Viel größer kann ein Bahnhof nicht sein. Am Mittwochabend, da war Edin Dzekos Wechsel zu Schalke 04 noch ein Gerücht, wurde er am Düsseldorfer Flughafen von Fans in Empfang genommen. Am Donnerstagmorgen – es dämmerte noch nicht einmal – wurde er von Kamerateams auf dem Weg zum Medizincheck begleitet. Ein paar Stunden später postete die Schalker Medienabteilung Fotos von der Vertragsunterschrift des wohl prominentesten Zugangs seit Raúl. Der spanische Weltmeister war 2010 von Real Madrid nach Gelsenkirchen gewechselt. Da hatte Schalke jedoch noch regelmäßig in der Champions League gespielt. Lang ist’s her.
Der Hype um Dzeko ist fast vergleichbar. Viele Anhänger konnten es erst gar nicht glauben: Der Bundesliga-Torschützenkönig von 2010 wechselt tatsächlich zum Tabellenführer der Zweiten Liga. Endlich mal wieder ein großer Name auf Schalke. Gleich am Tag der Bekanntgabe des Transfers gingen mehrere tausend Trikots mit dem Namenszug des bosnischen Stürmers über die Theken der Schalker Fanshops.
„Glückauf“, begrüßte der mittlerweile 39-Jährige die zahlreichen Journalisten, als er, ebenfalls am Donnerstag, vorgestellt wurde. Sead Kolasinac, sein Kollege aus der bosnischen Nationalelf, der fünf Jahre für Schalke gespielt hatte, habe ihn mit den Gepflogenheiten im Ruhrgebiet bekannt gemacht. „Und er hat mir geraten, zu Schalke zu gehen“, so Dzeko. „Brate, geh!“, habe Kolasinac gesagt. „Brate“ bedeutet im Slawischen „Bruder“.
„Ich wollte nur noch nach Schalke“, sagt Dzeko
Dzeko hat auch noch mit anderen bosnischen „Brüdern“ gesprochen: mit Nationaltrainer Sergej Barbarez und Zlatan Bajramovic, dem Co-Trainer. Auch der hat eine königsblaue Vergangenheit. Alle rieten ihm zu. Dann wählte Dzeko die Nummer von Miron Muslic, dem Schalker Trainer. Ebenfalls ein Landsmann. „Vom ersten Kontakt an war ich dabei und wollte nur noch nach Schalke“, erklärte der Stürmer, der zuletzt beim italienischen Erstligaklub AC Florenz unter Vertrag stand.
Damit wollte er den Skeptikern den Wind aus den Segeln nehmen. Er sei niemand, der seine Karriere nach 669 Erstligaspielen mit 277 Toren in sechs Ländern – darunter bei Spitzenvereinen wie Manchester City und Inter Mailand – gemütlich ausklingen lassen will. Dzeko wolle noch einmal eine echte Herausforderung annehmen: mit einem emotionalen Traditionsverein in die erste Liga aufzusteigen.
„Viele haben gesagt: ,Du bist krank‘. Aber ich bin nicht krank, sondern 100 Prozent da. Für mich war Schalke immer ein großartiger Verein. Das Stadion, die Fans, es war immer geil, hier zu spielen“, erklärte er. Schon damals in Wolfsburg, wo er 2009 Deutscher Meister geworden war, habe ihn diese Begeisterung fasziniert. Es sei nur „schade“, dass Schalke jetzt in der Zweiten Liga spielt. Er wolle mithelfen, dass sich das wieder ändert. Dafür verzichtet er auch auf Geld. In Florenz, wo er noch bis Juni unter Vertrag gestanden hätte, wäre er auf ein Jahresgehalt von rund drei Millionen Euro gekommen. In Gelsenkirchen ist es deutlich weniger. Dzeko hat gut verdient. Ihn reizt die Aufgabe.
Schalke 04 ignoriert den eigenen Plan
Davon ist auch Frank Baumann überzeugt, der sich für diese Verpflichtung sogar über seine eigene Maxime hinweggesetzt hat. Es werde nur Winterzugänge geben, die auch eine langfristige Perspektive haben, hatte der Schalker Sportvorstand gesagt. Dzeko, der am 17. März 40 wird, steht für das Gegenteil. „Das stimmt“, gab Baumann zu. Schalke habe auch nicht nach einem Profil wie dem von Dzeko Ausschau gehalten. „Edin hat den Kontakt zu uns gesucht.“ Dann sei halt die Idee geboren, dass es passen könnte: mit einer Mannschaft, die sich vor allem über Laufbereitschaft sowie Engagement definiert und einem erfahrenen Goalgetter. Denn auch wenn Dzeko sicher kein Laufwunder mehr sei – einen Torriecher verliert man nicht.
„Wir haben natürlich genau hingeschaut, in welcher Verfassung Edin ist“, erklärte Baumann. Der Fitnesszustand sei gut. Es stimme zwar, dass er in Florenz seinen Stammplatz verloren habe. „Doch er hat in der Hinrunde über 1000 Minuten gespielt und hatte in der Conference League noch regelmäßige Startelfeinsätze“, so Baumann. Allerdings kam der Routinier dabei auch nur noch auf einen Torerfolg. Doch es liegt nicht so lange zurück, dass er regelmäßig getroffen hat. In der vergangenen Saison erzielte Dzeko in 53 Pflichtspielen für Fenerbahce Istanbul 21 Tore und bereitete acht vor. In der Nationalelf ist er nach wie gesetzt.
Der Schalker Bedarf an Toren ist unstrittig. In 18 Ligaspielen hat die Mannschaft von Miron Muslic gerade mal 22-mal getroffen – so selten wie noch nie ein Spitzenreiter der Zweiten Liga zu diesem Zeitpunkt der Saison. Bester Torschütze ist Kenan Karaman, ein offensiver Mittelfeldspieler (6). Die Frage ist nur: Passt Dzeko zum Stil der Mannschaft? Das Schalker Spiel basiert auf einer stabilen Defensive und dem aggressiven Anlaufen des Gegners. Es ist intensiv. Zu intensiv für einen fast 40-Jährigen?
Dzeko soll zu einem Zielspieler werden
„Natürlich läuft Edin keine 13 Kilometer pro Spiel – das hat er aber auch früher nicht getan. Er verfügt über andere Qualitäten: Spielverständnis, Ballbehauptung – und vor allem ist er stark im Abschluss“, sagte Baumann. Dzeko soll zu einem Zielspieler werden, den Offensivbemühungen Struktur geben. Er soll Verteidiger auf sich ziehen und Räume öffnen.
Vor allem aber soll die pure Präsenz von Dzeko beflügeln. „Ich glaube, dass er uns mit seiner Erfahrung, seiner Aura viel geben kann“, so Baumann. Es könnte guttun, im Aufstiegsrennen jemanden in der Kabine zu haben, der schon alles kennt und viel gewonnen hat. Das sieht Dzeko genauso. „Die Rückrunde ist immer schwieriger als die Hinrunde. Da kommt schon mal ein bisschen Druck auf. Aber Druck kann auch helfen, er kann dich ein Stückchen nach vorn bringen. Das passiert alles im Kopf“, sagte er und tippte sich an die Stirn.
Schon am Sonntag wird die wahrscheinlich letzte Mission in der langen Laufbahn des Edin Dzeko beginnen, wenn die Schalker den 1. FC Kaiserslautern empfangen (13.30 Uhr, im WELT-Liveticker). Die Fans können es kaum erwarten.
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