Als Marika Kilius am 3. Februar 1956 mit ihrem Partner Franz Ningel die Eisfläche des Stadio del Ghiaccio von Cortina d’Ampezzo betrat, konnte noch niemand ahnen, dass sie einen Rekord für die Ewigkeit aufstellen würde. Das blonde Mädchen war erst zwölf Jahre und 316 Tage alt, als es erstmals um Medaillen bei Olympischen Winterspielen lief. Bis heute gibt es keine jüngere deutsche Athletin, die beim bedeutendsten Wintersportereignis der Welt angetreten ist. Daran wird sich zumindest im Eiskunstlaufen auch nichts mehr ändern, nachdem das Mindestalter für einen Olympiastart auf 17 Jahre angehoben wurde.
Die muntere Hessin, die von ihrer Strahlkraft nichts verloren hat, schrieb seinerzeit aber nicht nur wegen ihres Alters Olympiageschichte. Auch die damalige Kürdarbietung mit ihrem sieben Jahre älteren Partner wurde zu einem denkwürdigen Ereignis. Als die neun Kampfrichter ihre nahezu fehlerfreie Vorstellung nach Meinung des Publikums viel zu schlecht bewertet hatten, was die Debütanten den Bronzerang kostete, setzte unter den 7000 Zuschauern ein gellendes Pfeifkonzert ein. Es folgten Buhrufe und schließlich ein Trommelfeuer von Wurfgegenständen: Es hagelte Apfelsinen, Zitronen, Flaschen und Konservendosen auf das Eis.
Auch 60 Jahre danach erinnert sich die spätere zweimalige Olympiazweite noch genau an den skandalösen Zwischenfall. „Was da abging, war der Wahnsinn. Die ganze Arena spielte verrückt“, erzählt die einstige Weltmeisterin beim Gespräch in ihrem Frankfurter Lieblingslokal. Für eine gute halbe Stunde musste der Wettbewerb der elf Paare aus sieben Ländern unterbrochen werden, ehe sich der Proteststurm allmählich legte. So einen Tumult während eines Wettkampfes hat es seither unter den fünf olympischen Ringen nie mehr gegeben.
WELT AM SONNTAG: Frau Kilius, haben Sie heute noch Momente, in denen Sie die Südfrüchte vor Ihrem geistigen Auge fliegen sehen, die nach Ihrem fünfminütigen Auftritt von den vollbesetzten Rängen aufs Eis geschleudert wurden?
Marika Kilius: (lacht herzhaft) Natürlich, die Geschichte ist unauslöschlich, sie gehört für mich zum Eiskunstlaufen wie die Todesspirale. Wenn ich darüber rede, kommt es mir auch heute noch so vor, als hätte sich das alles erst gestern abgespielt. Die Volksseele kochte über. Dass die Italiener dermaßen ausgeflippt sind, obwohl sie uns gar nicht kannten, war sensationell. Sie schmissen alles aufs Eis, was ihnen in die Finger kam. Franz und ich verfolgten den empörenden Aufschrei von der Bande aus, sahen uns nur entgeistert an und staunten Bauklötze.
WAMS: Genutzt hat der Aufruhr nichts. Es gab keine Korrektur der Wertungen, Sie mussten sich hinter den siegreichen Österreichern Sissy Schwarz und Kurt Oppelt, Frances Dafoe und Norris Bowden aus Kanada sowie den ungarischen Geschwistern Marianna und László Nagy mit Platz vier begnügen. Wie enttäuschend war das für Sie?
Kilius: Nun ja, den dritten Platz hätten wir schon verdient.
WAMS: Es wäre die dritte Medaille gewesen für die erste gesamtdeutsche Olympiamannschaft, der 52 westdeutsche und elf DDR-Aktive angehörten. Die Allgäuerin Ossi Reichert gewann damals Gold im Riesenslalom, Harry Glaß aus Klingenthal wurde Dritter im Skispringen.
