Es war ein ziemlich riskanter Poker, den Alfred Gislason in der Jyske Bank Boxen von Herning spielte: Weltklassetorwart Andreas Wolff nur auf der Bank, die beiden etatmäßigen Außen Lukas Mertens und Lukas Zerbe nicht einmal im Kader. Nicht wenige wähnten darin ein Zeichen an den Gegner, aber auch an die eigene Mannschaft – getreu dem Motto: Gegen die Überflieger aus Dänemark haben wir ohnehin kaum eine Chance, lieber Kräfte schonen für die wirklich wegweisende Partie.

Keine 44 Stunden nach dem 26:31 (12:13) gegen den Gastgeber der Handball-Europameisterschaft durfte sich der Bundestrainer in seinen Personalrochaden bestätigt fühlen. Den zweiten Matchball nutzte die deutsche Auswahl, bezwang am Mittwochabend Titelverteidiger Frankreich mit 38:34 (19:15) und hat nun die Teilnahme am Halbfinale der kontinentalen Titelkämpfe sicher.

„Ich bin sehr froh und erleichtert, dass wir das geschafft haben“, sagte Gislason nach der Partie. „Eine Riesenleistung der Mannschaft. Die Mannschaft ist in diesen Wochen sehr gewachsen. Die Breite ist ohne Frage deutlich größer als sie vor einem Jahr war. Jeder hat seinen Platz gefunden und bringt seine Leistung. Alle haben heute ein gutes Spiel gemacht.“

Ein Erfolg, der neben besagtem Zocken in der Tat auch in der vom Bundestrainer angesprochenen Kaderbreite der deutschen Mannschaft zu dokumentieren ist. 18 Spieler sind am 13. Januar nach Dänemark aufgebrochen, und auch wenn nur jeweils 16 pro Partie eingesetzt werden dürfen, kamen bislang alle Profis zu ihren Minuten. Bei Begegnungen im Zwei-Tages-Rhythmus ist dies mehr als wichtig, was sich auch am medizinischen Bulletin aus dem Tross der Deutschen ablesen lässt: Bis auf ein paar kleinere Blessuren ist das Team um Kapitän Johannes Golla verletzungsfrei durch das Turnier gekommen.

„Wichtige Alternativen“

Mehr noch: Einige der EM-Debütanten konnten die große internationale Bühne nutzen und sind inzwischen veritable Alternativen auf hohem Niveau geworden: Tom Kiesler, der am Mittwoch mit einer Magen-Darm-Grippe passen musste, etablierte sich ansonsten in den sechs vorherigen Partien der Titetkämpfe als zweiter Abwehrchef neben dem gesetzten Golla.

Auch ein anderer EM-Neuling setzte immer wieder wichtige Akzente, wenn er auf die Platte kam: Miro Schluroff beeindruckte die Gegner mit seiner Wurfkraft aus dem Rückraum. Mit 134,28 km/h führt er die Rangliste der härtesten Würfe bei den kontinentalen Titelkämpfen an und ist zudem ein wichtiger Joker für die beiden Positionen im linken und rechten Rückraum geworden. „Mit den beiden haben wir wichtige Alternativen“, meinte Gislason über das Duo vom VfL Gummersbach. Und Schluroff kündigte nach dem Coup über Frankreich gar euphorisch an: „Möglich ist alles. Jetzt sind wir im Halbfinale, und wir wollen Europameister werden. Ich glaube, mehr muss man nicht sagen.“

Auch andere Spieler aus der zweiten Reihe des breit besetzten Kaders etablierten sich im hohen Norden als wichtige Alternativen im Ensemble des Bundestrainers. Nils Lichtlein vom deutschen Meister Füchse Berlin lenkte als Mittelmann oft klug das Spiel der Deutschen und war auch daher extrem wichtig, weil sich der Star auf der Position lange auf fortgesetzter Formsuche befand: Juri Knorr.

Abonnieren Sie WELTMeister bei Spotify, Apple Podcasts oder direkt per RSS-Feed.

Gegen Frankreich aber zeigte der Mittelmann mit zehn Toren endlich sein riesiges Potenzial und wurde hinterher folgerichtig zum „Man of the Match“ gewählt. „Phänomenal“, beschrieb Gislason Knorrs Leistung. „Das war das beste Länderspiel, das ich je von ihm gesehen habe.“ Dass Lichtlein zuvor Knorr nahtlos ohne Leistungseinbußen ersetzen konnte, ist ein weiterer Beleg für die Stärke als auch die Breite des deutschen EM-Kaders.

Wechsel ohne wesentlichen Substanzverlust sind auch zwischen den beiden Kreisläufern Golla und Justus Fischer möglich. Der U21-Weltmeister von 2023 hat einen riesigen Sprung gemacht und ist sowohl in der Abwehr als auch im Angriff eine entlastende Alternative für Golla geworden. Mit 105 Kilogramm Körpergewicht ist er zwar nicht ganz in den Regionen des Kapitäns unterwegs, der es auf 112 Kilogramm bringt. Aber Fischer ist genauso ein Hüne – und damit bestens prädestiniert für eine Anführerrolle.

Mit einem breiten Kader und einer ebenso breiten Brust geht es nun am Freitag in die achte Partie binnen 16 Tagen. Dort wartet dann der WM-Zweiten von 2025: Kroatien. „Wir haben die so genannte Todesgruppe überstanden, um jetzt gegen den Vizeweltmeister spielen zu dürfen“, sagte Torhüter Andreas Wolff. „Eine Mannschaft, die uns in den letzten Jahren immer wieder Probleme bereitet hat. Die Kroaten sind eine Mannschaft, die von den Emotionen lebt und insbesondere in Turnieren immer wieder über sich hinauswächst. Sie werden mit physischer Dominanz antreten.“

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke