Der Temperaturunterschied könnte größer nicht sein. Knapp 22 Grad sind es, als er Montagmittag in Kapstadt landet. Blauer Himmel, die Sonne scheint – ein Kontrast zum winterlichen Deutschland. Lennart Neubauer war auf Einladung für ein paar Tage auf der „boot“ in Düsseldorf, der weltweit wichtigsten Boot- und Wassersportmesse. Sie ist zugleich ein Treffpunkt der internationalen Surf- und Trendsportszene.

Neubauer, 21 Jahre alt, ist Windsurfer – und Weltmeister. Den Titel gewann er 2024 in der Disziplin Freestyle. „Es war für mich schon seit dem ersten Jahr, in dem ich mit dem Surfen angefangen habe, ziemlich klar, dass ich irgendwann Weltmeister werden möchte“, erzählt Neubauer als Gast in der neuen Folge des Podcasts WELTMeister.

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Mag es ein Klischee sein, aber Neubauer sieht aus, wie sich wohl viele einen Surfer vorstellen: Längeres, von der Sonne gebleichtes Haar, braun gebrannt, Hoodie an, Basecap auf – und noch eine Kette um den Hals. Er pflegt dieses Image. Aber warum auch nicht.

Geboren in Bremen, aufgewachsen in Naxos

Mutter Deutsche, der Vater ein Grieche – Neubauer wird in Bremen geboren, aber er wächst auf Naxos auf, eine der griechischen Kykladeninseln. Er fängt früh mit Sport an, probiert sich aus. Hochsprung, Weitsprung, Fußball, Basketball und Volleyball. Er merkt rasch, dass er es cool findet, unter Druck zu performen. Das, erzählt er, sei genau sein Ding.

Er ist zehn Jahre alt, als er schließlich den Sport entdeckt, „der für mich der beste Sport aller Zeiten ist“ – das Windsurfen. Weil seine Mutter keine Lust hat, einen Gutschein für sechs Surfstunden einzulösen, probiert sich ihr Sohn aus – und findet Gefallen daran. Durch seinen ausgeprägten Ehrgeiz und die große Lust auf Wettkämpfe, „in denen ich es liebe, mich zu messen, weil ich weiß, dass es nicht nur um eine gute Technik und eine gute Kondition geht, sondern auch viel um mentale Stärke“, wird Neubauer über die Jahre immer besser.

Nur noch zwei, drei Monate ist er im Jahr noch auf Naxos. Ansonsten reist er zu Wettkämpfen – oder für das Training dem Wind hinterher. Und der ist dieser Tage in Kapstadt ideal, aber auch nicht immer, weshalb ein Tagesplan kurzfristig auch mal geändert werden muss.

„Wenn ich sehe, dass es den ganzen Tag über guten Wind gibt, gehe ich von 10 bis 12 Uhr raus auf das Wasser. Dann mache ich Pause – und gehe von 17 bis 19 Uhr noch einmal raus. In der Zwischenzeit dehne ich mich, esse etwas und ruhe mich aus“, erzählt Neubauer. Windsurfen, ergänzt er, sei körperlich anstrengend, „weil es die Arme, den Rücken und die Beine viel beansprucht“.

Sollte es mal keinen Wind geben, trainiert Neubauer im Gym – oder verbringt die Zeit mit seiner Freundin, die ebenfalls surft und derzeit mit ihm in Kapstadt weilt. Sie teilen sich die WG mit einer Freundin. Das Trio lebt sehr bewusst, ordnet dem Sport fast alles unter. „Unsere Abende sind nicht lang, weil es nicht anders geht. Du kannst nicht bis Mitternacht aufbleiben und dann am nächsten Tag erwarten zu performen. Das geht nicht“, sagt Neubauer. So cool er es finden würde, am Rand von Surfevents mit Freunden und Gleichgesinnten auch mal abends Zeit zu verbringen. Ausufernde Partys aber sind nicht sein Ding. Man müsse wissen, wann Schluss sei.

Den WM-Titel, von dem er immer geträumt hat, gewann er auf Sylt. Auf Fuerteventura, wo die Weltelite zuvor gesurft war, hatte er den ersten Wettkampf für sich entschieden. Zum Glück, denn da auf Sylt der Wind ausblieb und die Wettkampfrichter nicht länger als eine Woche auf ausreichenden Wind warten wollten, zählte am Ende nur die erste Wertung.

„Anfangs fühlte sich das etwas komisch an, aber der World Cup vor Fuerteventura ist einer der schwersten, wenn nicht sogar der schwerste, den es von den Bedingungen her derzeit gibt. Ich war Weltmeister, aber ich fühlte anfangs nicht das, was ich gehofft hatte zu fühlen. Aber der Gedanke ist schnell wieder verflogen – und ich habe mich gefreut“, erzählt Neubauer – und schiebt etwas ihm Wichtiges nach: „Ich bin der Meinung, dass viele Athleten ihren Moment nicht genießen und immer von einem Moment zum anderen springen – und das wollte ich halt nicht. Ich wollte wirklich in mich gehen und das wirklich so realisieren. Und das habe ich getan. Ich habe mich gefreut, dass ich es geschafft hatte. Das Gefühl wollte ich mir nicht nehmen lassen. Aber ich habe es mir gleich zum Ziel gesetzt, es noch einmal mit zwei, drei Events mehr zu packen.“ 2025, also einem Jahr nach seinem WM-Triumph, wurde er Zweiter.

Windsurfen, betont Neubauer immer wieder, sei sein Leben. „Ich könnte niemals einen Office-Job machen. Das sage ich jetzt. Vielleicht hört sich das komisch an. Doch mein Lebensziel ist es, mit dem Sport, den ich so liebe, mein Geld zu verdienen. … Aber wer weiß, was ich in neun Jahren machen möchte, wenn ich 30 bin. Dann ist es vielleicht auch der 9-to-5-Job, um mich und meine Familie zu ernähren. Aber ich weiß auf jeden Fall, dass das, was ich derzeit mache, mich sehr erfüllt“, sagt Neubauer, der einige Sponsoren hat. Er fährt für Red Bull, auch Blackroll ist u.a. ein Partner.

Neubauer, der anfangs für Griechenland fuhr, dann für Deutschland und seit fünf Jahren wieder für Griechenland, kann vom Surfen leben, was nur wenige können. Es sind Preisgelder, es sind Sponsorengelder.

Fleiß und Ehrgeiz sind es, die ihn prägen – und zum WM-Titel geführt haben. Mit seinen erst 21 Jahren steht er für eine Generation, die weiß, was sie will. Neubauer ist reflektiert. Was er für sich erkannt hat? „Dass es bei vielen Dingen vor allem um das Mentale geht. Physisch gut zu sein, ist das eine, aber es kommt vor allem auch darauf an, wie klar du im Kopf bist. … Mentale Gesundheit ist sehr wichtig“, sagt Neubauer.

Natürlich könne er Menschen verstehen, die meinen: Was soll jemand, der gerade in Kapstadt leben und surfen würde, für Probleme haben? „Das klingt nach dem perfekten Leben. Genau. Aber viele unterschätzen halt, dass auch Athleten, die bei Instagram den perfekten Tag zeigen, auch mal schlechte Tage haben. Wir haben genauso Schwierigkeiten wie jeder andere auch. Und ich glaube, es ist wichtig, das auch so mal anzusprechen.“

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