Schon früh in seiner Karriere musste Nils Lichtlein mit einer hohen Erwartungshaltung leben. „Er hat die Begabung, eine Sekunde in der Zukunft zu spielen“, sagte Förderer Bob Hanning über seinen Schützling. Da war Lichtlein gerade Weltmeister mit der deutschen U21-Auswahl geworden, aber das riesige Talent des 1,83 Meter großen Regisseurs war schon im Sommer 2023 sichtbar und ausgeprägt. Nun profitiert erstmals auch das deutsche Männerteam so richtig von Lichtleins Übersicht und Antizipationsfähigkeit auf dem Feld.
Bei der Handball-Europameisterschaft in Dänemark, Norwegen und Schweden hat der Mittelmann vom deutschen Meister Füchse Berlin, wo Hanning als Geschäftsführer agiert, eine mehr als wichtige Rolle inne. Lichtlein kommt immer dann in die Partie, wenn das Angriffsspiel der Deutschen ins Stocken gerät und der etatmäßige Spielgestalter Juri Knorr keine richtigen Lösungen auf der Platte findet. Und das war zuletzt trotz dreier Siege in vier Partien in unschöner Regelmäßigkeit der Fall. So auch am Donnerstag beim wichtigen 32:30-Erfolg gegen Portugal zum Auftakt der Hauptrunde.
Dort erwies sich Lichtlein nicht nur vom Siebenmeterpunkt mit drei Toren aus vier Versuchen als treffsicher, sondern er steuerte zwischenzeitlich auch gekonnt das Angriffsspiel des nun mit 4:0 Punkten an der Tabellenspitze der Gruppe I liegenden Mannschaft. Lichtlein, so scheint es, hat den schwierigen Übergang vom vielversprechenden Talent zum robusten Spieler im Männerbereich nun auch in der Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) vollzogen.
Spielintelligenz und schnelle Pässe
Jedenfalls kommt er nun wesentlich häufiger zum Zug. Zwar war er auch schon bei der WM vor einem Jahr und der EM 2024 mit dabei – aber ohne von Bundestrainer Alfred Gislason größere Spielanteile zu erhalten. Lichtlein besetzte nur eine Nebenrolle. Das ist bei den aktuellen Titelkämpfen im hohen Norden anders.
„Wir waren alles andere als begeistert von unserer Angriffsleistung in der ersten Hälfte, die Abwehr stand sehr gut, und Andi Wolff war das ganze Spiel über super. Aber wir haben neun technische Fehler gemacht“, sagte Gislason angesichts einer schwachen Offensivleistung seiner Mannschaft vor der Pause im Duell mit Portugal. Zu jenem Zeitpunkt stand es 11:11. „In der zweiten Hälfte war dann die Angriffseffektivität viel höher und viel besser. Die Mittelleute, erst Juri Knorr und dann Nils Lichtlein, haben das super geleitet. Die Leichtigkeit und der Spielwitz waren deutlich besser in der zweiten Hälfte zu spüren.“
Lichtlein hatte großen Anteil daran und konnte mit seinem schnellen Passspiel immer wieder Mitspieler in Szene setzen. Insbesondere Miro Schluroff profitierte davon. Der Halblinke, der den härtesten Wurf während der EM abgab (134,1 km/h), erzielte sieben Tore. Alle in der zweiten Hälfte. „Gerade vor der Pause haben wir einige technische Fehler gemacht: Fangfehler, aber auch mit dem Ball haben wir ein bisschen Probleme gehabt“, erklärte Lichtlein hinterher. „Das war beidseitig so, hatte ich das Gefühl. Deswegen stoppt der Angriff, man verunsichert sich selbst ein bisschen. Dementsprechend hat man dann weniger Zug zum Tor. Das änderte sich dann glücklicherweise mit der Einwechslung von Miro, der sich da keinen Kopf drüber gemacht hat.“
Den neuen Status von Lichtlein, 23 Jahre alt, im Team konnten die 6145 Zuschauer in der Jyske Bank Boxen von Herning/Dänemark auch an einem anderen Umstand beobachten. Anstelle des etatmäßigen Siebenmeterwerfers Lukas Zerbe durfte sich der Neffe von Carsten Lichtlein, der mit Deutschland 2007 WM-Gold gewonnen hatte, versuchen. Die ersten drei Strafwürfe nutzte er, den vierten setzte er an den Pfosten. 75 Prozent Erfolgsquote waren immerhin deutlich besser als jene 54 Prozent, die Deutschland bis dato im Turnier aufgewiesen hatte.
Warum Lichtlein, der weder im Klub noch in der Nationalmannschaft in dieser Disziplin besonders geübt ist, werfen durfte, erklärte Gislason hinterher folgendermaßen: „Ich habe in den vergangenen Tagen Siebenmeter werfen lassen: drei, vier Leute. Ich sitze dann immer in der Ecke und gucke zu, was die machen. Aus meiner Sicht war Nils mit Abstand der Beste dabei. Er hat das im Training gut gemacht und Andi (Wolff – d.R.) und David (Späth – d.R.) sehr geärgert. Wenn er es gegen die schafft, dann kann er es gegen jeden Torhüter schaffen.“ Allerdings sei Lichtlein schon ein bisschen überrascht gewesen, als ihm gesagt wurde, dass er im Spiel als Schütze beginnen solle.
Immerhin enttäuschte ihn der im Sommer 2016 vom ESV 1927 Regensburg in die Jugendabteilung der Füchse Berlin gewechselte Linkshänder nicht und hielt dem Druck stand. Das ist wichtig, denn der Spielplan bei der EM ist gnadenlos und Verlässlichkeit im Spiel ein wichtiger Faktor. Große Gelegenheiten, etwas in Ruhe zu verarbeiten, gibt es nicht.
Bereits am Samstagabend (20.30 Uhr, ZDF/Dyn und im WELT-Liveticker) geht es für die besten Ballwerfer des Landes mit der Partie gegen Norwegen weiter. Anschließend stehen die Spiele gegen Dänemark (Montag, 20.30 Uhr) und Titelverteidiger Frankreich (Mittwoch, 18 Uhr) an. „Wir wissen, dass noch drei Gegner auf uns zukommen, die alle drei brutal sind“, sagte Lichtlein. „Deswegen müssen wir jetzt versuchen, möglichst gut zu regenerieren.
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