Hinter Andreas Wolff (1,98 Meter) und David Späth (2,00 Meter) arbeitet bei den deutschen Handballern ein Mann, der weiß, wie man Weltklasseleute noch besser machen kann: Mattias Andersson, der Torwart-Flüsterer. Der Schwede hat große Titel gewonnen – Europameister 2000, Olympia-Silber 2012, Champions-League-Sieger als Spieler und später auch als Trainer. Heute ist er Torwart-Bundestrainer des Deutschen Handballbundes.

Andersson kennt das Spiel aus der Perspektive des Torhüters. „Im Tor sieht man andere Dinge, als ich sie von der Bank aus als Trainer sehe.“ Er weiß, wie sich Druck anfühlt, wie schnell ein Spiel kippt – und wie wichtig es ist, in diesen Momenten klar zu bleiben. Das klappte beim 26:31 am Montag gegen Top-Favorit Dänemark nicht oft genug. In dem Spiel stand Späth überraschend im Tor, der gegen Norwegen zuvor überragende Wolff musste lange zusehen – eine Entscheidung, die Kritik nach sich zog.

Im letzten EM-Hauptrundenspiel an diesem Mittwoch gegen Frankreich geht es um den Halbfinal-Einzug. Hier kommt es vor allem auf Wolff und Späth an. Andersson: „Wir haben zwei Weltklasse-­Torhüter. Wir brauchen beide in so einem Turnier.“

Größe könne im Tor helfen. Entscheidend sei sie nicht. Viel wichtiger ist für ihn die Positionierung. Andersson: „Wenn man falsch steht, hält man auch mit guter Technik keinen Ball.“ Und umgekehrt: „Wenn man richtig steht, kann man auch mit nicht perfekter Technik den Ball halten.“ Genau hier sieht Andersson den Kern des modernen Torwartspiels.

Wolff und Späth bekommen Videoclips mit Würfen der Gegner

Während der EM hat sich ein fester Rhythmus etabliert. Am Tag vor dem Spiel bekommen die Torhüter die USB-Sticks mit den Clips des kommenden Gegners. Darin sind die Würfe aller gegnerischen Spieler enthalten, Spiel für Spiel sortiert.

Am Matchday wird diese Analyse besprochen. Zuerst reden die Torhüter. „Ich frage zuerst, was sie gesehen haben.“ Erst danach ergänzt Andersson seine Beobachtungen. „Ich spiele nicht vor. Ich sage nicht, so läuft das.“ Er weiß, dass sich das Spiel in den vergangenen Jahren verändert hat, schneller geworden ist. Es gibt mehr freie Würfe, mehr Durchbrüche, mehr Abschlüsse aus schwierigen Winkeln. Am Vormittag nach dem Spiel folgt die Nachbereitung – dann beginnt diese Routine wieder von vorn.

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Während des Spiels schreibt Andersson fast durchgehend mit. Er notiert Wurfpositionen, Distanzen, wie frei der Schütze ist und wo der Ball im Tor landet. Dazu kommen Plus- und Minuspunkte, etwa für Positionierung oder Präsenz. „Es ist ein Unterschied, ob wir fünf Tore kassieren, und es sind zwei Gegenstöße und drei Siebenmeter. Oder ob es vier Rückraumwürfe und ein Außenwurf sind.“ Erst diese Einordnung zeigt, was wirklich passiert. Deshalb bewertet Andersson Torhüterleistungen nicht nach der reinen Anzahl der Paraden.

Diese Einschätzungen fließen in eine der wichtigsten Entscheidungen ein: Wer beginnt im Tor? Andersson gibt Bundestrainer Alfred Gislason stets eine klare Empfehlung. In den meisten Fällen beginnt dann auch genau dieser Torhüter. Andersson: „Die letzte Entscheidung liegt aber bei Alfred.“

Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, SPORT BILD, BILD) erstellt und zuerst in SPORT BILD veröffentlicht.

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