beste Spiel der deutschen Auswahl im Turnierverlauf und machte den Weg frei in die Vorschlussrunde. Zudem war es ein extremes Statement in eigener Sache an den Welthandball: Hier wächst gerade eine Truppe heran, die bei den künftigen Titelvergaben ein gehöriges Wort wird mitsprechen können.
Druck war in der Vergangenheit oft zu hoch
Jene Tugend ist neu. Bislang war die deutsche Auswahl allzu oft an dem Druck gescheitert, der in „Alles-oder-nichts-Spielen“ vorherrscht. Bei der WM vor einem Jahr scheiterte das Team trotz einer Weltklasseleistung von Torhüter Andreas Wolff im Viertelfinale an Portugal: 30:31 hieß es nach Verlängerung. Im Jahr zuvor war das Scheitern auf der Zielgeraden noch dramatischer: Zwar hatte das Team bei der Europameisterschaft im eigenen Land das Halbfinale erreicht, um am Ende aber mal wieder mit Blech abzuschließen: Im Halbfinale unterlag man Dänemark mit 26:29, im Spiel um Platz drei Schweden mit 31:34.
Eine Ausnahme bildeten bei den großen internationalen Turnieren der jüngeren Vergangenheit nur die Olympischen Spiele in Frankreich. Dort gewannen die Mannen von Gislason ein schon verloren geglaubtes Spiel noch: Sechs Sekunden vor Schluss lagen sie mit einem Tor gegen Frankreich zurück. Beim folgenden Anwurf der Hausherren aber unterlief Superstar Dika Mem ein Fehler, den man sonst so nur in der Kreisklasse sieht: Er warf den Pass in die Arme von Julian Köster, der wiederum geistesgegenwärtig Renars Uscins bediente, der dann mit der Schlusssirene im Fallen den Ausgleich erzielte. In der Verlängerung schließlich siegten die Deutschen mit 35:34. Die Partie ging als „Wunder von Lille“ in die Geschichte der Sportart ein. Vier Tage später gewann die Mannschaft Silber.
Jene Medaillenfarbe, die sie nun eineinhalb Jahre nach dem Coup auch schon bei der EM sicher hat. Und vielleicht ja sogar noch mehr …
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