Magdalena Neuner zählt zu den erfolgreichsten deutschen Wintersportlerinnen der Geschichte. Die ehemalige Biathletin gewann zwischen 2007 und 2012 zwölf WM-Titel, zwei olympische Goldmedaillen (2010) und dreimal den Gesamtweltcup. Bekannt war sie für ihre enorme Laufstärke – und dafür, trotz Schießrisiken Rennen zu dominieren. Mit nur 25 Jahren beendete die Oberbayerin überraschend ihre Karriere und zog sich bewusst aus dem Leistungssport zurück. Bis heute gilt die 38-Jährige als Ausnahmeathletin und Publikumsliebling. Sie ist verheiratet und Mutter einer Tochter und zweier Söhne.
Frage: Frau Neuner, Sie traten 2012 mit zwölf WM-Titeln und zwei olympischen Goldmedaillen zurück. Wie halten Sie sich heute fit?
Magdalena Neuner: Ich stehe nicht mehr regelmäßig auf Skiern, aber Bewegung ist weiterhin Teil meines Lebens. Sport, Alltag und Familie halten mich auf Trab – meine Kinder sorgen ganz automatisch dafür, dass es nie langweilig wird.
Frage: Wie hat sich Biathlon seit Ihrem Karriereende verändert?
Neuner: Das Niveau ist insgesamt noch einmal gestiegen. Die Laufleistungen sind dichter beisammen, das Schießen ist schneller und risikoreicher geworden. Die Athletinnen und Athleten gehen heute offensiver an den Schießstand, was den Sport spektakulärer macht – aber auch fehleranfälliger.
Frage: Es ist die erste Saison seit dem tragischen Tod von Laura Dahlmeier. Wie bleibt sie Ihnen in Erinnerung?
Neuner: Laura fehlt – sportlich wie menschlich. Sie war eine Athletin, die Rennen geprägt hat und eine enorme Ausstrahlung hatte. In Erinnerung bleibt sie mir als extrem fokussiert, mutig, klar und gleichzeitig bodenständig. Sie hat Maßstäbe gesetzt. Und sie war einfach ein herzlicher und mutiger Mensch, der ganz genau wusste, was er will im Leben und sich von nichts und niemandem verbiegen ließ.
Frage: Deutschlands größte Medaillenhoffnung bei Olympia in Antholz ist Weltmeisterin Franziska Preuß. Ist der Knoten durch das WM-Gold geplatzt?
Neuner: Franziska traue ich bei Olympia sehr viel zu – bis hin zu Medaillen. Das WM-Gold 2025 war aus meiner Sicht ein ganz wichtiger Moment. Solche Erfolge können tatsächlich einen mentalen Knoten lösen, weil man spürt: Ich kann es, auch, wenn es zählt.
Frage: Was sind ihre Stärken?
Neuner: Sie zeichnet vor allem ihre Konstanz, ihre mentale Stärke und ihre Professionalität aus. Sie hat über Jahre Rückschläge weggesteckt und ist immer wieder zurückgekommen – das ist eine Qualität, die bei Großereignissen extrem wichtig ist.
Frage: Preuß spielt mit dem Gedanken aufzuhören. Wann wussten Sie damals, dass Sie nach der WM 2012 in Ruhpolding aufhören würden?
Neuner: Bei mir war das ein Prozess. Ich habe schon lange vor meinem Karriereende gespürt, dass ein Kapitel zu Ende geht. Ruhpolding war emotional ein Höhepunkt, und mir war klar: Es wird nicht mehr größer, nicht mehr intensiver. Ich wollte aufhören, solange ich noch bei mir bin, mit Freude, Stolz und ohne Bitterkeit.
Frage: Janina Hettich-Walz wurde im Februar 2025 Mutter von Tochter Karlotta. Jetzt startet sie bei Olympia. Sie kennen das Mutterdasein, allerdings erst nach der Karriere. Haben Sie einen Ratschlag?
