Als Gernot Döllner WELT am SONNTAG zum Interview im Haus A51, dem Gebäude der Konzernleitung in der Zentrale in Ingolstadt, empfängt, hat er ein Lächeln auf dem Gesicht. Und das, obwohl die VW-Tochter in der wohl größten Krise ihrer Geschichte steckt. Der 57-Jährige strahlt dennoch Ruhe aus. Der studierte Maschinenbauer scheint sich sicher zu sein, dass er Audi aus der Krise in eine erfolgreiche Zukunft führen kann. Helfen soll dabei der neue „Nordstern“. So nennt Döllner Audis Milliardenprojekt, das in diesen finanziell schwierigen Zeiten startet: das neu gegründete Formel-1-Werksteam.
WELT am SONNTAG: Herr Döllner, Audi wird 2026 erstmals in der Formel 1 an den Start gehen. Statt wie andere Hersteller nur Motorenpartner zu sein, haben Sie ein eigenes Werksteam. Was sind Ihre Erwartungen?
Gernot Döllner: Zu Beginn wird es darum gehen, dass wir lernen. Das ist Teil unseres dreistufigen Plans. In den ersten zwei Saisons dürfen wir Fehler machen. Wichtig ist nur, dass wir daraus die richtigen Schlüsse ziehen. Denn im dritten und vierten Jahr, sprich den Saisons 2028 und 2029, wollen wir die Rolle des Herausforderers für die etablierten Rennställe einnehmen. Ab 2030 wollen wir um die Weltmeisterschaft mitfahren.
WAMS: Wie realistisch ist das?
Döllner: Das ist ein ambitionierter Plan, weil die Leistungsdichte in der Formel 1 enorm ist, aber wir glauben daran, dass wir das schaffen können. Aktuell liegt unser Fokus ausschließlich auf dem, was unmittelbar vor uns liegt.
WAMS: Hinter Ihnen und dem Projekt liegen bereits dreieinhalb Jahre. Im August 2022 gab Audi bekannt, dass man zu dieser Saison in die Formel 1 einsteigen würde. Sie waren damals noch Leiter der Konzernstrategie von Volkswagen, wurden erst im September 2023 Vorstandsvorsitzender von Audi. Was haben Sie damals gedacht?
Döllner: Es ist kein Geheimnis, dass ich damals durchaus kritisch war. Das lag vor allem daran, dass zwei Marken aus dem Volkswagen Konzern gleichzeitig diesen Schritt gehen wollten.
WAMS: Porsche stand vor einem Zusammenschluss mit Red Bull.
Döllner: Genau.
WAMS: Die Verhandlungen scheiterten auf der Zielgeraden. Ganz anders bei Audi.
Döllner: Ich bin sehr glücklich, dass es für Audi geklappt hat. Denn als ich zu Audi gekommen bin, hat sich meine Sicht auf das Projekt grundlegend geändert. Wir haben sehr früh – wie bei allen Projekten – eine Bestandsaufnahme gemacht und gesehen, dass wir den Plan nachschärfen müssen. Das haben wir konsequent getan.
WAMS: Sie tauschten u. a. die komplette Führungsebene aus. Andreas Seidl und Oliver Hoffmann wurden durch Mattia Binotto und Jonathan Wheatley ersetzt.
Döllner: Im Zuge unserer Bestandsaufnahme haben wir überlegt, mit welcher Art Führung das Team optimal zusammenwachsen und arbeiten kann. Und es wurde klar, dass wir eine grundlegende Veränderung brauchen. Wir haben dann sehr schnell gehandelt.
WAMS: Audi wird das einzige Team sein, das mit einer Doppelspitze fungiert.
Döllner: Wir haben eine sehr moderne Struktur mit klaren Verantwortlichkeiten und sind überzeugt, dass das funktioniert.
WAMS: Motorenchef Adam Baker musste ebenfalls gehen. Eine optimale Vorbereitung für den Einstieg in die Formel 1 war das mit Sicherheit nicht.
Döllner: Adam hat über mehrere Jahre die Abteilung mit aufgebaut und geführt. Aber nachdem Mattia die technische Gesamtverantwortung übernommen hat, sind wir auch dort zu dem Entschluss gekommen, dass wir im Setup eine Veränderung brauchen.
WAMS: Baker ist mittlerweile Motorenchef bei Cadillac, dem zweiten neuen Rennstall in der Formel 1. Haben Sie keine Bedenken, dass Sie damit technische Geheimnisse an einen direkten Konkurrenten abgetreten haben?
Döllner: Da haben wir keine Sorgen, wenn man sich die zeitlichen Horizonte anschaut, über die wir dort reden. Bis 2029 wird Cadillac mit dem Motor und Getriebe eines anderen Herstellers fahren. Wenn sie dann ihre eigene Antriebseinheit nutzen, ist der Hybridmotor bereits über mehrere Jahre und viele Entwicklungsschritte weiterentwickelt.