Kilius: Zwei Wochen später bei den Weltmeisterschaften in Garmisch-Partenkirchen holten wir dann auch Bronze. Als Zwölfjährige Olympiadritte zu werden, wäre der absolute Superknaller gewesen. Hat es in diesem Alter schon einmal einen olympischen Medaillengewinner oder eine -gewinnerin gegeben?
WAMS: Bei Sommerspielen ist das einer Schwimmerin, einem Ruderer und einem Turn-Quartett gelungen, allerdings weit vor Ihrer Zeit. Bei Winterspielen gab es das noch nicht. Die jüngste Medaillengewinnerin ist dort die Südkoreanerin Kim Yun-Mi, die 1994 in Lillehammer in der goldenen Shorttrackstaffel mitlief. Sie ist die jüngste Olympiasiegerin überhaupt. Bei ihrem Triumph war sie 13 Jahre und 83 Tage alt.
Kilius: Wo sie das jetzt so sagen, bin ich schon ein klein wenig traurig, dass ich diese einzigartige Geschichte der jüngsten Medaillengewinnerin bei Winterspielen nicht auch noch geschrieben habe. Aber gut, man kann eben nicht alles haben. Aber noch mal zu Cortina. Der vierte Platz hat uns nicht unglücklich gemacht. Wir waren schon heilfroh, überhaupt dabei gewesen zu sein.
WAMS: Was wollen Sie damit sagen?
Kilius: Zwei Wochen zuvor bei den Europameisterschaften in Paris, wo wir Dritte wurden, bin ich im Training bei einem Hebesprung so unglücklich aufs Eis gefallen, dass ich mir das Steißbein anbrach. Fragen Sie mich bitte nicht, wie ich das durchgestanden habe, denn wir mussten ja antreten, um uns für Cortina zu qualifizieren. Es war der Horror. Danach konnte ich tagelang nicht einmal mehr richtig gehen. Oh Gott, mir tut heute noch der Hintern weh, wenn ich daran denke (rutscht lachend im Sessel hin und her).
WAMS: Derweil war es offenbar für Sie kein Problem, in Cortina als die mit Abstand Jüngste unter den Topläuferinnen aufs Eis zu gehen?
Kilius: Warum auch? Bei Meisterschaften anzutreten, war für uns nichts Neues, trotz meiner Kindheit. Ich fing mit zweieinhalb Jahren an, sowohl Schlittschuh als auch Rollschuh zu laufen, mit denen ich 1958 in Bologna auch erstmals Weltmeisterin wurde. Als Eiskunstläuferin bin ich auch im Einzel gestartet. Ich hatte also immer Meisterschaften, Winter wie Sommer. Da entwickelt sich eine Routine. Bis Cortina war es ein langer Weg, zehn Jahre, und mit Franz war ich schon deutscher Meister, zweimal EM-Dritter und WM-Siebter. Besonderen Druck empfand ich nicht, weil ich mir keine großen Gedanken um irgendetwas gemacht habe. Was bestimmt auch an meinem Alter lag. Ich war mir sicher, wir werden unser Ding schon machen. Trainiert hatte ich jedenfalls genug, auch wenn ich das nicht unbedingt gern tat. Ich stand mindestens sechs Stunden täglich auf dem Eis oder auf der Rollschuhbahn. Und für mich war es auch nichts Außergewöhnliches, dass wir um Mitternacht trainierten von 23 bis ein Uhr.
WAMS: Wie bitte?
Kilius: Meine Eltern mussten für die Eisnutzung bezahlen, und um diese unchristliche Zeit kostete es etwas weniger. Außerdem schaute uns nachts niemand beim Training zu. Da konnten wir das üben, was wir noch nicht so gut beherrschten, und sind auch öfter mal gestürzt. Für gewöhnlich kamen 2000, 3000 Zuschauer zu unseren Trainingseinheiten, vor denen wir uns keine Blöße geben wollten. In Cortina trainierten wir aber nur tagsüber.
