Lisa Baum spielt ihre erste Bundesliga-Saison. Dennoch steht die Flügelspielerin von RB Leipzig längst im Notizbuch von Bundestrainer Christian Wück. Das 19 Jahre junge Top-Talent im Gespräch über Ziele und einen schlimmen Schicksalsschlag.

Frage: Frau Baum, Sie starten nach der Winterpause mit RB Leipzig am Sonntag gegen Tabellenführer FC Bayern. Hofft man da nur, dass die Niederlage nicht zu deutlich wird?

Lisa Baum: Auf keinen Fall. So eine Einstellung zu haben wäre fatal. Gleichwohl ist uns natürlich klar, dass die Bayern ein schwieriger Gegner sind. Aber wir wollen sie ärgern. Wir sind selbstbewusst und wollen eine Überraschung schaffen. Die Hinrunde ist für uns nicht so verlaufen, wie wir das erwartet hatten. In der Rückrunde müssen wir mehr Spiele gewinnen.

Frage: Apropos Bayern, das ist Ihr Lieblingsklub?

Baum: Als Kind war ich Bayern-Fan, das stimmt. Ich habe sogar in Bayern-Bettwäsche geschlafen. Heute würde ich die nicht mehr nehmen. Aber ich mag guten Fußball, deshalb schaue ich aktuell am liebsten Spiele des FC Barcelona.

Frage: Sie sind im Sommer vom Hamburger SV nach Leipzig gekommen, spielen Ihre erste Bundesliga-Saison. Wie schnell sind Sie angekommen?

Baum: Mir ging es erst mal darum reinzuschnuppern, und der Schritt ist auch groß. Aber ich habe mich sehr schnell anpassen können. Es macht mir sehr Spaß. Jetzt möchte ich konstant auf hohem Niveau spielen und noch mehr Tore vorlegen und erzielen.

Frage: Mit welchen drei Wörtern würden Sie Ihre Stärken beschreiben?

Baum: Dribbling, Tempo und Leichtigkeit.

Frage: Sie haben auf beiden Flügeln schon alle Positionen gespielt. Was mögen Sie am liebsten?

Baum: Ich bin zwar Rechtshänderin, aber mein linker Fuß ist besser, und ich habe lange gern links offensiv gespielt. Inzwischen macht es mir aber noch mehr Spaß, von rechts in die Mitte zu ziehen und mit dem starken Fuß abzuschließen.

Frage: Sie werden mit Florian Wirtz verglichen …

Baum: Ich habe mal gegen ihn Fußball gespielt – aus Zufall in einer Soccerhalle. Wir kannten dieselben Leute und standen plötzlich gegeneinander auf dem Feld. Nach dem Spiel bekam ich sogar ein Lob von ihm. Aber ein Vergleich ist ehrlicherweise Quatsch, weil wir uns fußballerisch überhaupt nicht ähneln.

Frage: Ihr Spielstil sieht nach Straßenfußball im besten Sinne aus. Wie sind Sie aufgewachsen?

Baum: Das höre ich oft. Ich bin ja die ersten fünf Lebensjahre in Tansania aufgewachsen. Es gibt Videos von mir und meinem Bruder, auf denen wir mit Klopapierrollen Fußball spielen. In Deutschland war ich dann aber schnell im Verein. Ich habe schon immer versucht, den Gegner auszuspielen, wenn ich den Ball hatte. Ich liebe diese Duelle.

Frage: War es immer leicht, als Mädchen Fußball zu spielen?

Baum: In Afrika ist es noch selten, dass Mädchen Fußball spielen. Meine Mama war anfangs auch überrascht, dass ich das wollte. Sie hat mich immer wie eine Prinzessin angezogen und hätte mich wahrscheinlich lieber als Supermodel gesehen, aber ich habe mich lieber an meinem großen Bruder orientiert. Der hatte Jogginghosen an – und ich dann auch.

Frage: Ihre Mutter kommt aus Tansania, Ihr Vater ist Deutscher. Sie sind in Afrika geboren. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Baum: Mein Papa hat in Afrika für eine große Firma Maschinen aufgebaut. Ich war dreimal wieder im Land, da kamen Erinnerungen hoch, wie viel wir in der Schule getanzt haben. Ich mag die Lockerheit, Offenheit und Herzlichkeit der Afrikaner sehr. So bin ich auch.

Frage: Ihr Bruder Dennis ist 2022 mit 17 Jahren bei einem Autounfall gestorben. Welche Rolle spielt er in Ihrem Leben?

