Wer Juri Knorr direkt nach den Spielen bei der Analyse verstehen will, muss ganz nah an den deutschen Regisseur herantreten und zudem noch ein gutes Gehör haben. Der 25-Jährige spricht zwar meist in druckreifen und klugen Sätzen, aber eben auch leise. Seine introvertierte und überlegte Art in den Mixed Zones dieser Welt steht dann oft in einem krassen Widerspruch zu seinen Auftritten auf dem Feld, wo er mit seiner Explosivität und seinem Spielideen regelmäßig aus sich herausgeht und ein äußerst wichtiger Faktor im Angriffsspiel der Handball-Nationalmannschaft ist.
Bei der aktuellen Europameisterschaft ist der Ausnahmespieler allerdings noch gar nicht in diese Rolle geschlüpft. Statt als kreativer Mittelmann das Spiel zu lenken, ist er zu einem Haderer in eigener Sache geworden, dem Mut und Selbstverständnis aus dem Feld fehlen. Das zieht sich bereits durch die gesamte EM und war auch beim 26:31 (12:13) am Montagabend vor 15.000 Fans in Herning gegen Gastgeber Dänemark zu sehen. Der Olympiazweite von 2024 erzielte nur einen Treffer aus vier Versuchen, fand mit seinen Pässen fast nie den Kreisläufer und war kein wesentlicher Faktor im Angriffsspiel der deutschen Auswahl.
Knorr, dieser begnadete Spieler, sucht nach seiner Form und ist sich bisweilen selbst ein Rätsel. Dabei braucht Deutschland einen wie ihn in Bestform mehr denn je, um im abschließenden Hauptrundenspiel am Mittwoch (18 Uhr, ZDF/Dyn und im WELT-Liveticker) gegen Frankreich zu reüssieren. Ein Remis reicht für den Sprung ins Halbfinale.
Die bisherigen Zahlen aber lassen Knorr nicht unbedingt als Hoffnungsträger für das Duell mit dem Titelverteidiger erscheinen. In sechs Spielen hat er zwar 17 Tore erzielt, dafür aber auch 37 Versuche benötigt. Seine Erfolgsquote liegt damit bei lediglich 45,95 Prozent. Und noch ein anderer Wert dokumentiert die bislang mehr als überschaubare Leistungen des 25-Jährigen: Von den theoretisch möglichen 360 Minuten stand er nur 134 auf der Platte. Das liegt zum einen darin begründet, dass er nur ein mäßiger Abwehrspieler ist und nach den Angriffen häufig mit einem Defensivspezialisten wie Tom Kiesler wechselt. Es zeigt aber auch, dass er bislang nur ein Mitläufer ist.
„So ist der Sport manchmal“
Warum er keine Konstanz auf hohem Niveau an den Tag legen kann, vermag er nicht so richtig zu erklären. Oft ist er sich selbst ein Rätsel. „Ich bin enttäuscht über meine Leistung“, sagte der Spielmacher während der Hauptrunde. „Mich nervt das extrem. Manchmal läuft es einfach nicht. So ist der Sport manchmal. Man darf sich gar nicht so lange damit aufhalten.“
Seit dem vergangenen Sommer spielt Knorr für den dänischen Spitzenreiter Aalborg Handbold. Abseits des großen öffentlichen deutschen Interesses hat er sich dort in Ruhe weiterentwickeln und den nächsten Karriereschritt gehen können. Genauso hatte er sich bei seinem Wechsel von den Rhein-Neckar Löwen nach Dänemark vorgestellt. Knorr ist der einzige Spieler aus dem deutschen EM-Kader, der sein Geld im Land des Gastgebers verdient. In den Augen eines Experten hat sich der Schritt schon jetzt für den Spielmacher ausgezahlt. „Er ist der beste Juri Knorr, den ich jemals gesehen habe. Es tut ihm gut, dass er in Aalborg in jedem Spiel performen muss, weil die Mannschaft um drei Titel mitspielt“, erklärte der dänische Trainer Nicolej Krickau von den Füchsen Berlin im Podcast „Erste 7“ vor der EM. „Ich habe das Gefühl, dass er erwachsener spielt als noch vor einiger Zeit“, so Krickau weiter.
Von einem abgeklärten Knorr war im gesamten Verlauf der kontinentalen Titelkämpfe in Dänemark, Norwegen und Schweden allerdings nichts zu spüren. Der Mann, der mit Torhüter Andreas Wolff immer den größten Applaus beim Einlaufen der deutschen Mannschaft bekommt, hat anders als der Keeper nicht ein außergewöhnlich gutes Spiel im dänischen Herning hingelegt. Ob er nun, da das letzte Hauptrundenspiel gegen die Franzosen um ihren Superstar Dika Mem schon so etwas wie ein K.o.-Spiel ist, diesem Teufelskreis entkommen kann, bleibt fraglich.
Dabei ist Knorr diesmal – anders als bei der WM vor einem Jahr – komplett gesund durch das Turnier gekommen. Bei den Titelkämpfen 2025 hatte er wegen einer Erkrankung zwei Spiele verpasst und sich während des Turniers in Dänemark sogar zur Behandlung bei einem Facharzt nach Flensburg begeben. Dass er wesentlich fitter ist, führte der Regisseur auch auf seinen Wechsel zurück: Ich glaube, dass es mit der Luftqualität zusammenhängt. In der Region Stuttgart und Heidelberg ist die nicht optimal, wird wissenschaftlich immer wieder gesagt. Jetzt spiele und lebe ich wieder im Norden in der Nähe des Meeres.“
Trotz guter Gesundheit fahndet der Hochbegabte indes nach der Leichtigkeit und dem Selbstverständnis vergangener Tage. Dennoch gab er sich nach der Pleite gegen Dänemark recht optimistisch in der Mixed Zone der mit 15.000 Zuschauern ausverkauften Jyske Bank Boxen: „Wir sind voll im Turnier und haben jetzt eine riesige Chance. Wenn uns jemand vor dem letzten Hauptrundenspiel gesagt hätte, dass wir eine bessere Ausgangslage als Frankreich haben, hätten wir das genommen. Darauf freuen wir uns“, erklärte der Sohn von Thomas Knorr, der bei der Europameisterschaft 1996 Torschützenkönig geworden war und zudem vier Meistertitel mit dem THW Kiel eingeheimst hatte.
Immerhin haben sie im deutschen Tross gute Erinnerungen an das letzte wegweisende Aufeinandertreffen mit den Franzosen. Im Viertelfinale der Olympischen Spiele 2024 traten sie gegen den Gastgeber an und lagen sechs Sekunden vor Schluss mit einem Tor zurück. Beim folgenden Anwurf der Hausherren aber unterlief Superstar Dika Mem ein Fehler, den man sonst so nur in der Kreisklasse sieht: Er warf den Pass in die Arme von Julian Köster, der wiederum geistesgegenwärtig Renars Uscins bediente, der dann mit der Schlusssirene im Fallen den Ausgleich erzielte. In der Verlängerung schließlich siegten die Deutschen mit 35:34. Die Partie ging als „Wunder von Lille“ in die Geschichte der Sportart ein.
Jene Partie hat sich fest eingebrannt ins Gedächtnis des deutschen Teams und wohl auch in das der Spieler vom Kontrahenten. „Vielleicht spielt das ‚Wunder von Lille‘ in den Köpfen beider Mannschaften eine Rolle. Allerdings ist es auch schon ein bisschen her“, sagte Knorr: „Uns gibt es zumindest ein gutes Gefühl, dass wir sie da geschlagen haben.“
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