WAMS: Wobei die Witterungsbedingungen da auch nicht gerade angenehm waren. Laut den Aufzeichnungen der italienischen Meteorologen herrschte ein historischer Extremwinter. Zudem liefen Sie unter freiem Himmel. An Ihrem Wettkampftag schien zwar die Sonne, doch es war sehr frostig, es blies ein eisiger Wind und es fiel wohl auch etwas Schnee, weshalb die Natureisfläche gelegentlich gefegt werden musste.
Kilius: Selbst, wenn die äußeren Bedingungen noch härter gewesen wären, hätte uns das nicht weiter tangiert. Ich stand schon bei minus 25 Grad auf dem Eis – wo ist das Problem? Wir sind die Kür, die wir im Schlaf beherrschten, völlig entspannt angegangen und versuchten, einfach unser Bestes zu geben. Bis auf einen kleinen Wackler ist uns das auch gut gelungen, und nur das zählte.
WAMS: Heutzutage dürften Sie mit Ihrem damaligen Alter nicht mehr an Wettkämpfen teilnehmen. Das Mindestalter wurde inzwischen auf 17 Jahre angehoben. Begründet wird das mit dem Schutz junger Athleten vor gesundheitlichen Risiken durch Überbelastung, sowohl in physischer als auch mentaler Hinsicht. Die Kritiker beharren darauf, dass Leistungssport unter 16 Jahren Kindesmissbrauch sei.
Kilius: Das kann man so oder so sehen. Leider gibt es immer wieder negative Beispiele, wo übers Ziel hinausgeschossen wurde. Aber auch Menschen, die nie Leistungssport auf höchstem Level betrieben haben, können sich kein wirklich faires Urteil bilden. Auf mich trifft diese Kritik keinesfalls zu. Oder finden Sie etwa, dass ich zu einer Leidtragenden meines verrückten Sportlerlebens geworden bin?
WAMS: Diesen Eindruck erwecken Sie jedenfalls nicht.
Kilius: Ich fühle mich auch blendend, trotz einiger Zipperlein, die man nun einmal hat. Nach dem, was ich mitgemacht habe, kann ich nur sagen, am leistungsfähigsten war ich zwischen dem zehnten und 18. Lebensjahr. In diesem Zeitraum war ich am unbekümmertesten, habe ich richtig aufs Gaspedal getreten. Als dann im späteren Teenageralter langsam das Lampenfieber einsetzte, ging leider auch etwas die Leichtigkeit verloren, aber auch das war kein Hindernis.
WAMS: Was halten Sie denn nun aber vom jetzigen Mindestalter, um bei Titelkämpfen starten zu dürfen?
Kilius: Ich finde das nicht gut, schließlich sind die Menschen doch nicht alle gleich. Dieses permanente Reglementieren – nicht nur im Sport – ist so nervend und zumeist kontraproduktiv. Es sollte doch jedem selbst überlassen sein, ob man und ab welchem Alter man Leistungssport machen möchte. Und wenn man sich dem verschreibt, dann sollte man das auch mit einer gewissen Leidenschaft tun, so wie ich es erst zusammen mit Franz und dann mit Hans-Jürgen (Bäumler, d. Red.) getan habe.
WAMS: Mit Franz Ningel, der in Duisburg lebt, gewannen Sie im nacholympischen Jahr noch WM-Silber. Warum wechselten Sie trotz Ihres größten Erfolgs zu Hans-Jürgen Bäumler?
Kilius: Mit Franz habe ich mich immer super verstanden, doch wir waren von unserer Körpergröße her ein zu ungleiches Paar. Ich wuchs ihm über den Kopf, war acht Zentimeter größer als er. Das sah einfach nicht gut aus. Franz hatte sich sogar von einem russischen Arzt spritzen lassen, der ihm versicherte, dass er dadurch zehn Zentimeter wachsen würde. Mein Vater bezahlte das auch, doch Franz wuchs keinen Zentimeter. Aber lassen Sie mich noch etwas zu Cortina sagen.