WAMS: Bei der ersten Pressekonferenz als Audi-Rennstall am Rande des Großen Preises von Italien 2024 sagten Sie, dass das Team „schlank und effizient“ aufgebaut sein soll. Ist es das mittlerweile?
Döllner: Ja.
WAMS: Mattia Binotto ist als Chef des Formel-1-Projekts für die Motorenentwicklung und die Entwicklung des Rennautos zuständig, doch Jonathan Wheatley ist der Chef vor Ort bei den Grands Prix. Kann das auf Dauer gut gehen?
Döllner: Die beiden sind ein richtig gutes Duo und arbeiten Hand in Hand. Zudem haben wir ganz klare Verantwortungsbereiche, in denen jeweils gewirkt wird.
WAMS: Überschneidungen sind dabei unvermeidbar. Wer hätte das letzte Wort?
Döllner: Im Zweifel bin ich das als Vorsitzender des Verwaltungsrates der Audi Motorsport AG. An dem Punkt waren wir bisher aber noch nicht. Das Team wird ganz eindeutig von Mattia und Jonathan in ihren jeweiligen Bereichen geführt. Wir sehen in der Aufgabenteilung vor allem Vorteile. Ja, es gibt Überschneidungen, aber die Bereiche, die in Eigenverantwortung sind, sind signifikant größer. Beide haben also einen klaren Fokus. Wenn man es runterbricht, sorgt Mattia dafür, dass das Auto wettbewerbsfähig die Fabrik verlässt, und Jonathan fährt mit dem Team vor Ort das bestmögliche Ergebnis ein.
WAMS: Sie haben nicht nur personell, sondern auch finanziell nachgeschärft. Mit dem katarischen Staatsfonds Qatar Investment Authority (QIA) holten Sie einen Partner in das Team, der für rund 350 Millionen Euro 33 Prozent des Rennstalls erworben haben soll.
Döllner: Sie werden verstehen, dass ich keine Zahlen kommentieren kann, aber ja, mit QIA haben wir einen starken und verlässlichen Partner dazugeholt. Darüber sind wir sehr glücklich.
WAMS: Verstehen Sie, dass das kritisch gesehen wird, wenn der Staatsfonds – und damit das Land Katar, in dem noch immer Menschenrechte gelten, die nicht dem europäischen Standard entsprechen – 33 Prozent der Anteile an dem Rennstall hält?
Döllner: Die Qatar Investment Authority ist ein langjähriger und verlässlicher Partner des Volkswagen-Konzerns. Aus der Logik sind wir sehr froh, dass sie gemeinsam mit uns diesen Weg bestreiten.
WAMS: Finanziell ergibt das zweifelsfrei Sinn, aber inwiefern ist das moralisch vertretbar?
Döllner: Wir kennen natürlich die Diskussionen und nehmen das Thema sehr ernst. Umso wichtiger ist es, dass der Sport Brücken baut. Und wir sind froh, dass Katar nicht nur bei Volkswagen, sondern auch in der Formel 1 unser Partner ist.
WAMS: Stichwort VW. Der Konzern befindet sich in der Krise. Wie steht es in der Zentrale um den Ruf eines Milliardenprojektes in so schweren Zeiten?
Döllner: Die Entscheidung, dass Audi in die Formel 1 einsteigt, ist dort mitentschieden und getragen worden.
WAMS: Das war 2022. Damals war die Krise noch nicht so prekär wie heutzutage.
Döllner: Wir haben heute andere Rahmenbedingungen, die noch herausfordernder sind als zum damaligen Zeitpunkt der Entscheidung, ja. Aber das ändert nichts an der Unterstützung für dieses Projekt. Wir spüren den vollen Rückhalt aus Wolfsburg.
WAMS: Wie sieht die Stimmung hier in Ingolstadt aus? Bis 2029 sollen 7500 Jobs abgebaut werden.
Döllner: Wir erleben anspruchsvolle Zeiten in der größten Transformation unserer Industrie. Wir sind herausgefordert und verändern im Unternehmen sehr viel, um uns in diesen wirtschaftlich herausfordernden Zeiten zukunfts- und wettbewerbsfähig aufzustellen. Wir sind gerade dabei, den Aufbruch des Unternehmens in diese Zukunftsthemen zu gestalten. Das betrifft Themen wie Design, Technologie und Software. Neben diesen Produktthemen ist es extrem wertvoll, einen Nordstern wie das Formel-1-Projekt zu haben. Das ist greifbar, damit können sich die Menschen identifizieren. Das Projekt ist genau das, wofür wir es gemacht haben. Es ist Teil des Aufbruchs dieses Unternehmens, mit dem wir Audi wieder nach vorn bringen wollen. Mir ist aber noch wichtig zu sagen, dass die Formel 1 unter wirtschaftlich sinnvollen Rahmenbedingungen stattfindet. Für unser Engagement haben wir starke Partner an unserer Seite und wir versprechen uns positive Effekte für unser Kerngeschäft.
