Seit einiger Zeit begegnet dem, der Netflix einschaltet, der Hinweis auf ein waghalsiges Unterfangen. „Demnächst verfügbar: Skyscraper live“. Auf dem Bild ist ein Mann im roten T-Shirt zu sehen. Er steht mit dem Rücken zum Betrachter und schaut am Fuße ein endlos scheinendes Gebäude hinauf.
Der Mann in Rot ist Alex Honnold, einer der besten Extremkletterer der Welt. Eine Ikone seines Metiers, 2017 etwa meisterte er als Erster ohne Seilsicherung in nur vier Stunden die 900 Meter hohe Granitwand des legendären El Capitan im Yosemite-Nationalpark in den USA auf der extrem herausfordernden Route „Freerider“. Der Dokumentarfilm „Free Solo“ über Honnolds Aufstieg wurde 2019 mit einem Oscar ausgezeichnet.
Der Wolkenkratzer vor ihm ist der 508 Meter hohe Taipei 101 in Taiwans Hauptstadt Taipeh, der zeitweise das höchste Gebäude der Welt war. Ein stilisierter Bambusstab mit acht übereinander gestapelten, pagodenähnlichen Segmenten. Die Fassade besteht aus blau-grünlichem Glas und Alustreben, ist mit stilisierten Ruyi-Symbolen (für Erfüllung) und Drachenköpfen versehen, um Feng-Shui-Prinzipien zu entsprechen.
Daran wird Honnold hochklettern, in der Nacht auf Samstag live übertragen von Netflix. Es gibt einen Trailer des Streamingsenders. Der 40 Jahre alte Amerikaner sagt da, es sei schon immer sein Traum gewesen, einen Wolkenkratzer ohne Sicherung zu besteigen, „solo, ohne Seil und Ausrüstung. Nur ich und das Gebäude. 101 Stockwerke, kein Spielraum für Fehler“.
Im Trailer sind dann noch die Kinder von Honnold zu sehen. Er ist verheiratet und hat zwei kleine Töchter. Seine Frau Sanni kommt zu Wort. Sie sagt, die Leute würden das Solo-Klettern ihres Mannes jetzt in Frage stellen, „da er Vater ist. Aber das Solo-Klettern ist das, was Alex nun einmal ist“. Er selbst sagt: „Wenn man fällt, stirbt man.“
Damit ködert Netflix – mit dem Nervenkitzel eines potenziell tödlichen Projekts. Der Tod als Cliffhanger, so in etwa. Diese Gefahr schwingt zwar jederzeit mit, ist aber nach Ansicht von Kletter-Experten relativ überschaubar. So bewertet etwa der deutsche Olympia-Kletterer Alexander Megos das Projekt von Honnold als wenig anspruchsvoll. „Für ihn ist das auf jeden Fall keine große sportliche Herausforderung“, sagte Megos der „Zeit“.
Honnolds Aktion stoße nicht „ansatzweise an der Grenze des Menschenmöglichen“
Verglichen mit Honnolds früheren Free-Solo-Begehungen an Naturwänden sei das Vorhaben technisch deutlich harmloser. „Das, was er draußen am Fels gemacht hat – etwa am El Capitan oder am Half Dome – ist sportlich um ein Vielfaches schwieriger“, betont Megos.
Er habe sich Bildmaterial des Hochhauses in Taiwan angesehen: Die Fassade bestehe aus regelmäßig wiederkehrenden Elementen, Querstreben und kleinen Absätzen. „Es wirkt so, als gäbe es immer wieder Passagen, auf denen man ohne Hände stehen kann“, sagt Megos. Für einen Kletterer von Honnolds Format sei das „eigentlich absolut pillepalle“. Megos ist der Ansicht, dass es „vermutlich nicht ansatzweise an die Grenze des Menschenmöglichen“ stoße, aber eben „mit massiven Konsequenzen verbunden ist, weil er ohne Seil klettert“.
Die Kletterszene beobachtet das anstehende Spektakel jedenfalls eher unaufgeregt. „Die Besteigung des Taipei 101 wird dem Klettern keine neuen Erkenntnisse liefern, so gesehen ist die Aktion für uns als Kletterer nicht relevant“, sagt der deutsche Kletterstar Alexander Huber der „Deutschen Welle“.
Den Vorwurf, Honnold vermarkte sein eigenes Leben, weist sein Kletterkollege Megos allerdings zurück. „In unserer heutigen Welt finden es ja alle spannend, etwas Abgefahrenes oder Gefährliches zu sehen oder zu machen“, sagt er. Honnold tue das dabei glaubwürdig und aus innerem Antrieb. Megos ist überzeugt, dass er den Aufstieg auch ohne Bezahlung wagen würde – „einfach, weil es ihm taugt und Spaß macht“. Wer ihn dafür kritisiere, gehöre oft zu jenen, die genau solche Inhalte auf Plattformen wie Netflix konsumierten. Für Megos ist das „ein bisschen geheuchelt“.
Honnold bereitet die Besteigung von Taipei 101 nach eigenen Worten keine schlaflosen Nächte. Das machte er klar. „Meine Vision ist es, mit 80 Jahren im Kreise meiner Enkelkinder zu sterben“, sagt er.
Patrick Krull ist Sportredakteur der WELT. Wenn er in seiner Heimatstadt Bad Segeberg mal wieder auf den 91 Meter hohen Kalkberg geht, oben am Geländer steht und auf die Karl-May-Bühne hinunterschaut, ist das für ihn eine Herausforderung – er hat Höhenangst.
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