WAMS: Bitte.
Kilius: Das Größte für mich war, als ich Sophia Loren im Eisstadion begegnet bin. Ich kannte sie damals noch nicht. Diese groß gewachsene Frau in ihrem gelben, hochglänzenden Overall, was zu dieser Zeit kaum einer trug, mit ihrem vollen, leicht dunkelroten Haaren und diesen knallroten Lippen sah aus wie eine Göttin – einfach unfassbar.
WAMS: Noch einmal zu Herrn Bäumler, der am Mittwoch 84 Jahre alt wird und mit seiner Frau in der Nähe von Nizza lebt. Als Sie mit ihm über das Eis schwebten, wurde die „Tagesschau“ verschoben. Ihr Bekanntheitsgrad lag deutschlandweit bei 95 Prozent. Mehr als 21 Millionen Menschen saßen vor den Bildschirmen bei Ihrem letzten Wettkampf im Frühjahr 1964 in der Dortmunder Westfalenhalle, den Sie mit dem Weltmeistertitel krönten. Sie waren das Glamourpaar schlechthin, verkörperten das neue, elegante, Deutschland.
Kilius: Ja, das waren noch irre Zeiten … Damals interessierte sich die ganze Nation für unsere Sportart. Die Presse stand bei uns vor jedem Hotelzimmer, was nicht immer angenehm war, aber da war ich schmerzfrei. In meiner Hochzeitsnacht saßen die Paparazzi sogar im Baum. Die Illustrierten zahlten sehr lukrative Honorare für eine Geschichte mit mir, was es heute nicht mehr gibt. Aber zur Wahrheit gehört ebenso: Ohne die Boulevardpresse wirst du nie ein Superstar.
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WAMS: Dazu braucht es aber auch vor allem Bewegtbilder, doch die gibt es vom Eiskunstlaufen hierzulande so gut wie gar nicht mehr.
Kilius: Das Fernsehen hat meine Sportart entsorgt, was eine große Schande ist. Die Einschaltquoten wären zu gering, heißt es, doch wenn nichts gezeigt wird, kann auch niemand gucken.
WAMS: Die fünf olympischen Wettbewerbe in Mailand werden einschließlich des obligatorischen Schaulaufens übertragen. Werden Sie dennoch vor Ort sein?
Kilius: Nein. Ich schaue sie mir daheim allein in aller Ruhe an, alles andere würde mich kirre machen. Und wenn es einen Grund gibt, trinke ich natürlich auch ein Glas Champagner.
WAMS: Sie meinen, wenn die deutschen WM-Zweiten des Vorjahres, Minerva-Fabienne Hase und Nikita Volodin, im Paarlauf siegen würden?
Kilius: Beispielsweise. Zweimal habe ich sie laufen sehen, doch jedes Mal fielen sie hin. Ich drücke ihnen die Daumen, dass das in Cortina nicht auch passiert, dann können sie sicher viel erreichen. Begeistert bin ich von Annika Hocke und Robert Kunkel, dem zweiten deutschen Paar. Den beiden traue ich einiges zu. Gespannt bin ich aber vor allem auf einen – und zwar auf „Quad God“.
WAMS: Das ist der Spitzname von Ilia Malinin, den er wegen seiner unnachahmlichen Vierfachsprünge erhielt.
Kilius: Genau, der ist der Oberhammer.
WAMS: Dem 21-jährigen Amerikaner gelang als Einziger ein vierfacher Axel im Wettkampf, der Sprung erfordert viereinhalb Umdrehungen, und er ist der Erste, der sieben Vierfachsprünge in einer Kür stand.
Kilius: Dieser Junge ist so grandios, dass es mir schwerfällt, die richtigen Worte für seine Huldigung zu finden. Er weiß, was er kann, und zeigt das auch in einer derart angenehmen Art und Weise, dass man regelrecht dahinschmilzt. Er verkauft sich auch sehr sympathisch. Ihm zuzuschauen, ist ein echter Augenschmaus.
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