Baum: Er war mein Alles. Ihn zu verlieren war das Schlimmste, was mir passiert ist. Geburtstage oder Weihnachten sind schwer für uns. Denn er ist noch sehr präsent bei uns. Ich habe ihn auf dem Handy als Hintergrundbild, damit ich mich jeden Tag an ihn erinnere – manchmal mit einem Lächeln, manchmal mit Trauer. Während der Spiele trage ich ein Tape mit seinem Namen und einem Spruch. Und auf meinen Schuhen stehen seine Initialen. So ist er immer bei mir. Ich wünschte mir, er wäre da und könnte alles sehen, was ich schaffe.

Frage: Sind Sie durch ihn zum Fußball gekommen?

Baum: Ich wollte so sein wie er und bin dann mit ihm zum Fußball gegangen. Und ich mache auch viel in meiner Karriere für ihn. Ich weiß, er ist stolz auf mich.

Frage: Sie gehen sehr offen mit Ihrer Trauer um. Warum?

Baum: Zum einen möchte ich, dass er nicht vergessen wird. Ich bin stolz auf ihn. Und es hilft mir selbst auch bei der Trauer. Mehr aber noch mein Glaube. Durch ihn kann ich es besser verarbeiten.

Frage: Sie sind ein sehr lebensfroher Mensch …

Baum: Wenn jemand aus der engen Familie plötzlich weg ist, wird einem bewusst, dass man für jeden Tag dankbar sein sollte. Ich nutze meine Zeit, weil ich nie wissen kann, wie schnell es vorbei sein kann.

Frage: Was sind Ihre größten Ziele?

Baum: Erst mal will ich mehr Tore schießen. Mittelfristig dann den Sprung zur Nationalmannschaft schaffen und Turniere spielen. Ich möchte mir keine Grenzen setzen.

Frage: Bundestrainer Christian Wück hat Sie auf der Liste. Ist die WM 2027 in Brasilien ein Ziel für Sie?

Baum: Ich hatte noch keinen Austausch mit Herrn Wück, aber es motiviert mich, dass er auch auf junge Spielerinnen setzt und vielen die Chance gibt. Ich habe für alle Jugend-Nationalmannschaften gespielt, aktuell für die U23. Viel mehr arbeite ich aber auf die EM 2029 hin, die bei uns in Deutschland stattfindet. Ein Turnier im eigenen Land – das wäre das Größte.

Frage: Bei Instagram nennen Sie sich LB11. Das klingt nach Star – wären Sie gern einer?

Baum: Na ja, das sind halt meine Initialen und meine Rückennummer. Mein Ziel ist nicht, ein Star zu sein. Ich möchte vor allem glücklich mit dem sein, was ich mache.

Frage: Sie zeigen auf Social Media viel von Ihrem Leben. Ist das für Sie ganz natürlich, oder war es eine bewusste Entscheidung?

Baum: Ich mag Social Media und finde, dass man sich nicht verstecken muss. Ich empfinde es auch als Chance, seine Fans darüber zu inspirieren. Die Menschen, die sich für mich interessieren, kommen auf diese Weise nah an mich heran und erfahren, wie das Leben als Fußball-Profi bei mir aussieht.

Frage: Ist es auch eine Chance, neben dem Fußball Geld zu verdienen?

Baum: Ja, es stimmt. Man kann mit Instagram, TikTok oder Snapchat Geld verdienen. Aber darum geht es mir nicht, ich bin Fußballerin. Wenn man ohne Belastung nebenbei noch Social Media machen kann, ist es okay. Aber ich weiß, dass das Internet auch eine andere Seite hat.

Frage: Haben Sie die schon kennengelernt?

Baum: Ja, ich habe schon Hass erfahren. Bei meinem Wechsel vom HSV nach Leipzig zum Beispiel. Oder auch nach Spielen, wenn ich nicht gut war.

Frage: Schauen Sie sich das an?

Baum: Mich juckt das wenig. Am meisten beschäftige ich mich mit fußballerischer Kritik. Die kommt schon bei mir an. Bei allem anderen weiß ich, dass es Schwachsinn ist.

Frage: Gab es rassistische Anfeindungen?

Baum: Über das Netz weniger. Im realen Leben leider schon. Ich spüre, dass ich von gewissen Menschen mit anderen Augen betrachtet werde. Ich habe in meinem Leben auch schon das N-Wort gehört und Kommentare, dass wir weniger wert sind. Das sind keine harten Übergriffe, sondern geschieht eher nebenbei. Aber mir fällt auf, dass es mehr von älteren Personen kommt. In der jüngeren Generation empfinde ich es nicht mehr so.

Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, SPORT BILD, BILD) erstellt und zuerst in SPORT BILD veröffentlicht.

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