Neuner: Ich habe großen Respekt vor Janinas Weg. Leistungssport und Muttersein zu verbinden, ist eine enorme Herausforderung – körperlich, emotional und organisatorisch. Ich traue ihr absolut zu, im Weltcup wieder starke Ergebnisse zu erzielen, wenn sie sich Zeit gibt. Mein Rat wäre: Geduld mit sich selbst, klare Prioritäten und keine Vergleiche. Jeder Weg ist individuell – und Muttersein kann auch eine neue innere Stärke freisetzen.
Frage: Die neue deutsche Generation bilden Selina Grotian und Julia Tannheimer. Welche Fehler sollten sie vermeiden?
Neuner: Beide haben riesiges Potenzial. Ich würde ihnen raten, sich Zeit zu lassen und nicht zu früh alles gewinnen zu wollen. Der größte Fehler wäre, sich zu sehr über Ergebnisse zu definieren oder sich von außen treiben zu lassen. Wichtig ist, bei sich zu bleiben, den eigenen Stil zu entwickeln und langfristig zu denken – nicht jede Saison ist eine Titel-Saison.
Frage: Wie viele Medaillen trauen Sie den deutschen Frauen und Männern bei Olympia zu?
Neuner: Ich traue dem deutschen Team mehrere Medaillen zu, sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern. Entscheidend wird die Konstanz im Schießen unter Druck sein und die Fähigkeit, an den entscheidenden Tagen die Leistung abzurufen. Olympia verzeiht keine halben Rennen – da muss alles zusammenpassen.
Frage: Für viele der heutigen Generation sind Sie das Vorbild. Wer war es bei Ihnen?
Neuner: Ich hatte mehrere Vorbilder. Magdalena Forsberg, Martina Glagow, Uschi Disl und einige mehr. Mich haben unterschiedliche Persönlichkeiten inspiriert. Ich wurde oft mit einem meiner Vorbilder verglichen, aber am Ende war mir immer wichtig, authentisch zu bleiben und nicht eine Kopie von jemand anderem zu sein.
Frage: Sie wurden selbst zum Biathlon-Star, waren das Gesicht der Sportart. Gab es Momente, in denen Sie überfordert waren?
Neuner: Ja, die gab es. Vor allem in Phasen mit extremem medialem Druck und hohen Erwartungen.
Frage: Und welche haben Sie besonders genossen?
Neuner: Besonders genossen habe ich die Momente, in denen alles aufgegangen ist – wenn harte Arbeit, Vertrauen und Leistung zusammengepasst haben.
Frage: Sie sind immer noch ein prominentes Werbegesicht. Für viele Athleten scheint die Sponsoren-Suche schwieriger geworden zu sein.
Neuner: Die Lage ist definitiv herausfordernder geworden. Der Markt ist härter, die Anforderungen an Athletinnen und Athleten sind gestiegen. Heute reicht sportlicher Erfolg allein oft nicht mehr – Sichtbarkeit, Persönlichkeit und Werte spielen eine größere Rolle. Das ist Chance und Belastung zugleich. Gerade deshalb halte ich es für enorm wichtig, dass es die Stiftung Deutsche Sporthilfe gibt, die eine verlässliche Basis für Athletinnen und Athleten schafft. Ich wurde selbst neun Jahre von der Sporthilfe gefördert und bin Teil der aktuellen Sporthilfe-Spendenkampagne „#wirgehenweiter“.
Frage: Sollte der Bund die Sporthilfe stärker finanziell unterstützen, damit diese Athleten noch stärker fördern kann?
Neuner: Ja, aus meiner Sicht schon. Eine bessere Grundabsicherung gibt Athletinnen und Athleten Ruhe – und diese Ruhe braucht es, um Leistung zu bringen. Wer ständig Existenzängste hat, kann sein Potenzial nicht voll entfalten.
Frage: Was waren die Schlüssel, warum Sie damals als Jugendliche voll auf die Karte Biathlon setzen konnten?
Neuner: Ich hatte ein tolles, sicheres Umfeld, Menschen, die an mich geglaubt haben, und den Mut, meinen eigenen Weg zu gehen. Dazu kam eine klare innere Haltung und die Bereitschaft, Verantwortung für mein Leben zu übernehmen und mich weiterzuentwickeln – nicht nur für den Sport.
Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, SPORT BILD, BILD) erstellt und zuerst in SPORT BILD veröffentlicht.
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