WAMS: Würde man sich mit den Rahmenbedingungen der heutigen Krise erneut für einen Einstieg in die Formel 1 entscheiden?
Döllner: Diese Frage stellt sich nicht. Die Saison 2026 bietet aufgrund des neuen Reglements seit 30 Jahren die beste Chance zum Einstieg. Daher war es richtig, unser Engagement zu diesem Zeitpunkt so zu entscheiden. Das war für Audi der nächste logische Schritt. Wir verfügen über eine lange und erfolgreiche Motorsport-Geschichte, die bis in die 1930er-Jahre zurückreicht. Nach Erfolgen im Rallye-Sport, auf der Langstrecke und in der DTM ist es nur konsequent, dass wir nun auch in der Formel 1 erfolgreich sein wollen. Umso wichtiger war es, nach unserer Bestandsaufnahme nachzuschärfen. Wir haben bewusst entschieden, das Team früher vollständig zu übernehmen, um das volle Potenzial ausschöpfen zu können. Das bedeutet, mehr Einfluss zu haben, Chassis und Antrieb gemeinsam zu entwickeln und auch die personellen Weichen auf der Teamseite entsprechend zu stellen.
WAMS: Sie haben keine Formel-1-Vergangenheit. Inwiefern können Sie sich mittlerweile für die Rennserie begeistern?
Döllner: Das habe ich schon immer getan. Das geht bis in meine Jugendzeit zurück. Ich habe lediglich beruflich nie mit der Formel 1 zu tun gehabt, aber die Technologie fasziniert mich seit Jahrzehnten. Ein, zwei Fahrer fand ich natürlich auch gut.
WAMS: Zum Beispiel?
Döllner: Michael Schumacher und Ayrton Senna. Ich fand ihre Persönlichkeiten und ihre Arbeitsweise beeindruckend. Aber damals habe ich nur zugeschaut, jetzt bin ich mittendrin. Ich kann und darf sehr viel mitgestalten. Natürlich braucht es da auch Begeisterung, aber ich bin gut beraten, wenn ich nicht in die Rolle des Fans gerate.
WAMS: Sie gestalten derzeit auch die Zukunft der Gesamtmarke Audi. Was können Sie aus der Formel 1 für die Serienproduktion lernen?
Döllner: Das wird vor allem die Bereiche Leichtbau und andere Grundtechnologien betreffen. Da können wir von der Formel 1 lernen. Aber das Allerwichtigste ist, dass dort ab dieser Saison ein Reglement greift, das Effizienz in den Mittelpunkt stellt. Effizienz im Gesamtsystem. Und auch Effizienz im Zusammenspiel von Verbrennungsmotor, E-Motor und der Batterie. Da gibt es schon sehr viel zu übertragen, da wir gerade intensiv die Elektrifizierung des Audi Portfolios vorantreiben. An Einzeltechnologien – so ehrlich müssen wir sein – allerdings weniger.
WAMS: Erklären Sie das bitte.
Döllner: Man muss zu allen Kunden und Fans ehrlich sein: Es wird kein Bauteil aus unserem Formel-1-Auto den Weg in ein Serienauto schaffen. Dafür sind die Entwicklungsansätze zu unterschiedlich. Nehmen wir die Batterie als Beispiel. In der Formel 1 muss diese vor allem Power liefern, auf der Straße zählt Reichweite.
WAMS: Also ist der Einstieg in der Formel 1 nur Prestige?
Döllner: Nein. Wir können viel aus dem Projekt lernen. Aber da geht es weniger um die Komponenten als um das System dahinter. Methodisch kann man viel mitnehmen. Zum Beispiel wie man Probleme löst und wie man das vor allem möglichst schnell tut. Das ist vielleicht der allerwichtigste Punkt. Das Teamwork, die Interaktion und die Kooperation, die man in so einem Formel-1-Team sieht – das zu übertragen und als Nordstern zu haben für Projekte, die wir bei Audi machen, ist für mich der allerwichtigste Aspekt.
WAMS: Audi wird neben Mercedes der zweite Rennstall, der unter deutscher Lizenz fährt. Wie eng soll die Verbindung von der Kernmarke zum Formel-1-Team sein? Bei den Silberpfeilen nutzt man zwar den Mercedes-Stern für die Außendarstellung, doch eng verbandelt ist das Team nicht mit der Zentrale in Stuttgart.
Döllner: Die Frage ist in zwei Stufen zu beantworten. Das Formel-1-Team soll in maximaler Eigenständigkeit mit der notwendigen Geschwindigkeit agieren können. Aber wo Audi draufsteht, ist auch Audi drin. Wir sind sehr stark verbunden mit den Werten der Kernmarke und wollen gemeinsam in die Zukunft aufbrechen. Das Formel-1-Team ist ein integraler Bestandteil der Vier Ringe.
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